War Jesus in der Lage, ein Leben ohne Liebe zu führen?
Gustavo Petro glaubt nein und vermutet, dass der heilige Mann aus Nazareth auch Sex gehabt hätte. Diese Vermutung äusserte der kolumbianische Staatspräsident am 28. Januar auch öffentlich in einer Fragerunde mit Publikum.
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Gustavo Petro. Foto: Wikimedia

«Ich glaube, dass Jesus Liebe gemacht hat, ja. Vielleicht mit Maria Magdalena, denn ein Mann wie er könnte ohne Liebe nicht existieren. Und er unterstützte die Frauen bis zum Ende und starb nicht wie Bolívar; er starb umgeben von den Frauen, die ihn liebten, und das waren viele», erklärte Petro. Die Empörung nach Petros Rede war gross, schliesslich ist Kolumbien ein Land mit 79% von Katholiken. Die Kirche stellt Jesus immer noch als Symbol der Keuschheit dar. Petros Ansichten seien respektlos.

Die Medien des Landes verbreiteten Petros Vermutungen genüsslich. Hatte dieser linksgerichtete Präsident die grossen Medienkonzerne nicht kürzlich als Kollaborateure des internationalen Imperialismus bezeichnet? Als korrupt und bestochen von Israel, da sie so laut schwiegen angesichts des Völkermords in Gaza? Und jetzt liefert er ihnen so eine Steilvorlage, ihn abzusägen. Bei den Wahlen in diesem Jahr, davon darf man ausgehen, wird Petros Aussage immer wieder breitgetreten werden.

Gustavo Petro, der ehemalige Guerilla-Kämpfer, polarisiert wie keiner seiner Vorgänger im Amt. Die einen sehen ihn als Friedenspräsidenten, die anderen als Verräter. Er entschuldigte sich öffentlich für die Verbrechen des Staates vor seiner Amtszeit, benannte die Verflechtungen der Grossgrundbesitzer, der Oligarchien, der Massenmedien und der Geldelite mit dem Paramilitär. Dieses war imit israelischer Hilfe ausgebildet worden und hatte jahrzehntelang bürgerkriegsähnliche Verhältnisse geschaffen. Kolumbien ist ein Land mit 4 Millionen Binnenflüchtlingen.

Petro verhandelte einen schwierigen Friedenskurs mit den bewaffneten Gruppen. Seine Regierung erklärte 2025 die kolumbianische Amazonas-Region als besondere Schutz- und Reservenzone, um Biodiversität, Wasser und die Rechte indigener Völker zu schützen – das bedeutendste Umweltschutzprojekt der letzten Jahrzehnte.

Vor der UNO benannte er schon 2022 den «Krieg gegen Drogen» der USA als gescheitert und weigerte sich, ihn fortzuführen. Es handle sich um einen vorgeschobenen Grund, in Lateinamerika zu herrschen und Macht auszuüben. Bestraft würden damit die armen Kleinbauern und die Natur, während die wahren Täter – die Händler und Schmuggler, die Labors und die Konsumenten in den USA selbst – weiter machten wie immer. Wer denkt da nicht an den Mann aus Nazareth, der einst die Händler aus dem Tempel prügelte! Kein Wunder, dass Donald Trump ihn als «kranken Mann» bezeichnete und ihm Anfang Januar den nächsten Regimewechsel androhte. Die Elite Kolumbien freut sich darauf, schliesslich sind es ihre Privilegien, die mit Petros Friedenskurs bedroht sind.

Nein, ich finde es nicht erstaunlich, dass Gustavo Petro – auch als nach eigenen Angaben «nicht praktizierender Katholik» – sich möglicherweise intensiver mit Jesus Christus beschäftigt als so mancher, fest im zölibatären Sattel sitzende katholische Priester. Ich glaube ebenfalls, dass ein Mann mit so viel Mut und unter so viel Bedrohungen Liebe zum Leben brauchte. Und zwar so viel Liebe wie möglich, geistig, seelisch und natürlich auch leiblich.

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Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger
Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch unter dem Namen Leila Dregger bekannt). Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebte fast 40 Jahren in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
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Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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