Aus dem Podcast «5 Minuten» von Nicolas Lindt

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Wir übernachteten vor einiger Zeit in einem Hotelzimmer – in einem durchaus komfortablen Schweizer Hotelzimmer – wo das Bad nur durch eine Wand vom Zimmer getrennt war. Doch es war eine Wand, die nicht bis zur Decke reichte, also konnte man alles hören und riechen, was im Bad vor sich ging. Das gefiel uns gar nicht. Auf den ganzen gestylten Komfort hätten wir lieber verzichtet – zugunsten eines normalen Badezimmers.

Nun lese ich in der Zeitung, dass es Hotels gibt, die ihre Zimmer völlig offen gestalten. Nur eine Wand aus Glas trennt das Bad vom restlichen Raum. Befindet man sich allein im Zimmer, wäre das noch erträglich, aber zu zweit könnte es doch etwas peinlich werden, denn alles, was die Partnerin oder der Partner im Badezimmer tut, wäre dann nicht nur hörbar und riechbar, sondern auch sichtbar.

Die Zeitung befragt dann zwei Paartherapeuten dazu, was sie von gläsernen Hotelzimmern halten, und die Paartherapeuten sagen wissenschaftlich fundiert dasselbe, was auch wir sagen würden. Nämlich dass wir lieber keine gläsernen Wände möchten, weil wir im Bad ganz für uns sein möchten, weil wir diesen Rückzugsraum brauchen, wenn es um unsere körperlichen Bedürfnisse geht.

Ich überlegte mir dann, warum kommen Hoteldesigner überhaupt auf eine so verrückte Idee, in Hotelzimmern gläserne Nassbereiche einzurichten. Und ich glaube, dahinter steht die allgemeine Tendenz, dass der Mensch immer öffentlicher werden soll, dass alles, was er macht, transparent und einsehbar werden soll, dass er nichts Privates, nichts Intimes mehr haben soll, das nur ihm gehört. Daran soll sich der Mensch gewöhnen, ebenso wie er lernen soll, damit zu leben, dass überall in der Öffentlichkeit Kameras auf ihn gerichtet sind, die alles, was er macht, registrieren. Der Mensch soll ein gläserner Mensch werden, dazu fällt mir George Orwells «1984» ein und die Wohnung von Winston, wo er sich nirgends zurückziehen kann, weil die Wohnung bis in die hinterste Ecke hinein mit Kameras überwacht wird.

Vielleicht wird es bald auch in Hotelzimmern Kameras haben – gläserne Wände und Kameras, es würde mich nicht erstaunen. Aber das will ich nicht. Diese ganze Entwicklung behagt mir nicht. Ich finde im Gegenteil, wir sollten wieder mehr Intimsphäre haben, mehr private Bereiche, wo uns niemand behelligen darf, nicht einmal unsere Liebsten, wo wir ganz für uns sein können. Ich habe das auch unseren Kindern so vorgelebt, dass man nicht alles zeigen, nicht alles enthüllen muss, dass man eine natürliche Scham haben darf voreinander. Und wer die Türe des Badezimmers abschliessen will, soll sie abschliessen dürfen.

Mir behagt auch die neue Gewohnheit in Spielfilmen nicht, wo die Akteure sogar beim Gang zur Toilette begleitet werden, wo man sie auf dem Lokus sitzen und reden und telefonieren sieht, ich finde das unangenehm, wenn ich das sehe, ich schliesse manchmal sogar die Augen, weil mich das einfach nichts angeht.

Bin ich altmodisch? Bin ich prüde? Vielleicht hat das Bedürfnis nach Intimsphäre auch mit dem Respekt vor der Würde des Menschen zu tun – vor der körperlichen Würde des Menschen. Während der Coronazeit wurde sie mit Füssen getreten. Wir müssen sie wieder verteidigen. Und ich kann nur empfehlen: Wer in Zukunft ein Hotelzimmer bucht, sollte nicht nur danach fragen, ob das Zimmer Seesicht hat, sondern auch, ob das Bad vom Zimmer abgetrennt ist. Ob man dort seine Ruhe hat.

Über

Nicolas Lindt

Submitted by admin on Di, 11/17/2020 - 00:36

 

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Soeben erschienen: «Heiraten im Namen der Liebe» - Hochzeit, freie Trauung und Taufe: 121 Fragen und Antworten - Ein Ratgeber und ein Buch über die Liebe - 412 Seiten, gebunden - Erhältlich in jeder Buchhandlung auf Bestellung oder online bei Ex LibrisOrell Füssli oder auch Amazon - Informationen zum Buch

Weitere Bücher von Nicolas Lindt

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