Orchideen für Zolty
Warum stirbt ein Mensch gerade dann, wenn er sich auf das Kommende freut? Eine Abschiedsfeier in einer Garage in Spreitenbach. Aus dem Podcast «Mitten im Leben»
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«Schon morgen werden hier wieder Lastwagen stehen, aber noch immer brennen die Kerzen auf dem Altar» (Bild NL/KI)

Die Gedenkfeier für Zolty findet in einer Garage statt, und als ich am frühen Abend dort ankomme, kann ich mir kaum etwas Unfeierlicheres vorstellen als eine Feier an diesem Ort. Die Garage gehört zur Lastwagenfirma, für die Zolty gearbeitet hat, und ihr Standort ist Spreitenbach, das einstige Dorf, in dem die Agglomeration ihren Ursprung hat.

In der Industriezone Spreitenbachs, wo sich Firmengebäude an Firmengebäude und Parkplatz an Parkplatz reiht, wo die schweren Transporter schon startbereit für den nächsten Morgen wie Elefanten nebeneinander in Reih und Glied stehen – hier war Zolty siebzehn Jahre lang angestellt. So viele Jahre hat er Tag für Tag mit einem der grossen Laster Lebensmitteltransporte gemacht, und nun, mit erst 55 ist er gestorben, und die Besitzerfamilie der Firma macht für ihn diese Feier, denn Zolty hat zur Familie gehört. Wie ein Vater war der Patron war für ihn, und wenn ihn der Patron fragte, ob Zolty an seinem freien Tag ausnahmsweise eine Tour übernehmen könne, hat er sie übernommen.

Als ich den Raum betrete, erkenne ich die Trostlosigkeit der Garage nicht wieder, die mir die Tochter des Patrons bei meinem ersten Besuch gezeigt hat. Mit Tüchern und Spots haben die Mitarbeiter vom Büro eine geschützte, intime Stimmung geschaffen, viele Stühle stehen bereit, und vorne wurde ein kleiner weiss gedeckter, mit Orchideen und brennenden Kerzen geschmückter Altar aufgebaut, in dessen Mitte ein Porträt von Zolty steht, ein typisches Bild von ihm, die langen, weiss gewordenen Haare zum Rosschwanz gebunden, die abgedunkelte Brille. Untypisch nur die Krawatte, das sagen alle, die Zolty kannten – eine Krawatte hätte er nie getragen, das muss ein Foto von seiner Hochzeit sein.

Die Chauffeure treffen ein, seine Kollegen, die einen kommen direkt von der Tour, die anderen von zu Hause, sie opfern den Feierabend, um ihren verstorbenen Kameraden zu ehren, die ganze Familie des Unternehmers hat sich versammelt, alle arbeiten mit im Geschäft, und allen ist Zolti nahe gestanden. Sie trauern um ihn wie um einen verlorenen Freund.

Zur Einstimmung hat die Mitarbeiterin im Sekretariat ein klassisches Stück ausgewählt, Mozart erklingt, und obwohl vermutlich keiner der Männer, die hier nebeneinander sitzen, bei sich daheim Mozart hört, wird es still im Raum, und eine besinnliche Stimmung erfüllt die kalte Garage, in der es auf einmal wärmer zu werden scheint.

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Zolty war Ungar, beginne ich zu erzählen, und er blieb es in seinem Herzen bis ganz zuletzt. In die Schweiz kam er mit 18. Er reiste allein, seine Eltern durften nicht emigrieren, weil Ungarn zu jener Zeit noch kommunistisch regiert war und seine Bürger nur selektiv ausreisen liess. Zoltans Vater war Akademiker, der Sohn jedoch brauchte Geld, als er in Zürich ankam, deshalb konnte er sich keine Ausbildung leisten und wurde Taxifahrer.

Er verlobte sich viel zu jung, heiratete, wurde Vater einer Tochter, für die er nach der Trennung nur noch bezahlen durfte. Das hat ihn all die Jahre bekümmert, und glücklicherweise erlebt er nicht, dass seine Tochter nicht einmal jetzt, an der Abschiedsfeier für ihn erscheint. Sie mag ihre Gründe haben, denke ich so für mich, aber sie hätte kommen können.  

Das Taxifahren gefiel dem jungen Heimatlosen aus Ungarn, er redete gern mit den Leuten, er war ein interessierter und fröhlicher Mensch, und er verkaufte sein Taxi erst, als ihm die ehrbare Tätigkeit durch immer mehr Neueinsteiger ohne Erfahrung und ohne Berufsstolz verleidet wurde. Mit Ende Dreissig machte Zolty die Lastwagenprüfung. So kam er zum Spreitenbacher Transportunternehmen.

Eigentlich war Zolty kein Autofahrer. Schon am ersten Tag in der neuen Firma fuhr er nicht mit dem PKW vor, sondern mit seiner Harley. Das war Zolty – der Ungar und sein gelb gestrichener Töff. Von da an stand während 17 Jahren, bei mildem Wetter sogar im Winter, jeden Morgen die Harley am Eingang, und alle wussten, Zolty ist da.

Da eine Harley Davison kein normales Motorrad ist, sondern eine Lebenseinstellung, musste sich ihr Besitzer entsprechende Sprüche gefallen lassen. Manchmal zum Beispiel hinterliess seine Harley ölige Flecken auf dem Asphalt. Da meinte der Sohn des Patrons, der es mit Zolty gut konnte, einmal zu ihm:

«Schau’ mal, wie dein Töff tröpfelt. So wie er rinnt, ist er nicht gerade sehr umweltfreundlich!»

Darauf erwiderte Zolty mit der grössten Gelassenheit: «Eine Harley rinnt nicht – sie markiert. Und das tut sie an derselben Stelle nur einmal.»

So markierte Zolty mit seiner Harley und seinen Harley fahrenden Freunden die ganze Region. Er war Mitglied in mehreren Harley-Clubs, die nicht nur der gemeinsamen Leidenschaft dienten, sondern noch mehr der Geselligkeit und Kameradschaft – deren Wert sich vor allem dann erweist, wenn man Pech in der Liebe hat. Auch Zolty hatte Pech in der Liebe. In all den Jahren war er häufiger single und allein unterwegs als mit einer Dame an seiner Seite. Er blieb in einem gewissen Sinne der Heimatlose, und er reiste nach Ungarn, so oft es ihm die Ferien erlaubten.

«Eine Art neue Heimat aber hat er gehabt», sage ich und blicke in die versammelte Runde – «das waren Sie.»

Zolty wurde gebraucht und geschätzt, als Mensch und ebenso sehr als Berufskollege mit viel Erfahrung.  Auch die jungen Chauffeure mochten ihn, weil er sie unterstützte, wann immer sie Hilfe brauchten. Er konnte zum Beispiel mit Anhängern fahren. Das kann nicht jeder, das muss gelernt sein, vor allem das Manövrieren und das Parkieren mit einem Anhänger. Zolty hat es den Jungen immer wieder gezeigt oder manchmal auch abgenommen. «Er war mein GPS in der Firma», sagt einer von ihnen, der neu in die Firma gekommen ist. Ein GPS war Zolty für viele von ihnen.

Mittlerweile gehörte er zu der älteren Garde – was sich unter anderem darin zeigte, dass er die noch handgeschalteten Lastwagen gegenüber den Automaten bevorzugte. Sein Fahrzeug war in der Regel die Nr. 4, und auf der Tafel hinter der Scheibe prangte sein Name in grossen Lettern. Mit diesem Wagen fuhr er am liebsten. Er war nicht mehr gern unterwegs mit Lastern, die er nicht kannte, und er fuhr auch zu Kunden, die er nicht kannte, immer weniger gern. Zolty wollte sich frühzeitig pensionieren lassen, wenn möglich schon jetzt, er war 55, und er hätte morgen schon aufhören wollen.

Nicht wegen der Firma. Dass die Firma für ihn ein Zuhause war, hatte sich nie geändert. Doch er war müde geworden, müde nach all den Jahren am Lenkrad, und er hatte den Wunsch, sich zur Ruhe zu setzen.

Er wusste, dass er noch durchhalten musste, fünf Jahre noch, bis er 60 war. Doch der Patron hatte ihm angetönt, er könne ihn vielleicht vorher schon gehen lassen.

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Die Tour 70 war seine Lieblingstour, immer samstags, und auch an diesem Oktobersamstag. Frühmorgens um 5 fuhr er los, in den Aargau, Schafisheim war das Ziel seiner Tour, er kannte die Leute dort, er freute sich auf den Kaffee mit ihnen. Zolty war gesund. Auch an diesem Morgen war er gesund, und er hatte auch keine durchzechte Nacht hinter sich. Ob er etwas geahnt hat, wissen wir nicht.

Um 8 Uhr 30 kommt er in Schafisheim an. Marko, der Sohn des Patrons und Juniorchef, erinnert sich an die Uhrzeit, denn um 8 Uhr 30 hat ihm Zolty telefoniert und ihm gebeichtet, er habe bei seiner Ankunft, beim Rückwärtsfahren die Mauer erwischt und das Anhängerrücklicht kaputtgemacht.

Zolty gab so etwas immer gleich offen zu, und so meinte der Juniorchef nur: «Das kann passieren. Beruhige dich einfach, bevor du abfährst. Bis zum Schichtende bist du wieder zurück.»

Bis später, bestätigt Zolty. Bis später? Darf man das sagen? Wie will man wissen, ob es ein später gibt?  

Ein anderer Chauffeur, der zur gleichen Zeit wie der Ungar in Schafisheim war, wird sich danach erinnern, Zolty habe mit ihnen Kaffee getrunken wie immer, er habe Sprüche gemacht, wie so oft, bevor sie sich zu ihren Lastern begaben.

Um 9 Uhr erhält Marko, der Juniorchef einen neuen Anruf. Mit sich überschlagender Stimme berichtet ein Kollege aus Schafisheim, Zolty liege bewusstlos am Boden. Er sei beim Beladen des Wagens auf einmal zusammengebrochen.

Marko fährt sofort los – und er rast mehr, als er fährt. Als er in Schafisheim eintrifft, ist die Sanität längst vor Ort, doch sie kann nichts mehr tun. Zolty erlitt eine Herzattacke. Man hat ihn vergeblich zu reanimieren versucht. Die Nachricht von seinem Tod aus heiterem Himmel verbreitet sich rasch, die SMS gehen von Fahrzeug zu Fahrzeug, und mittags, als die Chauffeure von der Frühschicht zurück nach Spreitenbach kommen, haben sie Tränen in ihren Augen. Aus der Vorfreude auf das Wochenende wird Erschütterung. Die meisten schweigen. Sie versuchen, den Schmerz, der sie übermannt, von sich abzuwehren.

*

Und auch jetzt wieder, einige Tage später, an der traurigen Feier in der Garage, sehe ich die Betroffenheit in den Blicken der Männer, als ich von ihrem Kollegen erzähle, der dem Leben so unerwartet entrissen wurde. Unter den Anwesenden sind auch einige Frauen von Lastwagenfahrern, auch sie haben Zolty gekannt oder von ihren Männern gehört, was für ein feiner Kerl dieser Zolty war.

Eine der Frauen, die schon einiges älter ist, kann die Tränen fast nicht zurückhalten. Das muss sie auch nicht. Die Frau heisst Eva, sie kommt aus Ungarn, und sie ist mit Zolty verheiratet.

Zolty und sie sind sich begegnet in Budapest, das war vor zehn Jahren. Was heisst begegnet – sie sind sich wiederbegegnet, denn Zolty kannte Eva schon in der Jugend, sie war seine erste Liebe, und als er sie wieder antraf, sind die Gefühle, die jahrzehntelang schliefen, mit aller Macht neu erwacht. Eines Tages haben sie dann in Ungarn geheiratet, von da stammt das Bild, das Zolty mit Krawatte und Anzug zeigt. Für das Glück einer späten Liebe hat sich der Easy Rider ausnahmsweise in Schale geworfen.

Seit er mit Eva zusammen war, reiste Zolty in seinen Ferien und an jedem verlängerten Wochenende zurück in die alte Heimat. Und er plante, noch am Tag seiner Pensionierung ganz nach Ungarn überzusiedeln. Deshalb sein Wunsch, sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen zu lassen. Eva arbeitet in Budapest, sie hat zwei Töchter, die den Ungarn aus der Schweiz lieben. Nach der Hochzeit kaufte das Paar in Ungarn ein Haus. Auf diese Weise hat Zolty endlich, jedesmal, wenn er Eva und ihre Töchter in Ungarn besuchte, das Familienleben erleben dürfen, das er wohl immer vermisst hat.

Jetzt, im Oktober ist Eva zu ihm gekommen. Sie hat eine Woche Ferien genommen, wohnte bei ihm in der Wohnung, die er so viele Jahre allein bewohnt hat, und bereitete ihm jeden Mittag das Essen, wenn er von seiner Frühschicht zurückkam. Auch an diesem Samstag wollte sie für ihn kochen.

Aber noch im Laufe des Vormittags wurde sie von der Polizei aufgesucht. So erfuhr sie die niederschmetternde Nachricht, und ihr einziger Beistand in diesem Moment waren ihre zwei Töchter, die mit ihr in die Schweiz gereist waren.

Kurze Zeit später stand der Patron von Zolty an ihrer Tür, begleitet von einem jungen Ungarn, dem Zolty einen Job in der Firma vermittelt hatte. Der Unternehmer sah es als seine selbstverständliche Pflicht an, der so jäh zur Witwe Gewordenen persönlich sein Beileid zu überbringen. Der junge Ungar übesetzte. Eva nahm die tröstenden Worte des Firmenchefs, von Schluchzen geschüttelt, entgegen. Aber sie hat gespürt, wie erschüttert auch er war, der inzwischen ältere Herr, der Zolty vor siebzehn Jahren angestellt hat. Der Gang zu ihr fiel ihm schwer. Er hätte es nicht tun müssen. Er hätte auch die Gedenkfeier in der Garage nicht veranlassen müssen. Doch er hat es getan.

Es war Zolty nicht mehr vergönnt, seinen Lebensabend mit Eva in Ungarn verbringen zu können. Ich schliesse meine Worte an der Gedenkfeier mit der Frage, warum ein Mensch sterben muss, an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt, auf den er sich doch eigentlich freut? Eine allgemeingültige Antwort darauf gibt es nicht. Nur Zolty selbst spürte vielleicht, warum.

Seine letzte Ruhestätte wird er in Ungarn finden – dort, wo seine Wurzeln sind, wo seine Eltern begraben sind.

Mit einem weiteren klassischen Stück Musik geht die Feier in der Garage zu Ende. Schon morgen werden hier wieder Lastwagen stehen, aber noch immer brennen die Kerzen auf dem Altar, und noch immer leuchten die Orchideen im flackernden Licht. Orchideen für Zolty, dessen Porträt immer noch mittendrin hängt.

Vor dem Bild aber, man sieht es kaum, steht ein kleines Motorrad. Die Harley durfte nicht fehlen. 
 

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. Neben dem Schreiben gestaltete er während 30 Jahren freie Trauungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

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