Die Bauernkriege als Randnotiz deutscher Geschichte
Auch das Jahr 2025 entwickelte keine Erinnerungskultur über die Anfänge der Demokratiebewegung im Bauernkrieg. Hinter dem Dunstschleier der aktuellen kriegerischen Ereignisse – Ukraine, Gaza, Iran oder Venezuela – ist die 500. Wiederkehr des Bauernkrieges in den Hintergrund verbannt worden.
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Das Blutgericht von Werden - und andere Racheakte der Obrigkeit erzeugten ein kollektives Trauma, das bis heute nachwirkt.

Das «Blutgericht von Werden» ist sehr wohl exemplarisch für das Geschehen im deutschen Bauernkrieg der Jahre 1524 und 1525, bleibt aber im Ruhrgebiet weitgehend unbekannt. Nicht einmal das genaue Datum wurde bislang in den Chroniken ermittelt. Am Ende des Krieges stand die militärische Niederlage der Bauern im gesamten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, wie das damals hiess. Neben der gnadenlosen Rache der herrschenden Fürsten und der Kirche an den Besiegten bestimmt noch etwas Anderes das Bild des Bauernaufstandes: Er brachte das früheste, ausformulierte Menschenrechtsprogramm Europas hervor, die sogenannten Zwölf Artikel. Aber auch das Trauma, das die gnadenlose Rache der damaligen Obrigkeit hinterliess, wirkt bis in unsere heutige Zeit. Widerstand gegen die Herrschenden überlegt man sich hierzulande zweimal – oder unterlässt es.

Nicht nur das Blutgericht von Werden vor 500 Jahren, auch viele der vergleichbaren und mehr oder weniger zeitgleichen Racheakte der herrschenden Obrigkeit scheinen heute vergessen. Die Erinnerung daran und welche Rolle der Bauernkrieg für Deutschland und darüber hinaus Europa spielte, wurde nicht bearbeitet. An revolutionäre Ereignisse, welcher Couleur auch immer, erinnert man sich in unserer längst wieder obrigkeitsstaatlich orientierten Zeit nicht gerne, obwohl medial ständig die Demokratie und ihre Verteidigung angemahnt wird. Eine Verdrehung Orwell’scher Art. Nichtsdestotrotz war der deutsche Bauernkrieg der erste Aufstand für Freiheit und Menschenrechte auf deutschem Boden. Er fand tatsächlich 264 Jahre, also ein Vierteljahrhundert vor der französischen Revolution (1789 – 1799) statt. Entgegen dem medial kolportierten Narrativ, Deutschland könne keine Revolution bzw. komme dabei immer zu spät, kann er als «erste deutsche Revolution» in Europa bezeichnet werden.

Hinter dem Dunstschleier der aktuellen kriegerischen Ereignisse – Ukraine, Gaza, Iran oder Venezuela – ist die 500. Wiederkehr des Bauernkrieges in den Hintergrund verbannt worden. Die sparsamen Artikel in einzelnen Medien beschränkten sich auf allgemeine Floskeln, lokale Ereignisse oder Geschichten über ihre Anführer. So zum Beispiel «Stuttgart in Bauernhand» (Esslinger Zeitung) «Bauernkrieg vor 500 Jahren: Schau zeigt Thomas Münzers Schwert» (Süddeutsche Zeitung) oder «Bauernkrieg: Der Anführer wurde langsam auf dem Scheiterhaufen geröstet» (Die Welt). Wenig war über gesellschaftliche Hintergründe zu finden, erst recht keine Einordnungen. Noch weniger über historische Konsequenzen, die sich daraus für Deutschland ergaben. Das war erbärmlich angesichts eines solchen Ereignisses.

Der Begriff «Blutgericht» mag drastisch klingen, beschreibt aber treffend die grausame und blutige Niederschlagung der Aufstände nicht nur im Gebiet der Reichsabtei Werden – heute ein Stadtteil von Essen. Blutgerichte gab es überall, wo Bauern und Stadtbürger gegen die Obrigkeit aufstanden. Nicht nur da, wo die grossen Schlachten stattgefunden hatten. Die bekanntesten Blutgerichte gab es in Weinsberg (Württemberg) im Mai 1525, in Frankenhausen (Thüringen) am 15. Mai 1525, wo Thomas Müntzer gefoltert und enthauptet wurde, in Leipheim (Schwaben) im April 1525, in Böblingen (Württemberg) am 12. Mai 1525 wo Tausende Bauern hingerichtet wurden, im Elsass (Mai. – Juni 1525) in verschiedenen Orten, an denen Massenhinrichtungen stattfanden, in Würzburg im Juni 1525, wo so ziemlich alle fränkischen Bauernführer hingerichtet wurden, was die Erhebung in Franken beendete, und darüber hinaus in Tirol und Salzburg, was den alpinen Bauernerhebungen ein Ende setzte.

Eine zentrale Rolle spielten dabei überall die «Zwölf Artikel» der Bauern. Sie wurden nach der Überlieferung in Memmingen verfasst und beriefen sich auf das Evangelium. 

Angeregt durch Martin Luthers Reformation und seine Schrift «Von der Freiheit eines Christenmenschen» begann Ende 1524 im Südwesten, vor allem in Oberschwaben, ein Aufstand der Bauern gegen die weltliche und geistliche Obrigkeit, der sich nach dem Elsass, Tirol und nach Thüringen ausbreitete, aber auch die Kurpfalz und das Rheinland erfasste, ja bis ins Baltikum Auswirkungen hatte. In den Zwölf Artikeln forderten sie die Abschaffung der Leibeigenschaft, der Fronarbeit und der Unterdrückung, aber auch der ständig wachsenden Steuern und Abgaben. Sie richteten sich zugleich gegen die Verletzung des mündlich überlieferten «Alten Rechts», das seit Jahrhunderten Bestand hatte, aber im 16. Jahrhundert immer offener missachtet wurde. Dazu gehörte die Forderung, die gemeinsame Nutzung der Allmende und der gemeinschaftlichen Weide-, Holzschlag-, Fischerei- und Jagdrechte zu respektieren und abzusichern.

Auch an Rhein und Ruhr forderten die Bauern, die «Zwölf Artikel» zu verhandeln, die im ganzen deutschsprachigen Raum inzwischen populär geworden waren. Werden an der Ruhr spielte im Jahr 1525 tatsächlich eine wichtige regionale Rolle. Die Reichsabtei Werden – heute ist in dem Gebäudekomplex ein Teil der Folkwang-Universität untergebracht – war nämlich der Hauptgegner der aufständischen Bauern an Rhein und Ruhr. Sie war reichsunmittelbar, also direkt dem Kaiser unterstellt, und verfügte über umfangreiche Grundherrschaften im Ruhrgebiet, Sauerland und Bergischen Land. Die Mehrzahl der Bauern waren zinspflichtig und unterstanden den strengen Frondiensten der Abtei.

Als im Frühjahr 1525 die Nachricht von den Bauernaufständen an Rhein und Ruhr ankamen, begannen sich auch hier die Bauern zu organisieren. Die «Bauernhaufen» aus dem Umland von Werden bedrohten die Abtei, deren damaliger Abt Franz II. von Spiegel zum Desenberg und Canstein zugleich Domherr in Köln war. Er rief kurkölnische Truppen des Erzbischofs sowie benachbarte Landesherren zu Hilfe. Deren Truppen schlugen die militärisch unerfahrenen Bauerhaufen im Gebiet um Werden schnell nieder. In der Folge kam es zu jenem Massaker an den aufständischen Bauern, von denen viele hingerichtet, gefoltert, erschlagen oder lebendig verbrannt wurden.

Betrachten wir die Motive und das Verhalten der Bauern genauer. Obwohl sie massiv unter der Leibeigenschaft, der Fron und einer sich ständig verschlechternden wirtschaftlichen Lage zu leiden hatten, waren ihre Forderungen anfangs moderat. Selbst die Zwölf Artikel enthielten keine unzumutbaren Forderungen oder radikale politische Positionen. Auch aus heutiger Sicht lassen sie sich als demokratische und ökonomische Forderungen verstehen, über welche die Bauern verhandeln wollten. Doch die Obrigkeit lehnte dies kompromisslos ab und sah in jedem der Artikel eine fundamentale Bedrohung ihrer Herrschaft und ihrer Privilegien. Stattdessen reagierte sie mit bestialischer Gewalt. So begann der Bauernkrieg.

Bereits nach Ende der Kämpfe schätzten Zeitgenossen, dass zwischen 100 000 und 300 000 Bauern getötet oder Invaliden, also arbeitsunfähig, geworden waren. Und dass dies nicht nur den Schlachten geschuldet war, welche die Bauernheere – schlechter bewaffnet und organisiert – gegen die professionellen Truppen der Fürstenheere verloren hatten. Es war auch ein Ergebnis der gnadenlosen Rache, welche die Fürsten an den unterlegenen Bauern übten. Diese Gräueltaten fanden öffentlich statt, und die Bevölkerung musste zusehen. Die Botschaft war eindeutig: Jeder Widerstand, auch der organisierte, sei zwecklos. Diejenigen, die es trotzdem wagten, seien böse und Sünder, an denen die Strafe Gottes vollzogen werden müsse. Wenn Martin Luther verkündete, die Christenmenschen, auch die, die seiner Reformation folgten, hätten sich der Obrigkeit zu unterwerfen, sei das, so der Reformator, Gottes Wille.

Die Verteufelung und Demütigung der Bauern brach nicht nur ihre Kampfkraft, sie grub sich tief ins Bewusstsein der Bevölkerung ein und wurde zum kollektiven Trauma. Wie Wilhelm Zimmermann 1843 in seinem Werk über den «Grossen Deutschen Bauernkrieg» feststellte, war Luthers Positionierung eine Zäsur. Sie brachte die Spaltung zwischen Reformation und demokratischer Entwicklung der Bevölkerung in Stadt und Land. Es war nicht nur die Demütigung der Niederlage, sondern die Angst vor der eigenen qualvollen körperlichen und seelischen Vernichtung, die fortan herrschte. Das war mehr als eine militärische Niederlage. Es war die bewusste Erzeugung von Ängsten, die sich über fünf Jahrhunderte hielten und von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Anstatt sich auf die eigenen demokratischen Traditionen zu besinnen, welche ihren Ausgangspunkt im Bauernkrieg hatten, blieb es auch im 500. Jahr danach bei althergebrachten Narrativen: Deutschland habe nur schwach entwickelte demokratische Wurzeln und Traditionen. Geschichtsvergessen wurden die Zwölf Artikel auch 2025 nicht als Ausgangspunkt einer demokratischen Tradition in das Geschichtsbild eingefügt. Denn vom Bauernkrieg über die 1848er Revolution bis zur Novemberrevolution 1918, von den beiden deutschen Nachkriegsstaaten des 2. Weltkrieges bis zum Mauerfalls 1989 zieht sich ein roter Faden deutschen Demokratiestrebens.

Statt dessen wird die alte Leier abgespielt, wir hätten die Demokratie den Siegern des 2. Weltkrieges zu verdanken. Dabei wird unterschlagen, dass es in diesem Schmalspur-Modell der repräsentativen Demokratie nur um die Wahl von Stellvertretern geht, die ohne Bindung und Rechenschaftspflicht agieren. Die demokratischen Forderungen der Bauern waren keine akademischen Ideen einzelner Denker oder Theoretiker, sondern ein Konsens breiter Teile der bäuerlichen und städtischen Bevölkerung. Dieser Konsens selbstbewusster Bürger des 16. Jahrhunderts erschreckte bereits damals die Obrigkeit und sollte keine Verbreitung finden. So sah das die Obrigkeit damals, im ausgehenden Mittelalter. Und so ist das heute auch wieder.

 

Quellen und Verweise: Wilhelm Zimmermann, Der Grosse Deutsche Bauernkrieg, Dietz Verlag Berlin 1989

 

Die Zwölf Artikel:

  1. Freie Wahl der Pfarrer
    Jede Gemeinde soll ihren Pfarrer selbst wählen und auch absetzen dürfen; er soll das Evangelium unverfälscht predigen.
  2. Abschaffung des kleinen Zehnten
    Der Zehnte auf Vieh und landwirtschaftliche Produkte soll aufgehoben werden; der grosse Zehnte (Getreide) wird akzeptiert, sofern er kirchlich genutzt wird.
  3. Aufhebung der Leibeigenschaft
    Kein Mensch soll Eigentum eines anderen sein, da Christus alle Menschen erlöst habe.
  4. Freies Jagd- und Fischereirecht
    Bauern sollen wieder jagen, fischen und Vögel fangen dürfen, da diese Verbote als ungerecht empfunden werden.
  5. Freie Nutzung der Wälder
    Bauern sollen Holz aus den Wäldern für Bau und Heizung entnehmen dürfen, wie es früher üblich war.
  6. Begrenzung der Frondienste
    Zwangsarbeit soll auf ein gerechtes und traditionelles Mass reduziert werden.
  7. Einhaltung gerechter Abgaben
    Abgaben sollen nur so hoch sein wie früher vereinbart und nicht willkürlich erhöht werden.
  8. Gerechte Pachtzinsen
    Pachten sollen fair festgesetzt werden, sodass Bauern von ihrer Arbeit leben können.
  9. Gerechte Rechtsprechung
    Willkürliche Strafen sollen abgeschafft und Recht nach klaren, alten Ordnungen gesprochen werden.
  10. Rückgabe von Gemeindeland
    Gemeindeeigentum, das von Herren widerrechtlich angeeignet wurde, soll zurückgegeben werden.
  11. Abschaffung des Todfalls (Besthaupt)
    Beim Tod eines Bauern darf der Grundherr nicht mehr das beste Stück Vieh oder Eigentum einziehen.
  12. Bereitschaft zur Korrektur
    Wenn eine Forderung nicht mit der Bibel vereinbar sei, wolle man sie zurücknehmen – wenn sie aber biblisch begründet sei, müsse man sie gewähren.

Klaus Oberzig

Klaus Oberzig

Klaus Oberzig ist Autor und Journalist, er lebt und arbeitet in Berlin.

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