«Die Kardinalsünde der Schweizer Frau»
Vor 100 Jahren: ein heimgekehrter Auslandschweizer über das Wesen der Schweizerinnen
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Waren Schweizer Frauen vor 100 Jahren weniger weiblich als Frauen anderer Länder? (Bild KI/Nach einer Originalfotografie)

...In der damals noch jungen Monatszeitschrift «Schweizer Spiegel» beklagt sich der in die Schweiz zurückgekehrte Konrad Schmid-Clavadetscher über die seiner Ansicht nach mangelnde Weiblichkeit der Frauen in unserem Land. Im Widerspruch zur Frauenbewegung, die damals auch in der Schweiz an Bedeutung gewann, plädiert er für ein anderes Verständnis der Emanzipation. Sein Essay stiess schon damals auf weiblichen Widerspruch – und auch heute noch, genau 100 Jahre danach, lässt der Text niemanden ungerührt. Manche Passagen mögen von der Zeit überholt sein – doch über andere lohnt es sich nachzudenken.

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Aus der Vorbemerkung der «Schweizer Spiegel»-Redaktion im Sommer 1926: «Diese kritischen Bemerkungen eines Auslandschweizers werden Widerspruch erregen. Aber weist er uns nicht trotzdem auf eine wichtige Wahrheit hin?»  

Die Kardinalsünde der Schweizer Frau

Ein Schweizer, der in der Fremde reist, kann über unser Land viele Komplimente hören: über die Reinlichkeit der Strassen, über die Güte der Hotels, über die Schönheit unserer Natur, über unsere Sprachkenntnisse – nie aber wird er ein Lob zu hören bekommen über die Schönheit, die Anmut oder geistige Beweglichkeit unserer Frauen. Und wenn der Schweizer selbst aus der Fremde zurückkehrt und die heimatlichen Verhältnisse mit kritischem Blick misst, so ist auch ihm die Schweizerfrau eine grosse Enttäuschung.

Warum? Meine Gedanken sind lange Zeit um diese Frage gekreist. Ich bin für mich zu einer Antwort gekommen. Dabei bin ich jung genug, dass mich die Frage noch nach allen seinen Seiten hin interessiert, und gleichzeitig alt genug, um sie ohne Vorurteile zu bedenken.

Den Schweizerinnen ist in tiefster Seele eingegraben, dass sie nicht zum Vergnügen da sind – weder für sich selbst, noch für andere. Diese Kampfeinstellung der Schweizerfrau dem Leben gegenüber ist die Wurzel ihrer Vorzüge und Nachteile zugleich. Sie ist die Grundlage ihrer unbezweifelbaren Tüchtigkeit und Verlässlichkeit. Die Schweizerin ist von ganzer Seele bereit, ihren Teil von der Härte und Schwere des täglichen Lebens zu tragen.

Es gibt kaum eine Frau, die ihrem Wesen nach so wenig eine «Femme entretenue» ist – von ihrem Mann finanziell ausgehalten – wie die Schweizerin. Selbst im grössten Gefühlsüberschwang verliert sie diese Erfahrung selten aus den Augen. Über Jahrhunderte hat sie gelernt, dass der Genuss des Augenblicks mit dem Willen verbunden sein muss, die Mühen des Alltags gemeinsam zu tragen. Unsere Frauen standen vor der Notwendigkeit, sich den schweren Existenzverhältnissen unseres Landes anzupassen. Aber sie haben es mit einer solchen Leidenschaft getan, dass sie in Gefahr stehen, dabei das Wichtigste zu verlieren, ihr Selbst, ihre weibliche Seele.

Die Handarbeiten und feinen Stickereien sind zwar, soviel ich sehe, jetzt etwas aus der Mode gekommen; aber noch vor 15 Jahren – zu Beginn des 19. Jahrhunderts – durfte keine Frau und kein Mädchen, auch feierabends nicht, ohne irgend eine Handarbeit dasitzen. Und gerade unter den Frauen der gehobenen Schichten war es unerlässlich, dass jedes Zusammensein mit Sticken oder Stricken verbunden wurde.

Schon als Kind war mir die Ruhelosigkeit unserer Frauen unheimlich, die in nie erlahmender Geschäftigkeit von einer häuslichen Arbeit zur andern eilten. Und ist diese Geschäftigkeit nicht allein schon ein Beweis für die Störung des Gleichgewichts ihrer Seele? Den Verzicht auf die weibliche Gestaltung ihres Lebens? Ich kann mir diesen Verzicht nicht anders erklären, als dass die Schweizerin ihr Geschlecht als eine Minderwertigkeit, eine Schuld empfindet, die sie durch Selbstverleugnung zu sühnen bestrebt ist. Sie ahmt den Mann nach, weil sie das gute Gewissen, weiblich sein zu dürfen, verloren hat. Sie empfindet ihre weiblichen Neigungen als parasitär und sucht sie durch rastlose Tätigkeit zu ersticken.

Die Frau hat in viel höherem Mass als der Mann das Recht, aber auch die Pflicht, sich Selbstzweck zu sein. Doch die Schweizerin zeigt schon rein äusserlich in der Kleidung, dass sie sich dieses Recht nicht nimmt. Wie bedauerlich, wenn bei uns schon eine 40jährige Frau sich ohne zwingende Notwendigkeit als Neutrum gebärdet und kleidet. Gewiss, dieselben Modelle, die über den Asphalt der Pariser Boulevards spazieren, schreiten auch durch die Strassen unserer Städte. Aber das schönste Modell ist ohne Charme, wenn es nicht belebt wird vom lebendigen Hauch der Persönlichkeit seiner Trägerin.

Die höchste Umschreibung für ein 10jähriges Mädchen ist bei uns «eine brave Tochter». Bei welcher Nation ausser der unsern wäre das möglich? Wir bringen es fertig, das Wort Tochter als Synonym des Wortes Mädchen zu brauchen. Was heisst das anderes, als dass wir ein junges Mädchen in erster Linie nicht als geschlechtliches Wesen, sondern als Glied einer Verwandtschaftskette auffassen?

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Wollen Sie es mir glauben, aber die typische junge Schweizerin kann überhaupt nicht kokett sein. Der Charme der echten Koketterie ist Selbstgenügsamkeit, wohlige Selbstbespiegelung in der Bewunderung des Mannes. Es gehört zum Wesen echter Koketterie, dass sie nicht darauf ausgeht, den Mann dauernd zu fesseln. Der Schweizerin aber ist die Koketterie ein Mittel zur Ehe, dessen sie sich im Grunde schämt und auf welches sie gern sobald als nur möglich verzichtet.

Die Erfüllung der Hausfrauenpflichten in allen Ehren; aber es ist eine grobe Verkennung ihrer eigenen Bestimmung, wenn die Schweizerin glaubt, dass sie ihre Pflicht als Frau vollständig erfülle, wenn sie nur eine tüchtige Hausfrau und Mutter ist. Doch wie viele Frauen gibt es bei uns, die es unwürdig finden, würde man ihnen zumuten, ihre Schönheit und weibliche Anmut zu pflegen! Sie glauben im Gegenteil, dass eine äussere rauhe Schale allein schon der Beweis eines süssen Kernes sei.

Ihre Verachtung der Schönheit und Anmut macht sie für den Mann nicht begehrenswerter, sondern wirkt auf ihn wie die hochmütige Schlauheit des Fuchses, dem die Trauben zu sauer sind.

Es ist kein Zufall, dass in der schweizerischen und deutschen Literatur der Roman mit der Ehe aufhört, im französischen dagegen mit der Ehe beginnt. Die Rolle der verheirateten Frau in der Schweiz ist unverhältnismässig bescheidener als in den andern Ländern. Worüber spricht man mit der verheirateten Frau? Die Frau schweigt in der Schweiz im allgemeinen bei politischen Gesprächen, oder aber sie spricht wie ein Mann.

Politik ist keine Männerangelegenheit, über Politik kann eine Frau genau so vernünftig und genau so unvernünftig sprechen wie ein Mann, nur darf sie es eben nicht auf die gleiche Art machen wollen wie der Mann. Wenn Frauen Politik treiben, müssen sie weibliche Politik treiben. Das gibt es. Das beweisen in andern Ländern die Frauen, die schon lange vor dem politischen Stimmrecht eine politische Rolle gespielt haben. Aber diese Politik muss sich auf Menschen beziehen, einzelne Menschen und nicht auf abstrakte Ideen. Der politische Salon ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Damit spricht der Autor auf den Salon an, der schon im 18. Jahrhundert eine kultivierte Form der Geselligkeit pflegte. In seinem Zentrum stand meist eine gebildete, oft adlige Gastgeberin, die Salonière, die zur gepflegten Konversation einen Kreis aus unterschiedlichen Ständen und Rängen um sich versammelte.

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Es wird immer interessant sein, eine Frau über einen einzelnen Fall reden zu hören, aber nie über eine Theorie. Eine Frau glaubt, sich bei uns schämen zu müssen, wenn sie in der Zeitung nur die Rubrik «Unglücksfälle und Verbrechen» liest, die «Personalnachrichten» und vielleicht noch «Lokales», nicht aber die politischen Leitartikel. Sie tut sich unrecht; ihr Interesse ist um nichts weniger wertvoll. Wenn sie sich über einzelne Schicksale Gedanken macht und sich dazu äussert, dann ist dies genauso interessant, als wenn ein Mann den Leitartikel seiner Zeitung nachschwatzt.

Die schweizerische Frauenbewegung hat einen ausgesprochen männlichen Charakter. Eine richtig verstandene Frauenbewegung will für die Frau nicht die gleichen, sondern andere Rechte. Es gibt für die Frau Machtsphären, die für sie wichtiger sind als die politischen Rechte. Der moderne Frauentypus, der sich der veränderten Lebenshaltung der Frauen anzupassen versucht und äusserlich in der Mode, im kurzen Rock wie im Bubikopf, zum Ausdruck kommt, hat sich nicht nur gegen die herrschende Ansicht der Männer, sondern auch gegen den Willen der ent-erotisierten Führerinnen der Frauenbewegung selbst durchgesetzt.

Kurzer Rock und kurze Haare sind die äusseren Merkmale für die Befreiung der Frau von der Kontrolle des Mannes. Sie sind verbunden mit dem Anspruch, sich nicht nur nach dem eigenen Willen zu kleiden, sondern auch zu leben. Die Frau muss auch in der Bildung subjektiv sein. In dieser Forderung liegt keine Degradierung der Frau. Auch die ausgetüfteltste männliche Logik macht ein falsches Urteil nicht wahr und eine unlogische Begründung ein richtiges Urteil nicht falsch.

Die Abneigung des Mannes gegen die einen Beruf ausübende Frau richtet sich ausschliesslich gegen die Widernatürlichkeit, dass sich eine Frau in einem Beruf aufgibt, dass sie sich selbst vergewaltigt, in dem Beruf das zu finden, was der Beruf seiner Natur nach dem Manne sein muss.

Dass jedoch eine berufstätige Frau in keiner Weise auf ihre Weiblichkeit verzichten muss, beweisen gerade die Frauen in England und Amerika, bei denen der Prozentsatz berufstätiger Frauen noch grösser ist als bei uns.

Auch in den grössten amerikanischen Bureaux mit clean desks und Kontrolluhren sehen die Mädchen viel weniger geschäftlich aus als bei uns zum Beispiel in einer Buchhandlung. In den Bureaux von Ford sind unter den weiblichen Angestellten die anerkannt grossen Ereignisse: ein neuer Freund, ein neuer Rock, ein neuer Hut, und nicht ein neues System von Additionsmaschinen. Auch die ausgesprochensten Businesswomen sind mehr um das Schicksal ihres unmittelbaren Chefs besorgt als um den Gang der Geschäfte.

Sie wissen, dass ihr Hauptinteresse nicht der Arbeit an sich gilt, während sich bei uns eine junge Angestellte schämen würde, zu gestehen, dass ihr nicht die Arbeit an sich das Wichtigste sei. Genau wie sich bei uns die Studentinnen die Fiktion vormachen, dass es ihnen bei ihrem Studium um die «reine Wissenschaft» geht.

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Die Schweizerin hat einen grossen Vorzug: Dass sie weder vom Leben im allgemeinen noch vom Mann im besondern zu viel verlangt. Sie erhebt keinen Anspruch, als Priesterin des häuslichen Herdes verehrt zu werden. Ihr Kardinalfehler besteht aber darin, dass sie sich selbst unterschätzt, dass sie, fasziniert von der männlichen Gestaltung des Lebens, auf ihr Recht verzichtet, weiblich zu fühlen, zu denken und zu handeln.

Dieser Verzicht auf ihr Recht ist eine Versündigung nicht nur an ihr selbst, sondern auch am Manne. Der Mann hat ein heiliges Anrecht auf eine weibliche Frau, wie die Frau auf einen männlichen Mann. Es ist die Natur und die Tragik des männlichen Charakters, dass es ihm unmöglich ist, die Harmonie in sich selbst zu verwirklichen. Die in sich ruhende Frau, die anmutige Frau, ist für ihn eine Notwendigkeit wie das tägliche Brot, nicht vor allem aus einem erotischen Bedürfnis heraus, sondern weil sie ihm Bild ist und Abglanz der Harmonie, die als ewiges Ziel über allem Leben schwebt.»

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Bearbeitet von Nicolas Lindt. Im «Schweizer Spiegel» vom September 1926 folgte dann eine weibliche Antwort auf das Essay des Auslandschweizers. Sie wird im «Zeitpunkt» nächste Woche zu lesen sein.

Eine Audiofassung dieses Textes findet sich im neuen Podcast von Nicolas Lindt: «Die Schweiz vor 100 Jahren im Schweizer Spiegel». Zu hören auf itunes, Audible, podcast..de oder auf Spotify:

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Weitere Informationen über von 1925-1972 erscheinende, politisch unabhängige Monatszeitschrift siehe www.schweizerspiegel.ch

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. Neben dem Schreiben gestaltete er während 30 Jahren freie Trauungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Bücher von Nicolas Lindt

Der Fünf Minuten-Podcast «Mitten im Leben» von Nicolas Lindt ist zu finden auf Spotify, iTunes und Audible.

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Alle weiteren Informationen: www.nicolaslindt.ch


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