Als vor inzwischen schon vielen Jahren die Ankündigung eines Klassentreffens im Briefkasten lag, sagte ich sofort zu. Vor allem die Neugier bewog mich, der Einladung Folge zu leisten. Ich wollte erleben, wie sich das Bild meiner Mitschülerinnen und Mitschüler, das ich in Erinnerung trug, mit dem Bild der Erwachsenen deckte, die ich antreffen würde. Ich wollte wissen, ob meine Sympathien und Antipathien noch immer dieselben waren wie damals, in den Jahren der Oberstufe.
Die Fahrt ins Dorf meiner Kindheit, als Nostalgiefahrt gedacht, wurde zu einer Reise ins Heute. Ich traf nicht die Mädchen und Knaben von einst. Ich traf die Erwachsenen, die aus ihnen geworden waren. Meine Neugier fand reiche Nahrung. Manche bestätigten meine Erinnerung, manche versetzten mich in Erstaunen, manche hinterliessen ein Gefühl der Betroffenheit, manche erkannte ich gar nicht wieder. Mitschüler, die mich damals gelangweilt hatten, interessierten mich, andere, die damals brilliert und geleuchtet hatten, waren verblasst und vom Leben gezeichnet.
Alle, fast alle waren gekommen. Und alle fanden am Ende des Abends: Das war toll. Das wiederholen wir. Alle fünf Jahre.
Und so geschah es. Die beiden Mitschülerinnen, die das erste Wiedersehen in die Wege geleitet hatten, organisierten auch die folgenden Treffen. Sie schickten uns keine Briefe mehr, sondern wechselten zur elektronischen Post. Sie gingen mit der Zeit. Wir alle gingen mit der Zeit. Wir alle hatten jetzt eine Mailbox. Alle fünf Jahre lag in der Mailbox die nächste Ankündigung. Wir trafen uns immer im März. Immer am Freitag. Immer um 19 Uhr, immer im «Löwen». Und weil die Abende jedesmal so gelungen waren, wurde am Ende des vierten Treffens fröhlich beschlossen, den Turnus des Wiedersehens von 5 auf 3 Jahre zu verkürzen.
Auch ich hatte keine Bedenken gegen ein rascheres Wiedersehen. Und als dann pünktlich drei Jahre danach das neue Aufgebot vor mir lag, sagte ich ein weiteres Mal automatisch zu. So automatisch wie für die nächste Kontrolle beim Zahnarzt. Das Klassentreffen war zu einer Regel geworden. Zu einer festen Grösse in meinem Kalender.
Doch als der neue Termin vor der Tür stand, war ich plötzlich gar nicht mehr sicher. Ich wusste auf einmal nicht mehr, ob ich mich darauf freute. Natürlich fuhr ich trotzdem wieder ins Dorf meiner Kindheit. Doch am Eingang zum «Löwen» zögerte ich. Ich zögerte, weil ich wusste, was mich erwartete. Dasselbe wie drei Jahre vorher. Dasselbe wie jedesmal. Immer im März. Immer an einem Freitag. Immer im «Löwen».
Ich mochte meine ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler. Ich mochte sie eigentlich alle. Jeden auf seine Art. Jede auf ihre Art. Doch zwischen ihnen und mir befand sich ein Glas – eine kaum erkennbare Scheibe aus Glas. Meine Mitschüler konnten mich durch das Glas hindurch sehen, und ich konnte sie sehen. Doch weder sie noch ich konnten das Glas zerbrechen. Die gläserne Trennwand, das wurde mir klar, hatte von Anfang an existiert. Und auch das fünfte Klassentreffen würde nichts daran ändern.
*
Ich kannte meine ehemaligen Klassenkameraden inzwischen ein wenig. Ich kannte sie jetzt als Erwachsene. Alle fünf Jahre hatte ich einen Abend lang mit ihnen geredet, gelacht und Erinnerungen verglichen. Alle fünf Jahre hatte ich ihnen zugehört und mir gewünscht, sie könnten auch mir zuhören. Ich wusste jetzt, worüber sie nachdachten. Aber ich wusste auch, worüber sie nicht nachdachten. Worüber sie niemals nachdenken würden.
Alle fünf Jahre hatte ich miterlebt, was meinen Klassenkameraden gefiel. Was sie angeregt und zufrieden machte. An diesem fünften Klassentreffen war es nicht anders. Sie genossen den Abend bei bester Laune. Der «Löwen», das etwas biedere Dorflokal, fand wiederum ihre Würdigung. Sie mochten die Ambiance, sie mochten das Essen, sie mochten den Spass ebenso wie die guten Gespräche. Die Bilanz, die am Ende des Abends gezogen wurde, war positiv. Einträchtig positiv. So wie jedesmal.
Wie an jeder Vereinsversammlung wurde den beiden Mitschülerinnen für ihr erneutes Engagement gedankt. Und mit Genugtuung wurde begrüsst, dass sich die beiden Damen bereit erklärten, die Klassentreffen auch fürderhin zu organisieren. Das nächste Mal in drei Jahren. Wie immer im März. An einem Freitag um 19 Uhr. Im Restaurant «Löwen».
Da hielt ich es nicht mehr aus. Obwohl sich schon Aufbruchstimmung bemerkbar machte, wagte ich eine Anregung. Könnte man nicht, fragte ich, einmal ein anderes Restaurant ausprobieren? Und könnte man nicht zur Auflockerung des Abends ein kleines Programm, eine Vorführung oder Besichtigung in Betracht ziehen?
Ich machte den Vorschlag mir selber zuliebe - und merkte auch gleich, dass ich damit allein blieb. Die versammelte Klasse reagierte verhalten. Niemand hielt es für nötig, mir beizupflichten. Niemand ergriff das Wort. Alle, so schien es, waren zufrieden, nichts ändern zu müssen.
Einigen tue ich vielleicht unrecht. Sie empfanden vielleicht dasselbe wie ich. Aber sie blieben stumm.
Nur die beiden Organisatorinnen äusserten sich. Meine Erwägung nahmen sie dankend entgegen. Doch sie liessen unschwer erkennen, dass sie sich darüber nicht freuten. In ihren Augen war ich ein Miesmacher. Ein Unzufriedener. Sie fanden mich undankbar.
*
Wieder vergingen 3 Jahre. Bis letzten Herbst. Und Ende Oktober, wie immer nach Plan, folgte die Einladung für den März. Für den letzten Freitag im Monat März. Um 19 Uhr. Im Restaurant «Löwen». Mein Vorschlag zur Güte blieb unerwähnt. Die Damen vom OK gingen nicht darauf ein. Mit keinem Wort. Sie brauchten auch nicht darauf einzugehen. Sie hatten die Klasse auf ihrer Seite. Und ich stand auf der anderen Seite.
Als gäbe es diese Wand aus Glas wirklich. Und als wäre sie undurchdringlich.
Ich liess die Einladung liegen. Während des ganzen Winters lag sie in meiner Mailbox. Sie rutschte immer weiter nach unten. Bis Anfang März hatte ich Zeit für die Antwort.
Gegenüber der Gruppe ist der Einzelne immer der Schwächere. Ich aber wollte nicht der Schwächere sein. Ich wollte dazugehören, auch weiterhin. Ich war doch einer von ihnen. Wir waren doch eine Gemeinschaft?
Anfang März öffnete ich die Einladung wieder. Ich musste mich jetzt entscheiden.
Dann hatte ich einen Traum. Ich träume immer, in jeder Nacht, aber am Morgen entschlüpft mir der Traum. Diesmal nicht. Ich wusste alles noch ganz genau.
Ich träumte von der Klassenzusammenkunft. Der Abend fand wieder im gleichen Lokal statt, und meine ehemaligen Mitschüler waren auch diesmal alle gekommen. Doch sie blieben mir merkwürdig fremd. Sie sassen in Gruppen zusammen, assen und tranken und unterhielten sich. Auch ich holte mir Essen am Buffet, und wollte mich zu ihnen setzen. Aber an keinem der Tische fühlte ich mich willkommen, sodass ich – den vollen Teller in meiner Hand – etwas verloren umherging. Ich fühlte mich ausgeschlossen und abgelehnt.
Doch auf einmal waren die Mitschüler nicht mehr wichtig. Obwohl ich mich noch immer im gleichen Raum befand, veränderte sich die Szene. Ich begegnete einer Giraffe, einer richtig grossen Giraffe. Ich hatte ihr Bild am Abend vorher im Netz gesehen – und was tat nun diese Giraffe im Traum? Ehe ich’s mir versah, hatte sie ihren Hals um mich geschlungen.
Der Hals einer Giraffe wäre in Wirklichkeit wohl nicht wendig genug, um mich zu umfassen, aber im Traum konnte sie es. Und das Erstaunliche und Verwirrende war: Sie umschlang mich mit ihrem Hals so behutsam und zärtlich, dass ich mich in ihrer Umarmung geborgen fühlte.
Bedenken, die Giraffe könnte mich sanft erdrücken, hatte ich schon. Aber eigentlich wusste ich, sie würde dies niemals wollen. Wie eine Mutter umfasste sie mich, die ihr Kind in den Armen hält und liebevoll darauf achtet, dass sie es nicht zu sehr drückt. Was ich spürte, war Liebe, die reine Liebe eines Tieres zu mir.
Dann erwachte ich. Den ganzen Tag trug ich den Traum mit mir herum. Am Abend öffnete ich meine Mailbox. Ich suchte die Einladung für die Klassenzusammenkunft, und ich löschte sie.