Über die «neue Russophobie»
Prof. Dr. Michael Schneider (Jg 1943) hat sich als Schriftsteller unter anderem intensiv mit den deutsch-sowjetischen Beziehungen auseinandergesetzt. Im Interview mit Christine Born spricht er über die Russophobie, die von der deutschen Politik gerade wieder neu angefacht wird.
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Russenhass-Propaganda der Nazis. Bild: Wikimedia

Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten. 
(Helmut Kohl)

Zeitpunkt: Sie sprechen von der «neuen Russophobie». Was verstehen Sie darunter?

Dr. Michael Schneider: Russophobie ist in Deutschland im Grunde kein neues Phänomen. Bereits im Ersten Weltkrieg, erst recht im Zweiten, wurde – wie meistens in kriegerischen Konflikten – ein propagandistisches Feindbild von den Russen aufgebaut. Russen wurden als «Untermenschen», unkultiviert, primitiv und brutal beschrieben. Entsprechende Bilder zeigten menschliche Fratzen

Nach dem Zweiten Weltkrieg sahen sich die Deutschen, vor allem die Millionen Ostvertriebenen, in zahlreichen Berichten, Büchern und Filmen meist als Verfolgte und Opfer der «grausamen Russen». Mit dem von den Amerikanern geschürten «Kalten Krieg»setzte sich das Feindbild Russland bruchlos fort. So konnten auch die alten Nazi-Eliten in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft der jungen Bundesrepublik ihre «braunen Vergangenheit» und ihre Mitschuld an diesem wahnwitzigen Krieg gegen die Sowjetunion getrost abschreiben und vertuschen. Zumal der Russlandfeldzug der Deutschen Wehrmacht in der Wissenschaft erst relativ spät und nur begrenzt aufgearbeitet wurde. Es gab nur wenige Wissenschaftler, die sich für das Thema wirklich interessierten und sich Einblick und Zugriff auf die Archive verschafften. 

Dazu gehörten der Historiker Wolfram Wette, Leiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Freiburg, und seine Mitarbeiter. Für die bundesrepublikanischen Medien und die westdeutsche Mehrheitsbevölkerung aber waren und blieben die während des Russlandfeldzuges von Wehrmachtsangehörigen, ss-Männern, Polizisten, Sicherheitsdiensten (SD) und Einsatzkommandos verübten Verbrechen an der russischen Zivilbevölkerung noch lange ein Tabuthema, ja, eine Art Blackbox. Sonst liesse sich auch kaum erklären, dass man jetzt aktuell in Deutschland wieder in die alte Kontinuität der Russophobie zurückfällt.

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Zeitpunkt: Welche Fakten über den Russlandfeldzug (1941 bis 1945) sind bisher kaum in der deutschen Öffentlichkeit bekannt?

Dr. Michael Schneider: Die deutschen Truppen haben sowohl auf dem Vormarsch 1941 als auch auf dem Rückmarsch nach dem Prinzip der «verbrannten Erde» ungeheure Zerstörungen angerichtet. In dem fast vier Jahre andauernden Krieg haben sie 15 Grossstädte, 1750 Kleinstädte und 70 000 Dörfer zerstört. Ein Drittel des bebaubaren Landes in den besetzten Gebieten wurde verödet, die Hälfte der russischen Industrieanlagenvernichtet. Insgesamt wurden 27 Millionen Russen getötet, acht bis zehn Millionen wurden ausserhalb derregulären Kriegshandlungen als «Freischärler», «Partisanenverdächtige», «Saboteure» und Geiseln erschossen oder im Zuge kollektiver Vergeltungsmassnahmen, wie dem Niederbrennen ganzer Dörfer und Ortschaften, umgebracht. Allein in Weissrussland sind auf diese Weise 628 Dörfer mit fast allen Einwohnern vernichtet worden. In vielen Fällen wurden die Dorfbewohner in Schulen, Scheunen und Kasernen getrieben und dort bei lebendigem Leibe verbrannt. Auch dies war eine Art Auschwitz. Der so genannte «Kriegsgerichtsbarkeitserlass» gab den Wehrmachts- und ss-Angehörigen dabei die Sicherheit, dass keiner von ihnen zur Rechenschaft gezogen werden konnte, wenn sie Russen oder Juden ausserhalb von direkten Kampfhandlungen umbrachten. Bei der Belagerung von Leningrad, die dreieinhalb Jahre andauerte, sind etwaeine Million Menschen, Frauen und Kinder, buchstäblich verhungert. Auch der Holocaust setzte sich beim deutschen Russlandfeldzug fort. Beim Massaker von Babyn Jar (nahe Kiew) sind 33 771 russische Juden durch Gewehrschüsse ermordet worden.

Ich will nicht behaupten, dass von russischer Seite keine Kriegsverbrechen begangen wurden, aber man sollte sich in einem Krieg immer beide Seiten genau ansehen. Bei ihrem Vormarsch auf Berlin wurden die Russen damals Tag für Tag zu Zeugen dieses grauenvollen Zerstörungswerks der Deutschen. Man kann sich vorstellen, wie sich ihre Wut steigerte, je näher sie der deutschen Reichshauptstadt kamen.

Das «Unternehmen Barbarossa»,wie das faschistische Synonym für den Russlandfeldzug lautete, wurde vom deutschen Historiker Ernst Nolte 1963 als der ungeheuerlichste Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg bezeichnet, den die moderne Geschichte kennt. 2025 schrieb der amerikanische Historiker Jochen Hellbeck ebenfalls: «Ein Krieg wie kein anderer». Zwar ging die Sowjetunion als militärischer Sieger aus diesem Krieg hervor, aber dieser Sieg kostete sie so ungeheure Opfer, dass man eigentlich von einem Phyrussieg sprechen müsste.

Zeitpunkt: Wie erinnert man sich in Russland an den Zweiten Weltkrieg?

Dr. Michael Schneider: Es gibt in der Russischen Föderation bis heute eine ausgeprägte Erinnerungskultur: Museen, Filme, Denkmäler, Literatur und viele Lieder über den «Grossen Vaterländischen Krieg». Während in Deutschland dieser Krieg bis heute mehr oder weniger beschwiegen wird, abgesehen von der Memoiren-Literatur ehemaliger Wehrmachtsangehöriger und populären Berichten und Filmen über Vertreibung und Flucht à la «Soweit die Füsse tragen.»

Zwar gibt es in Deutschland zum Holocaust eine intensive Erinnerungskultur. Aber wo sind die Denkmäler oder Ausstellungen hierzulande, die an die 3,3 Millionen Russen und Sowjetbürger erinnern, die sich in deutschen KZs, Straflagern und unterirdischen Bergwerken zu Tode schuften mussten, die erschossen, erschlagen oder vergast worden sind? Es gibt sie nicht. Die Sterblichkeitsrate in den deutschen Kriegsgefangenenlagern lag im Schnitt bei 60 Prozent, was wohl berechtigt, sie auch als Vernichtungslager zu qualifizieren. Was in Russland bis heute als kollektives Trauma erinnert wird, ist in Deutschland einer kollektiven Amnesie anheimgefallen.

Auch wusste man in der Sowjetunion sehr wohl zwischen Nationalsozialismus und den deutschen Menschen zu unterscheiden. Das mörderische Nazisystem wurde verdammt. Doch es gab keine Kollektivschuldthese. Zudem hatten die Russen immer eine grosse Hochachtung vor der deutschen Kultur.

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Russophobie-Propaganda aus dem Jahr 1931. Bild: Wikimedia

Zeitpunkt: Wie erinnert man sich in Deutschland?

Dr. Michael Schneider: Die Wehrmachtausstellung, die am 5. März 1995 unter dem Titel «Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944» in Hamburg eröffnet wurde, löste – wenn auch mit grosser Verspätung – eine heftige Diskussion und Proteste aus. Erklärtes Ziel dieser Ausstellung war es, mit der «Legende von der sauberen Wehrmacht» aufzuräumen, so der Ausstellungskatalog. Es waren Fotostrecken und Einzelbilder von Wehrmachtssoldaten bei Gräueltaten zu sehen. Die Wanderausstellung, die vom Hamburger Institut für Sozialforschung und dessen Gründer und Vorstand, Jan Philipp Reemtsma, verantwortet wurde, traf auf grosses gesellschaftliches Echo. Mehr als 850.000 Menschen sahen sich die Exponate in 34 Städten in Deutschland und Österreich an. Kritiker sprachen dagegen von Nestbeschmutzung. Es gab sogar Demonstrationen gegen die Ausstellung und Krawalle. Die Ausstellung wurde daraufhin geschlossen, das Material historisch überprüft. Am 27. November 2001 eröffnete die revidierte Ausstellung in Berlin erneut unter dem Titel «Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskriege». An dieser Geschichte zur Wehrmachtsausstellung lässt sich bereits ablesen, wie schwer es vielen Deutschen fiel undimmer noch fällt, die Kriegsverbrechen an den Russen im Nachhinein als solche anzuerkennen.

Zeitpunkt: In der DDR sah das vermutlich etwas anders aus?

Dr. Michael Schneider: Die Ostdeutschen haben die Russen auch als Menschen erlebt. Die russischen Soldaten waren zwar kaserniert, und es galt das «Fraternisierungsverbot». Aber jeder DDR-Bürger konnte sehen, dass die russischen Soldaten nicht besonders gut gestellt waren und oft aus armen Regionen der Sowjetunion kamen. Man hatte sogar Mitleid mit ihnen und konnte sie deshalb kaum als feindliche Besatzer wahrnehmen. Es gab auch Schuldgefühle wegen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Über die Nazi-Verbrechen im Zuge des Russlandfeldzugs waren die Ostdeutschen durch die SED, eine zahlreiche Literatur, auch durch Filme aufgeklärt worden. Russland wurde offiziell als «Brudervolk» bezeichnet.

Zeitpunkt: Und wie steht es um die aktuelle «neue Russophobie»?

Dr. Michael Schneider: Mir kommt es so vor, als sei die aktuelle Russophobie vor allem durch Politik und Medien geschürt und gepusht worden. Dazu beigetragen hat auch die völlig einseitige Berichterstattung über den Ukrainekonflikt. Die inzwischen gut erforschte und dokumentierte Rolle, die die USA und Grossbritannien beim Majdan-Putsch 2014, also lange vor Putins Überfall auf die Ukraine, und bei der Aufrüstung der ukrainischen Armee gespielt haben – all dies wird von den West-Medien völlig ausgeblendet. Der Konflikt wird personalisiert, indem man Putin als eiskalten und imperialistischen Kriegsherren dämonisiert. In seiner Rede an die Nation am 21. Februar 2022, drei Tage vor dem Einmarsch der Russen in die Ukraine, beschwor Präsident Putin die aus russischer Sicht existenzielle Bedrohung, die ein NATO-Beitritt der Ukraine für sein Land mit sich bringe. Die Stationierung moderner Raketensysteme in der Ukraine bedeute Bedrohung des gesamten europäischen Territoriums Russlands. Innerhalb von Minuten könnten Hyperschallraketen Moskau erreichen. Putin dazu: «Das bezeichnet man als das Messer am Hals».

Zeitpunkt: Gibt es Auswege?

Dr. Michael Schneider: Wir zehren heute noch vom Kniefall Willy Brandts 1970 in Warschau, der sich auf den Polenfeldzug bezog, aber auch Wirkungen auf den Osten allgemein hatte. Der Kniefall war eine grosse Geste der Entschuldigung, der Reue, eine Bitte um Vergebung und Frieden, die aus der Tiefe des Herzens kam. Bis heute hat die Friedenspolitik von Willy Brandt und seines Beraters Egon Bahr Vorbildfunktion. Egon Bahr war der Meinung, man müsse sich so schwer es auch falle, immer in die Ängste und Bedrohungsgefühle der gegnerischen Seite hineinversetzen und von daher die NATO-Ost-Erweiterung sehr kritisch sehen. Wir sollten Russlands Bedürfnis nach einer stabilen Sicherheitsarchitektur respektieren und nicht unsensibel und blind eine Politik der Rüstungsspirale und Drohung weiterverfolgen.

Die Menschen in Deutschland und Russland sehnen sich in der Mehrheit nach Frieden. Wo aber sind die mutigen Politiker, die aus einem Deutschland, das von «Kriegstüchtigkeit» schwadroniert und sich jetzt in eine Vorkriegssituation hinein militarisiert hat, endlich einmal Friedenssignale senden?

Dr. Christine Born

Dr. Christine Born

Dr. Christine Born ist Diplom-Journalistin und Autorin. Sie interessiert sich für Politik, Kultur, Pädagogik, Psychologie sowie Naturthemen aller Art.

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