Immer, wenn ich gegen Ende Januar Helikopterlärm höre, weiss ich: Das Forum der Mächtigen in Davos hat begonnen. Die Militärhelikopter, die, vom Flughafen kommend, unser Dorf überqueren, sind dann nicht mehr zu zählen. Und jeder von ihnen enthält eine prominente, wenn auch nicht immer weltbewegende Fracht.
So war es bereits vor etlichen Jahren, an einem Morgen im Januar. Ich lief mit dem Hund den Berg hinauf und sah schon von weitem einen Hubschrauber der Armee, der offenbar notlanden musste. Als ich die Wiese oberhalb des Dorfes erreichte, war die Landung gerade geschehen, und die Rotoren kamen zum Stillstand. Neben der Scheune, die im Winter den Schafen gehört, stand das Grüpplein der soeben ausgestiegenen Passagiere. Ich sah den Piloten, zwei Herren in dunklen Anzügen - und ich sah die Frau. Die Männer waren bereits mit ihren kleinen digitalen Geräten beschäftigt, während die Dame auf dem hartgefrorenen Schnee ein paar zögernde Schritte tat.
Als ich mit dem Hund näher kam, erkannte ich, dass es sich bei der Dame, die sich da etwas ratlos die Füsse vertrat, um niemand anderen handeln konnte als um die damals mächtigste Frau von Deutschland. Die Merkel. Angela Merkel. Auf einer Wiese im Zürcher Oberland hatte ihre Durchhalteparole «Wir schaffen das» frühzeitigen Schiffbruch erlitten. Unfreiwillig war sie gestrandet und konnte nicht weiter.
Gross und fremd stand das Fluggerät, das offensichtlich defekt war, neben der Strasse im Schnee. Die Männer telefonierten hektisch und laut, als könnten sie damit die Behebung der Panne beschleunigen. Doch die Frau Bundeskanzlerin wirkte ein wenig unschlüssig. Ihr Telefon hatte sie nicht dabei. Vielleicht hatte sie es im Helikopter vergessen, als sie denselben verliess.
Jetzt bemerkte sie mich. Auch die Männer blickten nicht ohne Argwohn zu mir herüber, schienen dann aber zum Schluss zu kommen, dass ein terroristischer Anschlag nicht zu befürchten sei. Sie setzten ihre Telefonate fort.
«Guten Morgen Frau Bundeskanzler», sagte ich höflich und näherte mich der Dame mit der gebotenen Achtung. «Kann ich helfen?»
Der Tank habe ein Leck, erklärte mir die Frau Bundeskanzler, deshalb hätten sie landen müssen. Sie verriet mir den Grund der Panne, obwohl der Spaziergänger, der ich war, diesen Grund nicht zu kennen brauchte. Doch sie hielt es offenbar nicht für notwendig, ihre magistrale Rolle mir gegenüber zu wahren. Vielmehr gab sie ihrer Erleichterung Ausdruck, dass die unplanmässige Landung ohne Probleme verlaufen war.
Der Pilot forderte einen Ersatzhelikopter an, die Herren in Schwarz meldeten die Verspätung nach Berlin und Davos – ihre Arbeitgeberin jedoch hatte Zeit. Ich wechselte ein paar Worte mit ihr, und sie schien nichts dagegen zu haben. Weil sie fror, war sie erstaunlicherweise sogar bereit, ein paar Schritte mit mir zu gehen. Ich führte sie den Hügel hinauf und zeigte ihr den See und die Alpen. Die Bundeskanzlerin hatte Pause. Keine Termine, keine Dossiers verstellten die Sicht. Ich hatte den Eindruck, es gefiel ihr mit mir. Ich war kein Staatsmann, kein Offizieller, einfach nur ein Mensch mit Hund. Auch der Hund gefiel ihr. Sie streichelte ihn sogar.
Als ich erwähnte, wir hätten den gleichen Jahrgang, war dies eine Gemeinsamkeit, die uns vergessen liess, was uns trennte und unterschied. Wir tauschten ein Lächeln, und da sich die Oberländer gewohnt sind, die Höflichkeitsform beiseite zu lassen, fehlte nicht viel, und ich hätte ihr zum Abschied meinen Vornamen angeboten.
«Angela», hätte sie dann geantwortet, und wir hätten einander die Hand gereicht. Denn sie wusste so gut wie ich, dass wir uns nicht mehr wiedersehen würden.
Dann wünschte ich Glück für den Weiterflug und setzte meinen Weg fort. Ich wollte nicht aufdringlich sein und der Bundeskanzlerin nicht den Eindruck vermitteln, mich am Glanz ihrer Prominenz erlaben zu wollen.
Minuten später hörte man es von weitem schon knattern. Der bestellte Ersatzhelikopter erschien in der Ferne, und ich verfolgte von weiter oben, wie er kurz darauf landete. Dann verschwand die Wiese aus meinem Blickfeld. Augenblicke später erhob sich der grosse Vogel über die Winterlandschaft. Da blieb ich noch einmal stehen und blickte ihm nach, wie er in Richtung Berge entschwirrte – an Bord eine Dame von Rang und Namen, die gerade das Glück erlebt hatte, ein paar unverhoffte Minuten lang kein Protokoll erfüllen zu müssen.
Im Weitergehen überlegte ich mir, unserer Zeitung im Oberland zu berichten, wen ich da gerade getroffen hatte. Aber ich konnte fast sicher sein: Sie würden mir die Geschichte nicht glauben. So behielt ich meine Begegnung all die Jahre für mich.
Doch nun fliegen sie wieder, die Helikopter, ein weiteres Mal. Und ich werde auch diesmal wieder den Berg hinauf laufen.
Die Wiese oberhalb unseres Dorfes steht bereit für die Weltgeschichte.