Wenn ich an Zigeuner denke, fallen mir als erstes die Messerschleifer aus meiner Kindheit ein, die alle Jahre wieder an unsere Tür klopften und nach Messern und Scheren zum Schleifen fragten. Wir gaben ihnen jeweils ein paar Küchenmesser und Scheren mit, obwohl meine Mutter nie ganz sicher war, ob sie uns das Mitgegebene wieder zurückbringen würden. Denn so überraschend sie jeweils aufgetaucht waren, so plötzlich verschwanden sie wieder.
Wenn ich an Zigeuner von heute denke, sehe ich den Bauernhof in der Linthebene vor mir, der den Fahrenden, natürlich gegen Entschädigung, Jahr für Jahr Gastrecht gewährt. Der Hof liegt unmittelbar neben der Autobahn, und wenn die Zigeuner da sind, sehe ich ihre Wagenburg schon von weitem.

Standplatz für Fahrende bei Wileroltigen BE (Bild Netzfund)
Mindestens zwei Dutzend SUV’s und andere grosskalibrige Autos gruppieren sich zusammen mit ihren Anhängern zu einer dörflichen Ansammlung zwischen Strasse und Bauernhof. Satellitenschüsseln prangen auf den Dächern der Autos, Frauen hängen die Wäsche ab, die im Winde flattert, Kinder springen fröhlich herum, und ein paar Männer sitzen vor ihren Wohnwagen. Es ist ein friedliches Bild, aber ich frage mich jedesmal: Woher kommen diese modernen Nomaden? Ihre Autokennzeichen, soweit ich sie an anderen Orten schon sah, deuten auf Frankreich hin. Warum ziehen sie durch die Schweiz? Wie finanzieren sie ihren Wagenpark, wovon leben sie? Wo gehen ihre Kinder zur Schule?
In meinen Fragen schwingt die tiefverwurzelte Skepsis mit, die wir Sesshaften gegenüber dem fahrenden Volk empfinden, weil es nicht so ordentlich lebt, wie wir glauben, dass man leben müsse; weil es herumzigeunert – «umezigüneret» –, anstatt einer regelmässigen Tätigkeit nachzugehen, die man nur ausüben kann, wenn man sesshaft ist. Deshalb wurde jede wahre Geschichte, aber auch jede Halbwahrheit über stehlende und betrügende Fahrende in früherer Zeit zum erneuten Beweis, dass ein Zigeunerleben zwar lustig und frei sein mag, aber kein gottesfürchtiges, ehrbares Dasein ist.
Heute wissen wir, dass den Zigeunern viel Unrecht geschah. Heute wissen wir auch, dass Fahrende nicht einfach «Zigeuner» sind, sondern sich unterscheiden in Jenische, Sinti und Roma. Heute erleben wir aber auch einen Zeitgeist, der Minderheiten zu Opfern erhöht, um der Mehrheit ein schlechtes Gewissen zu machen. Weil die Mehrheit stärker ist als die Minderheit. Weil ihre Lebensart die tonangebende Lebensart ist und die Minderheiten benachteiligt. Deshalb muss die Mehrheit sich schuldig fühlen, und sie muss sich der Minderheit beugen. Sie muss auf die Knie gehen vor den Zigeunern – und sie darf sie nicht mehr «Zigeuner» nennen.
Denn das Z-Wort ist das gängige Wort, das die Sesshaften immer verwendet haben. Es ist das Wort, das alles enthält, alles Gelesene und Erlebte, das uns zum fahrenden Volk in den Sinn kommt: Die Zigeunerin, die uns die Karten des Tarot liest ebenso wie das Zigeunermädchen, das zum Betteln und Stehlen ausgeschickt wird; der Zigeuner, der uns begeistert mit seiner Musik, ebenso wie die Zigeunersippe, die ihren Standplatz am Rande des Dorfes von Dreck übersät hinterlässt.
Man darf das Wort nicht mehr sagen, weil es auch die Schattenseiten enthält, die nicht zum Ikonenbild der diskriminierten, stolzen Minderheit passen. Man muss ganz korrekt «Sinti», «Roma» oder «Jenische» sagen, mit dem Respekt und im Wissen, dass wir nicht so besondere, freie Menschen sind wie die Fahrenden.
*
Inzwischen liest man das unerwünschte Wort nirgends mehr. Wie alle anderen verbotenen Wörter wird es aus Überzeugung vermieden oder aus Angst vor dem Pranger der Öffentlichkeit. Fragt man nach seiner Bedeutung, wird man geradezu wissenschaftlich belehrt, der Begriff sei eine «historisch belastete, mit Vorurteilen verbundene Fremdbezeichnung». Von einer Verwendung wird abgeraten. Und ein neues Lehrmittel an der Schule drillt schon die Kinder darauf, das Unwort nicht einmal denken zu wollen.
Aber noch sind nicht alle Spuren der Wirklichkeit ausgemerzt. Vor einigen Wochen haben die Sittenwächter des Zeitgeists – aus der gewohnten politischen Ecke – entdeckt, dass das grösste Bäckereiunternehmen im wilden Osten von Zürich seinen Wurst-Käse-Salat noch immer als «Zigeunersalat» verkauft. Sie haben den Bäcker öffentlich denunziert und ihm vorgeworfen, «einen rassistischen Begriff zu verwenden, der die betroffenen Sinti und Roma beleidige». Und sie forderten den politisch verdächtigen Unternehmer auf, den «Zigeunersalat» sofort umzubenennen.
Fünf Jahre vorher war die grösste Supermarktkette im Land von den Zensoren beschuldigt worden, einen «Zigeuner-Cervelat» zu verkaufen. Das Unternehmen reagierte sofort, nahm die Wurst aus den Gestellen und bettelte um gnädigen Freispruch: «Wir legen Wert darauf, mit unseren Produkten niemanden zu diskriminieren, und sind froh um entsprechende Hinweise».
Auch der Steiner-Beck hat sofort reagiert: Der «Zigeunersalat» bleibt im Angebot. Das Unternehmen verwies auf die langjährige Tradition des Produkts und auf die Rückendeckung der Kundschaft, die für die Beibehaltung des Namens sei.
Dann sagte der Bäcker noch etwas: Gewisse Fahrende würden sich selbst als «Zigeuner» bezeichnen.
Das machte mich hellhörig. Ich verfolgte die Spur, die der Steiner-Beck vorgelegt hatte, und ich fand eine Reportage im staatlichen Fernsehen aus dem vergangenen Jahr über eine Veranstaltung in der Stadt Zürich mit einem überraschenden Namen. «Zigeuner-Kulturtage». Siebzig Zigeunerfamilien von überall in der Schweiz feierten ihre Kultur, Zigeunermusik wurde dargeboten, Zigeunerspiesse brutzelten auf dem Grill, dazu gab es Zigeunerpommes, Zigeunerbier.
Das verbotene Wort war allgegenwärtig.

Alfred «Pipo» Werro: «Ein Zigeuner zu sein, ist doch keine Schande!» (Bild Netzfund)
Darauf angesprochen, erklärte der Präsident der Zigeunertage, Alfred Werro, bescheiden und zugleich selbstbewusst: «Wenn ich zu jemandem sage, dass ich ein Jenischer sei, und der fragt mich, was ist das, ein Jenischer? Dann sage ich ihm: Ein Jenischer kommt von den Zigeunern. Das ist der Oberbegriff. Und das war immer schon so. Ein Zigeuner zu sein, ist doch keine Schande!»
«Wenn ich den Namen Zigeuner weglasse», fährt er fort, «wer bin ich dann noch?»
Wer bin ich dann noch? Der Jenische Alfred Werro fragt nach seiner Identität. Und er greift auf seine Wurzeln zurück. Er ist ein Zigeuner. So wie ein Mitglied des Stammes der Cherokee ein Indianer ist. So wie ein Bretone ein Kelte ist. Und ein Engadiner ein Rätromane.
Unterstützung erhält Alfred Werro von einer anderen Jenischen. Sie heisst Isabella Huser und sie hat die tragische, wechselvolle Geschichte der Fahrenden in der Schweiz in einem Roman verarbeitet. Das 2023 erschienene Werk trägt einen schlichten Titel: «Zigeuner».
Spätestens jetzt sind wir freigesprochen. Spätestens jetzt dürfen auch wir, die Sesshaften, wieder «Zigeuner» sagen. Und herumzigeunern «wie die Zigeuner».