Das «neue Dorf»: ein Bauernhof für 150 Leute

Bei Wikipedia gilt der Hamburger Professor Ralf Otterpohl als Verschwörungstheoretiker. Das wundert ihn nicht, fokussiert er doch auf konsequente ökologische Agrar-Lösungen. Mit seinem Vorschlag des «Neuen Dorfes» erreicht er vor allem in der Schweiz ein grosses Publikum an Wandel-Freudigen. Die «3 Fragen» beantwortete er mir auf seinem Permakulturversuchsgelände im Wendland.

(c) Ralf Otterpohl in seinem Waldgarten. Foto: Christa Dregger

Was ist das neue Dorf – und warum interessieren sich gerade in der Schweiz so viele Menschen dafür?

Ralf OtterpohlIn der Schweiz gibt es noch mehr intakte Strukturen auf dem Land. Auch noch Verarbeitungsbetriebe und kleinräumige Landwirtschaft. Es leben hier mehr Menschen in Dörfern, auch wenn viele davon in den Städten arbeiten. Davon wollen sich jetzt viele wieder unabhängiger machen und die Region stärken. Denn auch in der Schweiz geht das jetzt kaputt. Viele Höfe finden keine Nachfolge mehr. Wenn Dörfer nicht gerade zum Speckgürtel der Städte gehören, werden sie jetzt auch verlassen. Die Vision der Neuen Dörfer bietet ein Konzept, diese Überurbanisierung umzukehren.

Zum neuen Dorf gehören vor allem zwei Faktoren. Der erste ist lokale Produktion, aber nicht Autonomie. Es geht darum, gesunde, nährstoff-dichte Lebensmittel auch für die Stadt zu produzieren. Zur Produktion gehört auch die Weiterverarbeitung. Denn nur Rohprodukte zu verkaufen, ist nicht wirtschaftlich. So entsteht eine ökonomische Vielfalt an Kleinbetrieben. Und der andere Faktor ist, von genügend interessanten Leuten umgeben zu sein, damit das Leben auf dem Land nicht langweilig wird.

Die Nährstoffe, die wir dem Land durch die Lebensmittel entziehen, sollen letztlich wieder dem Boden zugute kommen, statt Gewässer und das Meer zu verschmutzen.

Sie sind Professor für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz – wie kommt man vom Wasser auf das Konzept der neuen Dörfer?

R.O.: Das ist auf den zweiten Blick sehr eng verbunden! Ich habe lange daran gearbeitet, wie man die Nährstoffe aus dem Wasser zurückgewinnen kann. Denn die Nährstoffe, die wir dem Land entziehen durch die Lebensmittel, sollen letztlich wieder dem Boden zugute kommen, statt Gewässer und das Meer zu verschmutzen. Ich habe viele Systeme entwickelt, ganzheitliche Wasserreinigungssysteme und Toiletten, die Flüssig- und Feststoffe trennen, mit Terra Preta Sanitation mit Terra Preta Sanitation... usw. Von mir entwickelte Konzepte sind in vielen Ländern der Welt bis China gebaut worden. Dann merkte ich, Sanitäranlagen sind nicht so wichtig, wie ich immer dachte. Das wichtigste ist, den Boden zu erhalten. Denn das physische Hauptproblem unserer Zeit ist die Bodenerosion. Europa macht seine Böden sogar noch schlimmer kaputt als fast alle andern auf der Welt. Wir sollten den Boden erhalten oder wieder aufbauen, bevor er ganz kaputt ist. Mit diesem Vorhaben können sehr schöne Lebensbedingungen entstehen. Im Kern besteht mein Lösungsvorschlag darin, dass in der Region und auf dem Land wieder mehr produziert wird. Dass wir dezentral kleinräumige Strukturen schaffen und die Stoffkreisläufe wieder schliessen. Wir brauchen wieder mehr Menschen, die auf dem Land leben und das Land bewirtschaften. 

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Stellen Sie sich einen ganz normalen Bauernhof mit 100 Hektar Land vor. Darauf quält sich eine Familie, um ihn zu bewirtschaften. Neues Dorf heisst: Wir teilen die Fläche auf in viele kleine Gartenbaubetriebe, in miteinander kooperierende Minifarmen. Schon mit einem Viertel Hektar kannst du intensiven Anbau im Teilerwerb machen. Es ist sogar gut, wenn es so wenig Land ist. Denn wenn man kleinräumig wirtschaftet, ist man viel produktiver. Derr grösste Anteil der Lebensmittelproduktion – 80% weltweit – geschieht in Familienbetrieben, und 84% davon von sehr kleinen Familienbetrieben. Die sind produktiver und haben grössere Vielfalt, denn die Landwirte oder Gärtner sind in engem Kontakt mit dem Land und dem Boden. Sie werden eher Getreide als Gemüse anbauen, darüber können sie mehr verdienen und das ist auch viel wichtiger. Das eine macht krank, das andere ganz lebendig. 

Die Auflösung des Traumas ist eine Voraussetzung für alles, ob Politik, Familie, Partnerschaft.

Ökodörfer und Gemeinschaften machen immer wieder dieselbe Erfahrung: Menschen kommen mit viel Enthusiasmus zusammen und nach kurzer Zeit brechen sie wieder auseinander. Auch traditionelle Dörfer sind oft zerstritten. Was ist an einem neuen Dorf anders? Was empfehlen Sie?

R.O. Die menschlichen Zerwürfnisse gehören zu den Hauptproblemen. Ein Grund dafür ist schlechte Planung. Wenn dann die ersten Leute Kinder bekommen, ändern sich ihre Bedürfnisse. Wenn sie das nicht eingeplant haben, gehen sie wieder. Das reisst dann Löcher in die Gemeinschaft. 

Aber noch tiefer ist etwas anderes: Aus meiner Sicht verhaken sich die Leute durch Traumata. Es ist das Nachwirken von Verbrechen, von Krieg in unseren Vorgängergenerationen. Solange die Täter und auch Opfer das nicht geklärt haben, haben sie den Drang, es immer wieder zu inszenieren. Unbewusst, um das dann klären zu können. Dabei geben sie es an ihre Nachkommen ungewollt weiter. Das belastet das die Beziehungen und Freundschaften in den Gemeinschaften. Die Menschen haben unbewusste Triggerpunkte, die sie sich gegenseitig immer wieder bedienen. Immer wieder dieselben Leute ergreifen dann Partei, statt mal zurückzugehen und zu sagen, warte mal – was ist da eigentlich? Die Auflösung des Traumas ist eine Grundvoraussetzung für alles, ob Politik, Familie, Partnerschaft. Das ist heute einfach geworden, da gibt es Methoden. Um glücklich und gesund zu sein, braucht ein Mensch Folgendes: Gesundes Essen, Bewegung, eine sinnvolle Tätigkeit und Auflösung des Traumas.

Viele Ökodörfer und Gemeinschaften sind zu klein.

Viele Ökodörfer und Gemeinschaften sind zu klein. Grosse funktionieren nach meiner Beobachtung besser: Schloss Tempelhof, Siebenlinden, Steyerberg. Der Lebensgarten Steyerberg ist eher eine Nachbarschaftsgemeinschaft, was mir persönlich lieber ist. Gemeinschaften mit weniger als 50 Leuten, die versuchen, wie eine Familie zu agieren, werden für meinen Geschmack schnell zu eng.

Das neue Dorf sollte eine Grösse von 150 oder 200 Leuten haben. Diese Mindestgrösse wird erstens dadurch bestimmt, dass man genügend Leute um sich herum braucht, die Interesse an ähnlichen Dingen haben. Zum anderen ist das die Grösse, in der dann auch ein Netz an Dienstleistungen entstehen kann. Zum Beispiel eine Schule, wo die Kinder als Hauptfach Gartenbau haben und im Wald Biologie lernen. Oder Alterspflege – in unserer Gesellschaft absolut ungelöst. Solche Dinge kann ein neues Dorf wunderbar übernehmen. In einem neuen Dorf liegt alles fussläufig beieinander. Die Menschen können überlegen, ob sie vielleicht zwei oder drei Tätigkeiten übernehmen wollen, nicht nur eine. Immer nur am Schreibtisch sitzen oder immer nur im Garten sein, wird beides bald zuviel. Wenn man beides abwechseln kann, macht es Spass. Ich selbst lebe seit langem so. Ich arbeite im Waldgarten, fast alles per Hand. Und dann bin ich froh, wenn ich wieder einen halben Tag eine Doktorarbeit durchsehen kann.

Über

Christa Dregger

Submitted by cld on Sa, 09/17/2022 - 12:37

Christa Dregger-Barthels (auch unter dem Namen Leila Dregger bekannt). Ich bin Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Ich lebte fast 40 Jahren in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Meine Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist.

01522 7519136

Kommentare

Das «neue Dorf»

von [email protected]
Hier wird die neue Form der Landwirtschaft beschrieben. Interessant erscheint mir jedoch der Abschnitt "Die Auflösung des Traumas"! Klar erkennbar: Es scheint sich um DEN gemeinsamen Nenner zu handeln, wenn es um neue Gemeinschaften geht. Danke Christa für den Artikel