«Ich hätte gern mein Leben zurück … Stattdessen ist mein Leben Schulqual.»
«Ich habe verlernt, auf meinen Körper zu hören. Der sagt mir schon lange: Hör auf, du kannst nicht mehr. Aber dann kommen wieder die Gedanken: Du musst doch den Stoff schaffen. Du musst gute Noten schaffen. Du darfst deine Eltern nicht enttäuschen.»
Diese Stimmen waren keine Randerscheinung. Es waren viele. Ein leiser, dann lauter werdender Aufschrei. Die Schule war schon vor Corona stressig gewesen. Doch nach dem Lockdown kam ein System zurück, das nur eines kannte: Stoff nachholen. Tests schreiben. Noten sichern. Funktionieren. Die Jugendlichen lieferten weiter. Und realisierten, dass sie daran innerlich zerbrechen.
Was uns – eine ehemalige Schulleiterin und eine Künstlerin – zutiefst erschütterte, war nicht nur der Schmerz. Es war die Normalisierung dieses Schmerzes.
«Und das Schlimmste ist, dass es normal ist. Zu leiden wird normalisiert.»
Wir wussten: Es braucht keine weitere Studie. Es braucht Räume des Zuhörens, des Stärkens. Es braucht Resonanz-Räume. Jetzt.
Die 11 RebellInnen: Aus einem Brief wurde eine Bewegung
Im Dezember 2021, als Leolo, Schüler einer 10. Klasse noch spätabends für eine Arbeit am nächsten Tag lernte, floss alles, was sich angestaut hatte, aus ihm heraus. Wieso sitze hier um Mitternacht noch - ausgelaugt, extrem fertig und verzweifelt? Leolo nahm sein Handy und sprach einen Text in seine whatsapp:
Ich hätte gern mein Leben zurück. Meine Zeit und die glücklichen Momente, die ich mit tollen Menschen haben könnte. So viel für nichts. Stattdessen ist mein Leben Schulqual. ... Wie konnte so etwas Tolles wie Wissensbereicherung zu so etwas Furchtbarem wie Schulsystem mutieren? ... Und das Schlimmste ist, dass es normal ist. Zu leiden wird normalisiert. Niemand kritisiert es. Und wer es tut, der nervt. Er soll sich doch einfach fügen. Machen ja schliesslich alle so. Was wir nicht verstehen ist, dass wir in der Mehrheit sind. Wir haben die Macht zu ändern, was uns nicht recht ist. Wir sind nur schon zu müde, ausgelaugt und kaputt, schon zu tief drin, um das zu realisieren. Ich kann nicht mehr.
Als Leolo seinen Text im SchülerInnenrat vorlas, herrschte minutenlange Stille. Dann beschlossen die Jugendlichen: Wir schreiben auch. Wir hängen unsere Wahrheit ins Schulhaus. Und dann hingen im Schulflur 5, 10, 15, 20, 30, 50, 70 Briefe. 70 Zeugnisse innerer Not. Elf Jugendliche gründeten mit uns die «11 Rebell:innen». Mit dem Motto «Schule macht uns krank» gingen sie auf die Strasse. Sie standen vor dem Leipziger Rathaus, lasen ihre Briefe mit Megafonen. Sie diskutierten auf öffentlichen Plätzen. Sie stellten sich Vorurteilen. Und sie stellten eine Frage, die uns alle betrifft: Wie geht es unseren Kindern wirklich?
Die mediale Resonanz war gross. Aber wichtiger war etwas anderes: Die Jugendlichen erlebten Selbstwirksamkeit. Sie waren nicht mehr nur Betroffene. Sie wurden GestalterInnen.
In dieser Zeit entstand unser Buch «Das Schuldrama und wie wir unsere Kinder für die Zukunft stärken», in dem Zitate aus den Briefen der Jugendlichen eingewoben sind und ihnen damit öffentliche Stimme verleihen und die Idee eines Ortes:
Ein Ort, der zuhört.
Ein Ort, der Schmerz nicht pathologisiert, sondern politisiert.
Ein Ort, der Kunst und Bildung verbindet.
Ein Ort für Haltungswandel.
So wurde im Oktober 2023 das RealLabor Leipzig gegründet. Das RealLabor Friedliche Bildungsrevolution ist ein inspirierender, wohnzimmerartiger, realer Begegnungsort mitten in Leipzig zwischen Hauptbahnhof und Nikolaikirche. Hier geht es um reale Begegnungen, reale Probleme und reale Lösungen. Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft treffen sich hier ungezwungen, um für die Transformation in Schule und Gesellschaft einzutreten.
Schule braucht ein neues Betriebssystem, keine Reparatur des alten. Wie 1989 ein Systemwechsel in der DDR friedlich gelang, in dem kleine Gruppen das Neue dachten, sagten und umsetzten, muss heute das Bildungswesen erneuert werden. Die transformative Kraft der Künste spielt von Anfang eine grosse Rolle, um aus der Enge, Gewohnheit, Ängsten und dem Mangel an Visionen leichter herauszufinden.
Wie setzen wir neue Schulkonzepte wie Herzfeld einfach im eigenen Umfeld um – an der eigenen Schule ? Wie überwinden wir Widerstände gemeinsam? Welche Praxisbeispiele gibt es schon? Wie verbinde ich mich mit anderen Menschen? u.v.m.
RealLaborantInnen verstehen sich als Lobbyisten für Kinder und Jugendliche. Privat und schulisch sind Kinder oft extremen Überforderungen ausgesetzt: durch andauernde Krisen, Armut, Druck, digitale Vereinnahmung, Einsamkeit, Mobbing und den Mangel an Fürsorge-Formaten im System Schule. Kinder sind kluge, ehrliche und empathische Menschen. Sie müssen spüren, dass sie etwas bewirken können. Erwachsene müssen unbedingt diese Gelegenheiten schaffen.
Doch auch Erwachsene im System fühlen sich überfordert und ausgebrannt. Das Neue zu wagen – obwohl man erschöpft ist – geht nur mit fürsorglicher Begleitung. Mit der Schaffung grösserer Gemeinschaften, die an Veränderung glauben, und mit Räumen, die KRAFT und MUT vermitteln. Die Konzepte sind da. Mindset und Begeisterung für das Neue entstehen in Räumen wie dem RealLabor: beim Sprechen, Zuhören, Lachen, Weinen und Sein können, wie man ist.
RealLabore befördern das Aufbrechen der traditionellen strikten Trennung zwischen Schulwelt mit LehrerInnen und SchülerInnen und unserer tatsächlichen Lebenswelt. LehrerInnen und SchülerInnen beschreiben immer wieder, wie sie sich als Gefangene des Systems fühlen. Ohnmächtig. Eingesperrt. Überfordert. Kein Raum fürs Denken und Fühlen.
Inzwischen gründen sich nach dem Leipziger Modell zahlreiche RealLabore – Göttingen, Bremen, Erfurt, Görlitz, Jena, München und eines auch in Basel. Spirit war und ist immer die reale Begegnung und die Erfahrung, Teil einer grossen transformativen Gemeinschaft zu sein. Alle entstehenden RealLabore sind übergreifend in Städten und auch mit Kleinstädten im ländlichen Raum verbunden. Der regelmässige Austausch per ZOOM erhält das Gemeinschaftsgefühl. Erfahrungen der einen sind oft schon die Lösung der anderen. Niemand fühlt sich allein. In die Gründung eingebunden werden in jeder Stadt die politischen Player für Bildung. Städtische mögliche Räume in der Innenstadt werden gemeinsam gesucht.
Träger der RealLabore sind oft bereits aktive Initiativen oder Vereine in der jeweiligen Stadt. Beim Leipziger RealLabor ist dies «Schule im Aufbruch gGmbH».
Reallabore verstehen sich als geistiges Zentrum und transformative Kraft für den Haltungswandel, der in den Zielen der UNESCO für die Bildung des 21. Jhd. verankert ist. In allen Bereichen der Gesellschaft, ob Architektur, Politik, Wissenschaft oder Kunst – in Stadt und Land – gibt es die offenen grossen Fragen zu Sinnkrise, Klimakrise, sozialer Krise und zum Wissenserwerb in einer digitalisierten Welt.
Es kann auch in Schulen keine vorbereiteten linearen Lösungen mehr geben. Mit Kreativität und Fehlermut müssen heute Kinder, Jugendliche und Erwachsene zusammen nach agilen Lösungen suchen: Überall! Dazu regen RealLabore an. Werkzeuge für den Wandel wurden im RealLabor Leipzig aus den realen Fragen und Bedürfnissen von LehrerInnen und SchülerInnen entwickelt und die Herzfeld-Pädagogik in einfacher Sprache formuliert.
Herzfeld ist die transformative Essenz der tiefen und jahrzehntelangen Auseinandersetzung der Bildungsreformerin Margret Rasfeld und ihrer WegbegleiterInnen mit dem Programm der UNESCO für die Bildung im 21. Jahrhundert. Überzeugt davon, dass wir nur mit einem neuen Menschen- und Weltbild den Planeten retten können, entwickelte sie unermüdlich dazu passende Praxisformate und wurde dafür vielfach ausgezeichnet. Innerhalb des alten Schulsystems setzte sie die neuen Formate mit den festgeschriebenen neuen Werten der UNESCO in die Praxis um.
In ihrer AGENDA Schule in Essen Holsterhausen, die sie 10 Jahre leitete, wurden neue Lernformate entwickelt: der wöchentliche Projekttag zum Handeln in der Kommune, die wöchentliche Schulversammlung, das Einladen von Menschen mit Botschaften, die Auszeichnung für Zivilcourage, die ökologische Gestaltung von Gebäude und Campus.
Die Kinder waren eingebunden in die Leitbildentwicklung der Stadt Essen und in viele städtische Arbeitsgruppen und haben als AGENDA-BotschafterInnen viele Menschen inspiriert. 1999 erfanden zwölfjährige SchülerInnen das Schulfach Verantwortung, das inzwischen hunderte Schulen inspiriert hat. «Brandeins», ein Magazin für eine neue Wirtschaft und ein selbstbestimmtes Leben für alle, konstatierte: Das geht!
Die UNESCO zertifizierte Initiative «Schule im Aufbruch» wurde 2012 von Margret Rasfeld, Gerald Hüther und Stephan Breidenbach gegründet, und 2020 schrieb sie das Buch FREI DAY. Mit diesem Format können alle Schulen den Haltungswandel lernen, verstehen und ausweiten. Selbstwirksames Handeln und die Kraft von Gemeinschaft zu erleben, das sind zentrale Elemente.
Die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ) wurde zur «Pilgerstätte». Hier waren die 4 Säulen der UNESCO vom UNESCO-PAPIER in die PRAXIS überführt.
- Lernen zu wissen: Erwerb von Wissen, Verständnis und kritischem Denken.
- Lernen zu tun: Erwerb praktischer Fähigkeiten und beruflicher Kompetenzen.
- Lernen zusammenzuleben: Entwicklung sozialer Kompetenzen, Verständnis für andere, Toleranz und Frieden.
- Lernen zu sein: Persönlichkeitsentwicklung, Selbstbestimmung und Verantwortungsbewusstsein.
Aus all diesen Erfahrungen können wir nur ermuntern zu handeln: Es geht immer mehr! Schütze deine und die Gesundheit der Kinder. Das RealLabor lädt ein: Höre auf dein Herz. Suche Gemeinschaft. Beginne dort, wo du Einfluss hast. Es gibt nicht DIE Lösung. Aber es gibt tausende Handlungsmöglichkeiten.
Bildung ist nie nur individuell. Sie ist immer gesellschaftlich. Das RealLabor ist ein öffentlicher Transformationsraum. Haltungswandelkarten, Herzfeld, Workshop ResonanzRaum und Seminare für Universitäten wurden hier prozesshaft entwickelt. Passgenau auf die Fragen, Probleme und Wünsche zugeschnitten, die Studierende, Lehrkräfte und Schüler:innen ins RealLabor mitbringen. So verstehen sich die RealLabore auch als Zentren für´s Zuhören und Entwickeln neuer Ideen.
Margret und Ute: Wer sind wir und wofür stehen wir?
Margret Rasfeld ist Schulleiterin im aktiven Ruhestand, Autorin, Sprecherin, Expertin für Zukunftslernen, Gründerin von Schule im Aufbruch, Erfinderin des FREI DAY und Mitgründerin des RealLabor Leipzig. Sie setzt sich seit Jahrzehnten ein für die Transformation der Schule: Eckwerte sind Potenzialentfaltung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Verantwortung, Partizipation, Sinn.

Ute Puder engagiert sich als Kommunikationsexpertin mit Dokumentarfilmen, Performances im öffentlichen Raum und der Entwicklung neuer Kommunikationsformate für gesellschaftlichen Wandel. Auch das von Ute mitgegründete RealLabor – mitten in Leipzig – ist ein lebendiger, von der Kunst inspirierter Transformationsort.
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