Darf man auf als Autor mit Anspruch einen Nachruf auf Erich von Däniken schreiben? Ich finde: Man darf nicht nur, und, gemessen an seiner Wirkung, muss man sogar. Kaum ein zeitgenössischer Autor hat die Selbstwahrnehmung der Erdbewohner als Teil des Universums so stark beeinflusst wie er. Er hat die Vorstellung, dass ausserirdische Intelligenzen in ferner Vergangenheit die Entwicklung der Menschheit beeinflusst haben könnten, nachhaltig in das kollektive Bewusstsein getragen. Er hat – unabhängig von der Validität seiner Thesen – eine Debatte angestossen, die bis heute nachwirkt.
Berühmt wurde von Däniken 1968 mit „Erinnerungen an die Zukunft“, einem Buch, das weltweit Millionenauflagen erreichte und die sogenannte Prä-Astronautik populär machte. Darin interpretierte er antike Bauwerke, Mythen und religiöse Überlieferungen als mögliche Spuren technologisch überlegener Besucher aus dem All. Es folgten zahlreiche weitere Werke wie „Zurück zu den Sternen“, „Aussaat und Kosmos“, „Strategie der Götter“ oder „Die Augen der Sphinx“, in denen er sein zentrales Motiv variierte: Die Götter der Vergangenheit seien möglicherweise Raumfahrer gewesen, deren Eingreifen missverstanden und mythologisiert worden sei.
Die Fachwissenschaften lehnten diese Deutungen entschieden ab. Archäologen, Historiker und Physiker warfen von Däniken methodische Mängel, selektive Quellenwahl und spekulative Schlussfolgerungen vor. Doch selbst Kritiker mussten einräumen, dass er Millionen Leser dazu brachte, sich überhaupt erst für alte Kulturen, Astronomie und Menschheitsgeschichte zu interessieren. Und: Einige seiner Spekulationen könnten sich in Zukunft auch als zutreffend erweisen.
Von Däniken war überzeugt, dass nicht nur technologische Fähigkeiten, sondern auch genetische Spuren von „Galaktischen“ im Menschen zu finden seien – ein Gedanke, der über die klassischen Prä-Astronautik-Thesen hinausgeht und seine Sicht auf die Menschheitsgeschichte als kosmische Gemeinschaft betont.
Sein eigentliches Verdienst liegt weniger in der Beweisführung als im Impuls: Von Däniken verschob die Frage nach der Stellung des Menschen im Universum aus der reinen Science-Fiction in den Bereich populärer Weltdeutung. In einer Zeit, in der Raumfahrt und SETI-Programme (Search for Extraterrestrial Intelligence) das Nachdenken über ausserirdisches Leben realistisch erscheinen liessen, bot er eine radikale, provokante Perspektive auf die Vergangenheit – und damit auch auf die Zukunft.
Erich von Däniken war kein Wissenschaftler, sondern ein Erzähler mit Mission. Seine Stärke lag im Verknüpfen von Mythen, Monumenten und modernen Technikvorstellungen zu einer grossen, grenzüberschreitenden Erzählung. Diese Erzählung war oft spekulativ, manchmal irreführend, aber stets anregend. Sie zwang dazu, Fragen zu stellen: Was wissen wir wirklich über unsere Frühgeschichte? Und wie einzigartig ist die Menschheit im Kosmos?
Wie alle Propheten galt Erich von Däniken nicht viel im eigenen Land, wo er zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn konsequent als Ex-Hotelier bezeichnet wurde. Er lebte 1977 bis 1995 in einer Villa am Stadtrand von Solothurn. Mir ist kein lokaler öffentlicher Anlass mit ihm aus dieser Zeit bekannt. Auch ich habe ihn nie besucht.
2003 eröffnete er den ambitionierten Mystery Park in Interlaken, in denen verschiedene seiner Thesen in einer Ausstellung umgesetzt wurden. Er hoffte wohl, einen Teil des Touristenstroms von Interlaken in sein Haus zu holen. Der Park mit Baukosten von 43 Millionen Franken (andere Quellen sprechen von 86) ging bereits 2006 konkurs. Die veröffentlichte Meinung war eher schadenfreudig, als ob der Schiffbruch auch die Thesen von Dänikens als Irrtum entlarven würde.
Erich von Däniken bleibt als kultureller Provokateur in Erinnerung, der die Fantasie ernst nahm und eine globale Diskussion befeuerten und den Blick vieler Menschen nach oben lenkte – und sie einlud, über die Grenzen des Bekannten hinauszudenken. Ich halte es für möglich, dass er auch von der wissenschaft dereinst rehabilitiert werden muss.
Erich von Däniken starb am 10. Januar 2026 im Alter von 90 Jahren im Spital von Interlaken.