Davon träumt wohl jeder ab und zu: Aus dem Konsumwahn aussteigen, der digitalen Welt den Rücken kehren, sein Geld mit den eigenen Händen verdienen, von niemandem abhängig sein und nur besitzen, was man wirklich braucht. Freiheit! Kristian Dittmann hat sie verwirklicht.
Dem YouTuber Jannick Jonscher erzählt er in seiner ihm ganz eigenen Gelassenheit, warum er trotz – oder gerade wegen – seiner radikalen Einfachheit zufrieden ist. «Glück ist für mich heute unabhängig von dem, was ich gerade fühle. Es ist der Grundton meines Lebens, der mir sagt, es ist alles richtig.»
Er ist dabei kein Aussteiger im klassischen Sinne: Er arbeitet hart, stellt in der eigenen Werkstatt Seegraskissen her, erntet das Material selbst am Strand und lebt von dem Verkauf.
Er hat alles, was er braucht – und mehr. «Ich bin quasi Millionär ohne Geld», sagt er über sein Leben. Sein Konsum und die Technik, die er nutzt, sind auf dem Niveau der Achtziger Jahre stehen geblieben. «Ich glaube tatsächlich, dass die Menschen damals noch mehr Spass hatten, direkter miteinander umgingen und einfach mehr gelacht haben.» So jedenfalls seine Erinnerung an die Elterngeneration.
Seegras als Rohstoff – ein Zufall
Vor 13 Jahren kam ihm beim Strandspaziergang eine Erkenntnis: Das Seegras, das vor allem im Herbst überall an der Ostsee angetrieben wird, ist ein wertvoller Rohstoff. «Das war ein Schlüsselmoment,» erinnert er sich. Heute ist er mit seiner Firma «Strandmanufaktur» Deutschlands grösster Produzent von Seegraskissen. Das Material holt er selbst mit Schubkarre und Forke vom Strand, wäscht es, trocknet es und stopft es in alte, hochwertige Bezüge.
Um das Seegras zu ernten, geht er um elf Uhr abends an den Strand und schläft dort – damit er morgens als erstes dort ist. «Wenn das Seegras am Strand liegt, dann muss ich los. Denn ich muss vor den Möwen, den Hunden und dem Gemeindetrecker sein.»
Die Kissen sind ideal für Allergiker, sie reduzieren Schwitzen und Nackenschmerzen. Kristian weiss: «Wer gut schläft, braucht kein Seegraskissen. Aber ein Drittel aller Menschen in Deutschland schläft schlecht.» Das ist seine potenzielle Zielgruppe.

Auch als Unternehmer unterstützt er bewussten Konsum: Auf seinem Internet-Shop kann man die Preise selbst auswählen (ganz ähnlich wie bei einem Zeitpunkt-Abo).
Einfaches Leben als bewusste Wahl
Kristian lebt in einer alten, früher verwahrlosten Scheune. «Dieses Gebäude war für mich ein Sechser im Lotto.» Er hat alles selbst renoviert und Platz für die Werkstatt, Produktion, Wohnen und sogar für Schafe und Hühner geschaffen. «Wenn ich etwas baue, dann ist das nie schön oder ausgefeilt oder von hoher handwerklicher Kunst, sondern es erfüllt die Funktion.»
Sein Alltag ist Arbeit und Freizeit zugleich: «Ich arbeite im Grunde immer – und nie.» Er steht auf, wann er aufwacht – jedenfalls ohne Stress und Wecker – und erledigt, was ansteht: Seegras ernten, waschen, stopfen, Gartenarbeit.
Er besitzt kein Smartphone, fühlt keinen Computerzwang, besitzt nur das Nötigste. Er braucht auch keine teuren Reisen oder Statussymbole. Sein alter Lieferwagen, ein Mercedes 609, ist für ihn perfekt. Das Einzige, was er vermisst bzw. wo er sich ausgeschlossen fühlt, ist die schnelle Kommunikation und kurzfristige Whatsapp-Gruppen. Aber die innere Ruhe, die er durch den Verzicht gewinnt, wiegt das auf.
«Je mehr ich mich den heutigen gesellschaftlichen Zwänge und Erwartungen entziehe, um so mehr komme ich in echte Nähe unter Menschen, wo man auch mal einen Witz raushaut und sich gehen lassen kann.»
Kritik an der modernen Gesellschaft
Kristian sieht in der heutigen Gesellschaft viel Stress und Ablenkung durch Konsum und Technik. Und ganz nebenbei gibt er seine Philosophie preis: «Gemeinschaft können wir. An Gesellschaft verzweifeln wir.»
Die Werbung, der ständige Druck, mehr zu haben, das permanente «Säuseln» um uns herum – das alles lehnt er ab. «Zum Beispiel im Supermarkt, wo eine Stimme säuselnd sagt, hier die Krönungswochen und das Verwöhnaroma und nimm mich mit, alles auf eine wirklich sexualisierte Art.»
In dieser Umgebung sei uns der Umgang mit Humor und Spontaneität verloren gegangen: «Ich hab das Gefühl, heute wird ja so viel auf die Goldwaage gelegt, dass die Einfachheit, das Witzige, das Spontane heute alles nicht mehr sein darf.»Wir sollten deshalb nicht versuchen, das System zu reparieren, sondern uns auf die Menschen konzentrieren, die uns umgeben.
Er setzt auf Eigenständigkeit und Selbstverantwortung: «Wenn man ein Leben leben möchte, was einem selbst gefällt, braucht man Fantasie.»
Trotz aller Arbeit strahlt Kristian Zufriedenheit und viel Gelassenheit aus. Weniger kann mehr sein: Ihm können wir es abschauen.