Die Grossmacht, die die Welt rettete, ohne es zu wollen
China verzichtete auf Ölkäufe und bewahrte die Weltwirtschaft damit vor einer schweren Krise. Der viel zitierte geopolitische Analyst Arnaud Bertrand erkennt darin eine neue Form von Macht.
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Bild: shutterstock.com

Die erstaunlichste Geschichte dieses Jahres hat in der breiten Öffentlichkeit kaum Beachtung gefunden. Laut Arnaud Bertrand hat China die Weltwirtschaft vor einer schweren Energiekrise bewahrt. Nicht mit Milliardenhilfen oder einem geheimen Plan, sondern indem es deutlich weniger Rohöl kaufte als bisher. Wie das möglich wurde, zeigt Bertrand in einem brillanten Essay. Seine Analyse verändert den Blick auf Macht.

Nach Beginn des Iran-Kriegs im Februar dieses Jahres fehlten auf dem Weltmarkt grosse Mengen Öl. China, der weltgrösste Rohölimporteur, hätte um Ersatz kämpfen müssen. Stattdessen sanken seine Rohölimporte auf dem Seeweg von elf bis zwölf Millionen auf zeitweise weniger als sechs Millionen Fass pro Tag.

Die frei gewordenen Mengen gingen an andere asiatische Länder. Nach Berechnungen der Bank JPMorgan entfielen rund 74 Prozent des Rückgangs im weltweiten Rohölhandel auf China. Ohne diese Zurückhaltung, so Bertrands Einschätzung, hätten die Rohölpreise vermutlich die absolute Schmerzgrenze überschritten.

Bertrands Erklärung beginnt bei Chinas Achillesferse, der Strasse von Malakka zwischen Malaysia und Indonesien. Durch sie fliesst der grösste Teil der chinesischen Ölimporte. Seit der damalige Staats- und Parteichef Hu Jintao 2003 vor diesem «Malakka-Dilemma» warnte, ist die Verwundbarkeit fest im politischen Bewusstsein Chinas verankert.

Peking hat vorgesorgt. Es legte Ölreserven von geschätzten 1,4 Milliarden Fass an und elektrifizierte den Verkehr konsequent. Elektrofahrzeuge verdrängten laut der Internationalen Energieagentur (IEA) im zweiten Quartal 2026 eine Ölnachfrage von täglich 1,5 Millionen Fass. Das ist mehr, als China zuvor aus dem Iran bezog.

Den grössten Effekt hatte jedoch eine unspektakuläre Massnahme: Peking stoppte das Auffüllen seiner Öllager weitgehend, was laut Bertrand 54 Prozent des Importrückgangs erklärt. Hinzu kam, dass die Regierung die Treibstoffpreise begrenzte. Als Benzin am 23. März nach der üblichen Preisformel um 2205 Yuan pro Tonne hätte teurer werden müssen, liess sie lediglich eine Erhöhung um 1160 Yuan zu.

Die chinesischen Raffinerien konnten die gestiegenen Weltmarktpreise deshalb nur teilweise an die Konsumenten weitergeben und kauften entsprechend weniger Öl ein. Für die Verbraucher fiel der Preisschock milder aus.

Die Pointe liegt im Motiv. Bertrand findet keinen Beleg dafür, dass Peking die Weltwirtschaft retten wollte, obwohl es das tat. China schützte die eigene Versorgung und die Kaufkraft seiner Bevölkerung. Weil das Land vor dem Krieg rund ein Viertel des weltweit verschifften Rohöls abnahm, wirkte sich diese Politik auf alle aus.

Bertrand spricht von geopolitischer Gravitation: China muss niemanden in seine Umlaufbahn zwingen. Allein seine Grösse und Verflechtung verschieben die Gewichte.

So kehrt sich das Malakka-Dilemma um. In westlichen Sicherheitsdebatten wurde lange gefragt, ob die USA China durch eine Sperrung seiner Seewege in die Knie zwingen könnten. Aus Verwundbarkeit ist Einfluss geworden, und zwar nicht durch einen Plan zur Kontrolle der Welt, sondern als Ergebnis jahrzehntelanger Vorsorge.

An dieser Stelle möchte ich Bertrands Analyse um eine eigene Überlegung ergänzen. China hat den Ölmarkt nicht aus geopolitischem Kalkül entlastet. Doch es profitiert von einer Welt, in der Handel funktioniert und Absprachen verlässlich gelten.

Die chinesischen Regeln, auf denen eine solche Welt beruht, müssen weder ausdrücklich formuliert noch militärisch durchgesetzt werden. Sie behalten ihren Wert, auch wenn andere Mächte sie missachten. Wer wie China seine Zukunft auf Produktion, Handel und Vorsorge baut, profitiert mehr von Berechenbarkeit als vom Recht des Stärkeren.

Das soll China nicht verklären, denn das Land handelte aus Eigeninteresse und gewann dabei strategischen Einfluss. Macht eben nicht dasselbe ist wie der Wille, sie zum Nachteil anderer auszuüben. Ich sehe darin den möglichen Beginn einer neuen Weltordnung, in der ein Land wie China mit seiner eigenen Stabilität auch andere stabilisiert.

Das Gegenbeispiel sind die Vereinigten Staaten, die ihre exorbitante Verschuldung und den Rückgang der industriellen Produktion durch militärische Machtentfaltung wettmachen wollen – zum Schaden der gesamten Welt.

Bertrand selbst schliesst mit einer Frage: Wie wird China damit umgehen, dass es die Welt bereits mitbestimmt, obwohl es sie gar nicht regieren will?


Original: Arnaud Bertrand, Why did China just save the world economy?, 15. Oktober 2026.

Die Zusammenfassung hat Christoph Pfluger mit KI erstellt und eingehend redigiert. Die letzten vier Absätze vor dem Schluss sind seine eigenständige Weiterführung von Bertrands Analyse.

Arnaud Bertrand ist französischer Unternehmer und geopolitischer Kommentator. Er gründete die Ferienwohnungsplattform HouseTrip, die 2016 von TripAdvisor übernommen wurde, und baute mit seiner chinesischen Frau das Portal Me & Qi für traditionelle chinesische Medizin auf. Nach acht Jahren in China (2015–2023) lebt er heute in Malaysia. Er analysiert Chinas Rolle in einer multipolaren Weltordnung sowie geopolitische und wirtschaftliche Entwicklungen. Seine Texte auf X und Substack haben eine grosse Reichweite.

 

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