Chapeau! Für Pierre-Alain Bruchez

Zuerst lancierte er erfolgreich das Referendum gegen den Mantelerlass. Nun möchte Pierre-Alain Bruchez im Herbst mit einer Volksinitiative nachdoppeln: Damit die freie Natur auch wirklich solarfrei bleibt.

Die Volksinitiative geht noch einen Schritt weiter: Würde sie angenommen, müssten bestehende Solaranlagen in der Natur sogar abgebaut werden (Bild: zvg)

Nimmt das Volk am 9. Juni die Änderungen des Energiegesetzes und des Stromerzeugungsgesetz (kurz «Mantelerlass) an, können Solarpanels und Windkraftwerke im grossen Stil auch im schützenswerten Alpenraum erstellt werden. Und zwar mit beschleunigten Verfahren und eingeschränkten Einsprachemöglichkeiten. 

Ganz und gar nicht einverstanden mit dem Primat der Energiewende gegenüber dem Naturschutz, ist Pierre-Alain Bruchez. Er gründete nicht nur das Bündnis Natur und Landschaft mit. Der pensionierte ehemalige Ökonom im Finanzdepartement hat letzten Oktober, am ersten Tag der Frist, mit Mitstreitern das Referendum ergriffen. 

Lange erschien der Einsatz gegen die undemokratischen Energiegesetze wenig aussichtsreich, wie Bruchez erzählt. Denn viele Naturschutzbündnisse wollten vom Referendum nichts wissen. Bis die Fondation Franz Weber und der Verein Freie Landschaft beschlossen, gegen den Mantelerlass zu kämpfen. Sie haben es möglich gemacht, die erforderliche Anzahl von Unterschriften zu sammeln. 

Bei den restlichen Verbänden wie WFF oder Pro Natura biss das Referendumskomitee allerdings meist auf Granit. Auf dessen Aufforderung, mitzumachen, schrieb zum Beispiel Pro Natura, «dass die Folgen für Natur und Landschaft allerdings potenziell gravierend sind». Aber da «der Mantelerlass wichtige und dringend nötige Fortschritte beim Ausbau der erneuerbaren Energien bringt», werde Pro Natura das Referendum nicht ergreifen.

Aber Bruchez’ nächster Coup ist schon geplant: Der passionierte Naturschützer will im Herbst 2024 eine Volksinitiative lancieren. Diese würde vorschreiben, dass Solarpanels «zuerst auf Gebäude und Infrastruktur» gebaut werden sollen. Der Initiativtext fordert sogar, dass Solaranlagen in der freien Natur, die nach der Lancierung der Initiative gebaut würden, auf Kosten der Hersteller innert fünf Jahren abgebaut werden müssten.

Damit kann Bruchez auch sein Versäumnis, nicht gegen den «Solarexpress» das Referendum ergriffen zu haben, ausbügeln. Er habe, erzählt er, zu spät von diesem Parlamentsbeschluss gehört, der bereits 2022 fiel. Der Solarexpress ermöglicht den beschleunigten und hochsubventionierten Bau von Photovoltaikanlagen bis ins Jahr 2025, auch in geschützten Landschaften. Geplant sind bis zu 200 Anlagen.

Bruchez ist keiner, der den Klimawandel in Frage stellt. «Die Energiewende muss sein», betont er, aber «Photovoltaik gehört in erster Linie auf Gebäude, Strassen und Parkplätze.» Genau dies führt er in seiner Schrift: «Genug Winterstrom ohne zusätzliche Kraftwerke in der freien Natur» aus. 

Darin kommt er auch auf ein Problem der «Erneuerbaren» zu sprechen: Ihre extreme, von Sonne und Wind abhängige Volatilität sowie die fehlenden Speichermöglichkeiten, weshalb Kritiker von Sonnen- und Windstrom von «Flatterstrom» sprechen. Auch der Mantelerlass löst diese Probleme nicht. 

Drohen also gewaltige Eingriffe in die Natur, ohne dass die Stromversorgung mit Solar und Wind sichergestellt würde? Das lässt Bruchez nicht gelten. Für die intermittierenden Erneuerbaren hat auch dafür schon verschiedene Lösungsszenarien in petto. Er zählt auf einige davon auf: Man kann Strom sparen, und gewisse Arten des Verbrauchs ausserhalb der Spitzenzeiten legen. Wasserkraft einsetzen, wenn Solar und Windkraft ausfallen, Stromerzeugung aus Biomasse ausbauen, es gibt die kurzzeitige Batteriespeicherung, Und schliesslich: Mit dem Überschuss an Sommerstrom kann man Biotreibstoff erzeugen, den man im Winter nutzen kann. 

Pierre-Alain Bruchez, umtriebiger Ökonom und Kämpfer für solarfreie Alpen

Pierre-Alain Bruchez

 

Herr Bruchez, wieso ist es so schwierig, andere Naturschutzorganisationen dazu zu bewegen, die Alpen vor den Solarpanels zu schützen?

Hinter vorgehaltener Hand würden einige Naturschützer gerne bei unserem Referendum mitmachen, aber sie dürfen nicht. Viele der Organisationen sind eng mit dem Parlament verbandelt. Und das Parlament hat am 29. September letzten Jahres eindeutig dem Mantelerlass zugestimmt. Aber ja, ich verstehe auch nicht ganz, wieso nicht mehr Naturschutzorganisationen hinter uns stehen. 

Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL-FP) beispielsweise verbietet Solarpanels im Alpenraum auch nicht. Sie listet akribisch auf, unter welchen Umständen Photovoltaikanlagen in den Bergen doch hingebaut werden können. 

Kurt Fluri, Präsident des Stiftungsrats der SL-FP hat als Nationalrat gegen den Mantelerlass abgestimmt. Aber im Stiftungsrat sitzen viele andere Nationalräte.

Befürworter von Solaranlagen in den Alpen behaupten, dass die Panels sogar Biodiversität ermöglichen. Ist alpine Photovoltaik also gar nicht so schlimm?

Es mag sein, dass es vielleicht ein paar Käfer mehr gibt durch die Solarpanels. Aber Biodiversität ist nicht der Hauptpunkt, der mich stört. Ich möchte den Anblick der Alpen erhalten. 

Es geht Ihnen also in erster Linie um die Ästhetik?

Das würde ich auch nicht so sagen. Es ist die Ruhe, die die Natur uns bringt, die sie so schützenswert macht. Und mehr noch: Es ist die Urkraft der Alpen, die nicht durch weitere Eingriffe gestört werden sollte.

 

Zum Mantelerlass und der Abstimmung vom 9. Juni im Zeitpunkt bisher erschienen: 

Der Turbo gegen die Turbinen

Referendum gegen den «Mantelerlass Strom»: das neue Stromversorgungs- und Energiegesetz

Mantelerlass: Wie ist die Abstimmung zu gewinnen?

Von der Windkraft verweht