Alarmstufe rot

Man soll keinen Prognosen glauben, auch nicht den eigenen. Deshalb gebe ich auch nicht mehr welche ab. Aber wenn das Laboratoire Européen d’Anticipation Politique LEAP für die Monate September und Oktober die mauerbrechenden Trompeten von Jericho hört, darf man sie nicht aus lauter Krisenmüdigkeit überhören. Fallen sollen die letzten Reste der «Dollarmauer», die noch die Nachkriegsordnung mit der amerikanischen Hegemonie zu stützen vermochten.

«Der Schock des Herbst 2008 wird im Vergleich zu dem, was uns in den nächsten Monaten bevorsteht, wie ein kleines Sommergewitter erscheinen», schreibt das LEAP in seinem neusten Bulletin. «Wir haben noch nie seit 2006, als wir mit unseren Arbeiten zur umfassenden weltweiten Krise begannen, ein Zusammentreffen einer solchen Reihe von Faktoren grundlegender Bedeutung von so hoher Sprengkraft innerhalb einer so kurzen Zeitspanne konstatieren müssen. Entsprechend müssen wir nun im Rahmen unseres Bemühens, regelmässig einen ‹Krisenwetterbericht› herauszugeben, die höchste Warnstufe ausrufen.»


Drei Ursachen für die akute Beschleunigung stehen für das LEAP im Vordergrund:
1. Die Wirtschaft der USA im freien Fall. Im Sommer laufen die von der Bush-Regierung beschlossenen Steuererleichterungen aus. Ihre Verlängerung würde das Defizit der USA in einem Mass erhöhen, dass ihre Bonität weiter reduziert werden müsste. Im weiteren stehen die gesetzlich vorgeschriebenen Budgetkürzungen um 1000 Mrd. Dollar an, die so genannte «Sequestration», die wegen des politischen Streits zwischen Repulikanern und Demokraten gleichmässig über den ganzen Haushalt angewendet werden und sich nicht gezielt auf relativ überflüssige Posten beschränken, wie etwa das Militär. Man darf dabei nicht vergessen, dass die amerikanische Wirtschaft im Gefolge der Krise seit 2008 sehr von staatlichen Ausgaben abhängig geworden ist. Nach Berechnungen des Federal Reserve Boards hat sich das Nettovermögen der amerikanischen Haushalte zwischen 2007 und 2010 um rund 15 Prozent verringert. Die absolute Schmerzgrenze dürfte für viele schon erreicht sein.
Fazit des LEAP: «Während die ganze Welt die ‹griechische Maus› in heller Aufregung durch das Wohnzimmer jagt und die angelsächsischen Politiker und Medien mit dem Gerede vom ‹Ende des Euros› Nebelkerzen werfen, kommt gerade durch den Flur ein Elefant herein, den noch niemand bemerken will.»


2. Bankeninsolvenzen: Das LEAP beziffert das Volumen der Scheinvermögen auf 30’000 Mrd. Euro, ungefähr die Hälfte des weltweiten Bruttosozialprodukts. Dabei handelt es sich vor allem um überbewertete Immobilien, uneinbringliche Staatspapiere, Derivate in fallenden Märkten. Diese Scheinwerte halten die Bilanzen kosmetisch im Gleichgewicht, können aber bei Bedarf nicht zum Nennwert liquidiert werden. Die Zentralbanken können diese Scheinwerte nicht mit weiterer «Scheinliquidität» ersetzen. Ihr Pulver ist verschossen. Das LEAP erwartet den «Bankia-Moment» deshalb auch für die Wallstreet und die Londoner City. (Bankia ist die spanische Bank, die während Jahren versuchte, ihre Scheinwerte in Immobilien in der Bilanz zu halten, bis sie vom Staat mit 90 Mrd. Euro gerettet werden musste).

3. Die Ohnmacht der Zentralbanken: Im Rahmen des «quantitative easing», der quantitativen Erleichterung, haben die Zentralbanken riesige Geldmengen zu Vorzugskonditionen zur Verfügung gestellt, ohne damit einen Wachstumsimpuls auszulösen. Für einen Dollar Wachstum, so berichtet die Zeitschrift «Market Watch», müssen drei Dollar Schulden gemacht werden. Während die Banken problemlos Geld zur Sanierung ihrer Bilanzen erhalten, wird es für die Akteure in der Realwirtschaft immer schwieriger, Kredite zu bekommen. Fazit des LEAP: «Allmählich wird einer wachsenden Zahl von Politikern und Wirtschaftsfachleuten bewusst, dass die schuldenfinanzierten Rettungsprogramme nur einen Effekt mit Sicherheit produzieren: Sie würgen in ihrem untauglichen Versuch, insolvente Banken zu retten, immer stärker die Realwirtschaft ab.» Sie werden den in den Punkten 1 und 2 erwähnten Krisen machtlos gegenüber stehen.

Neben diesen wirtschaftlich-finanziellen Faktoren laufen nach Ansicht des LEAP in diesem Herbst noch vier geopolitische Krisen zusammen, die zwar schwieriger vorauszusagen sind, aber gleichzeitig das Geschehen viel stärker beeinflussen:
1. Der wahrscheinliche Krieg gegen den Iran – von Israel evt. unter Mitwirkung der USA – wird der eine Krieg zu viel zu sein. Die Mehrheit der Amerikaner hält den Iran heute für ebenso gefährlich wie die Sowjetunion des Kalten Krieges von 1983. Der Friedensnobelpreisträger Barack Obama lässt sich als Mann darstellen, der persönlich über die Todesliste entscheidet, nach der die Drohnen in Pakistan und Afghanistan fliegen – so sehr steht er unter Druck, vor den Wahlen den harten Mann zu spielen.
2. Syrien, das Streichholz am nahöstlichen Pulverfass: Das Land ist zum Spielball globaler Interessen geworden, in dem sich Tausende von ausländischen Kämpfern tummeln und in dem es längst nicht mehr um Demokratie geht.
3. Der arabische Herbst: Das LEAP geht davon aus, dass sich die unterschwellige Rebellion gegen die Vasallen der USA, Bahrain und Saudi-Arabien nicht länger unterdrücken lässt.
4. Das Chaos in Afghanistan und Pakistan: Aus dem geplanten geordneten Rückzug ist längst eine Art Flucht geworden. Um sie zu sichern, kommen die USA Potentaten und Warlords entgegen, mit denen in regulären Verhältnissen nicht einmal Verhandlungen geführt werden.

Bei seinen Empfehlungen beschränkt sich das etwas europhile LEAP leider nur auf finanzielle Aspekte: Ausstieg aus dem Aktienmarkt, speziell aus Bank- und Transport-Papieren und solchen, die von der US-Wirtschaft abhängig sind. Vorsicht beim Gold, das zwar steigen wird, aber grossen Schwankungen unterworfen sein dürfte. Nach der Wahl von François Hollande zum französischen Präsidenten sieht das LEAP für Euroland eine positive Konsolidierungsphase.
Ich wäre da etwas zurückhaltender. Das gesamte Bankensystem ist innerlich bankrott – eine Einschätzung, die das LEAP teilt. In diesem labilen Zustand kann es alle treffen, am ehesten natürlich die instabilen politischen Strukturen. Dazu gehört die EU leider nicht.


Weitere Details in der Pressemitteilung des LEAP: