Gärtnern als Überlebensstrategie
Die zwölf vorübergehend vergessenen Methoden der «Victory Gardens» im 2. Weltkrieg.
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Screenshot aus einem Propaganda-Video für die Victory Gärten der USA. Quelle: Youtube

Energiemangel = Düngemittelmangel = Lebensmittelkrise und Hunger. Dies ist eine potenziell tödliche Gleichung, die wir ausser Kraft setzen sollten. Und dass wir das im Ernstfall auch können, zeigt die Erfahrung der «Kriegsgärten» oder Victory Gardens («Siegesgärten»). 

Während der beiden Weltkriege hielten alle teilnehmenden Nationen, ob Australien, Grossbritannien, Deutschland oder die USA, ihre Bevölkerung an, Versorgungsgärten anzulegen – und zwar ohne künstliche Dünger und Pflanzenschutzmittel. Die gab es nicht, denn die chemische Industrie konzentrierte sich auf Waffenproduktion. Auch Arbeitskräfte waren knapp, denn die wehrfähigen Männer waren an der Front. Und so wurden in und um Privathäuser, in öffentlichen Parks, auf Brachland und an Bahndämmen, auf Sportplätzen und Golfrasen Flächen in Versorgungsgärten umgewandelt. Frauen, Ältere, Kinder, Versehrte waren an der Heimatfront – im Garten. Ihr Beitrag zum erhofften Sieg war Pflanzen, Säen und Unkrauthacken. Die Erträge ergänzten die kargen Lebensmittelrationen und versorgten auch Soldaten. Gartenarbeit diente vielleicht nicht dem Sieg, aber sicher dem Überleben.

Allein in den USA pflanzten während des Zweiten Weltkriegs über 20 Millionen Familien in Hinterhöfen und auf Dächern Gemüse an. Bis 1943 stammten etwa 40 Prozent des gesamten in den USA verzehrten frischen Gemüses aus diesen privaten Gärten – erzeugt ohne Kunstdünger, ohne patentiertes Saatgut und also ohne Konzernbeitrag. 

...Damit das gelang, hatte die US-Regierung  Handbücher herausgegeben. Diese empfahlen zwölf einfache und zugleich hocheffektive Boden- und Anbaumethoden. Wer immer heute als Hobby- oder Biogärtner tätig ist, wird die meisten davon kennen. Sie wurden nach Jahrzehnten wiederentdeckt, wissenschaftlich untermauert und gehören heute zum Repertoire erfolgreicher ökologischer Landwirtschaft.

Wieso wurden sie nach dem Krieg dennoch vergessen? Die Antwort liegt in der industriellen Produktionsdynamik. Die Methoden wurden vergessen gemacht: Die Bombenfabriken erzeugten nach 1945 enorme Überschüsse an Ammoniumnitrat. Wohin damit? Ab in die Erde! Kunstdünger war mit einem Mal eine willkommene Ersatzproduktion. Und so wurden die erfolgreichen Nutzgärten wieder durch Rasenflächen, die Subsistenzwirtschaft durch gärtnerische Massenproduktion ersetzt. Die zwölf Methoden, die Amerika in der Krise ernährt hatten, wurden durch neue Propaganda vergessen gemacht – nicht weil sie unwirksam waren, sondern weil sie die Industrie gefährdet hätten. 

Der Kunstdünger-Verbrauch in den USA verzehnfachte sich zwischen 1943 und 1981 von 2  auf 24 Millionen Tonnen. Dafür  wird ein hoher ökologischer Preis in Kauf genommen: Nur etwa 35 Prozent des ausgebrachten Stickstoffs wird von Pflanzen aufgenommen, der Rest verschmutzt  Gewässer und Böden. Wenn schon kein  Krieg  mehr gegen andere Länder, dann doch ein Krieg gegen die Erde! 

Wir sollten nicht erst dann wieder mehr Lebensmittel vor der Haustüre anbauen, wenn die nächste Energiekrise droht. Denn das Gemüse wird nicht in einem Tag reif. Für überlebenswillige Hobbygärtner seien hier die zwölf bewährten Anweisungen der Victory Gardens aufgeführt und durch Hinweise aus der modernen Agrarökologie ergänzt. Wie diese Forschung  bestätigt, bauen diese zwölf Methoden Boden auf, statt ihn auszulaugen. Zudem schaffen sie Unabhängigkeit von Konzernen sowie Resilienz für Krisenzeiten. Viel Erfolg!

  1. Chop and Drop (Abschneiden und Liegenlassen): Pflanzenreste werden nicht entfernt, sondern direkt auf dem Beet liegengelassen. Das sogenannte Mulchen reduziert Verdunstung um bis zu 67 Prozent, erhöht die Wasserspeicherung und verhindert massiven Bodenverlust (Studien zeigten annähernd 0 Tonnen Erosion bei Mulch gegenüber bis zu 230 Tonnen bei gepflügtem Boden pro Hektar und Jahr). 
  2. Waldboden-Impfung: Eine dünne Schicht gesunder Walderde (weniger als 1 cm), aufgebracht auf ausgelaugten Böden kann innerhalb von sechs Jahren Schäden von 60 Jahren chemischer Bewirtschaftung weitgehend rückgängig machen. Die Mikroben vermehren sich explosionsartig. 
  3. Sanfte Bodenbearbeitung: 80 Prozent aller Landpflanzen bilden Partnerschaften mit sogenannten Mykorrhiza-Pilzen, die die Nährstoffaufnahme (Phosphor +105 %, Stickstoff +67 %) massiv steigern. Kunstdünger unterdrückt diese natürlichen Pilz-Netzwerke. Die Pilze regenerieren, wenn wir weniger Pflügen, lebende Wurzeln im Boden lassen und keine hohe Phosphordüngergaben einbringen. 
  4. Hügelanbau ohne Umgraben: Statt zu pflügen, kann man Hügelbeete anlegen. Das schont die Bodenstruktur samt Pilznetzwerken und erhält den Kohlenstoffanteil im Boden. Die traditionelle indigene Methode (z. B. bei den nordamerikanischen Haudenosaunee) zeigt eine langfristige Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Beeten. 
  5. Mischkultur zur Schädlingsabwehr: Tagetes (Studentenblumen), Basilikum, Kapuzinerkresse und andere Pflanzen vertreiben Schädlinge oder locken Nützlinge an. Pflanzen kommunizieren im Bedarfsfall sogar über Botenstoffe und rekrutieren Helfer. 
  6. «Die Drei Schwestern» (Mais, Bohnen, Kürbis): Ein klassisch indigenes Mischkultursystem («Milpa») mit höheren Kalorien- und Proteinerträgen pro Fläche als Monokulturen, besserer Bodenaktivität und weniger Nährstoffverlusten. 
  7. Kompost-Tee: Dem Kaltauszug aus Kompost werden Vorteile für Wachstum und Krankheitsresistenz nachgesagt. Er ist aber in einigen Studien auch umstritten.
  8. Zwischenfrüchte als lebender Mulch: Unter anderem Klee und Wicke binden Luftstickstoff, Roggen und Ölrettich bewahren ihn vor der Auswaschung im Herbst, schützen vor Erosion und verbessern die Bodenstruktur.
  9. Gründüngung: Leguminosen werden gezielt angebaut, abgeschnitten und in den Boden eingearbeitet. Sie binden Stickstoff und verbessern den Boden langfristig.
  10. Eigene Saatgutgewinnung: Vier Konzerne kontrollieren heute über die Hälfte des globalen Saatgutmarktes. Eigenes Saatgut zu verwenden, erzeugt standortangepasste Sorten durch epigenetische Veränderungen. Besuche eine Frühlings-Saatgutbörse in deiner Region!
  11. Flächenkompostierung: Schichten aus Pappe (aber ohne Farbstoffe und Plastikanteile), Grün- und Braunmaterial direkt auf schlechtem Boden (Rasen, Schutt, Beton) aufbauen. Regenwürmer und Mikroben erledigen den Rest der Arbeit und verwandeln so tote Flächen in fruchtbaren Boden. 
  12. Staffelanbau und kontinuierliche Ernte: Alle 2 bis 3 Wochen neu säen statt alles auf einmal. Auch mit Frühbeeten kann man die Saison verlängern und die Flächennutzung maximieren. 
     

(Quelle: Video  «Boden-Tricks aus dem 2. Weltkrieg» vom Youtube-Kanal «Verborgene Wurzeln» – basierend auf historischen Victory-Garden-Handbüchern und aktuellen Studien) 

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger
Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch unter dem Namen Leila Dregger bekannt). Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebte fast 40 Jahren in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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