Im Juni 2026 legte die von der deutschen Regierung eingesetzte Expertenkommission «Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt» ihre Handlungsempfehlungen vor. Prof. Dr. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg und Mitglied der Kommission, äussert sich in einem Interview mit diagnose:funk kritisch zu den zentralen Vorschlägen der Kommission. Nach seiner Erfahrung bringt die frühe und umfassende Digitalisierung der Bildung grosse Risiken für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit sich.
Zierer kritisiert den Vorschlag des «KI-Seepferdchens» für Grundschulen: «Ein KI-Seepferdchen ist für mich nicht nur Zeitverschwendung, sondern sogar ein Vergehen an der Bildung der Kinder.» Das KI-Seepferdchen ist ein KI-gestütztes Lern- und Spielgerät, das bereits in der Grundschule eingesetzt werden soll. Der Name «Seepferdchen» spielt dabei auf das Schwimmabzeichen an und soll signalisieren, dass Kinder damit spielerisch erste digitale Kompetenzen erwerben – quasi als «Grundausbildung» im Umgang mit Künstlicher Intelligenz.
Die Kommission empfiehlt den Einsatz digitaler Medien bereits ab den Kitas und eine Altersgrenze für Social Media von 13 Jahren – für Zierer ist das viel zu wenig.
Kritik an der Digitalisierung in Schulen
Statt früher Digitalisierung brauche es mehr analoge, sinnliche und beziehungsorientierte Bildung. Der Pädagoge warnt vor einer Überforderung durch ständige Reize und Bildschirmnutzung. «Wir stecken mitten in einem Bildungsnotstand. Digitalisierung ist in vielen Bereichen nicht die Lösung, sondern Teil des Problems.»
Besonders problematisch sei die Verdrängung direkter zwischenmenschlicher Beziehungen durch Bildschirme. Kinder bräuchten in den ersten Jahren vor allem reale Erfahrungen, Bewegung, Natur und persönliche Zuwendung statt Tablets und KI-Tools.
Zierer betont die Bedeutung von Konzentration und Tiefenlernen: «Die ständige Ablenkung durch digitale Medien führt zu einer Fragmentierung der Aufmerksamkeit.» Er plädiert dafür, Schulen nicht zu digitalen Lernfabriken zu machen, sondern Orte der menschlichen Begegnung und sinnlichen Bildung zu erhalten. Die Kommission habe ihren Auftrag, Kinder wirksam zu schützen, seiner Ansicht nach verfehlt.
Risiken und Alternativen
Der Professor spricht sich klar gegen eine unkritische Digitalisierung aus. Frühe Bildschirmnutzung könne die Sprachentwicklung, die Feinmotorik und die sozial-emotionale Kompetenz beeinträchtigen. Statt flächendeckender Digitalisierung fordert er eine reflektierte, altersgerechte Mediennutzung und den Vorrang analoger Methoden. Besonders in der Grundschule sollten Bücher, Kreide und persönlicher Unterricht im Mittelpunkt stehen.
Zierer sieht in der aktuellen Bildungspolitik eine gefährliche Technikgläubigkeit. Die Expertenkommission habe zu sehr auf die Chancen und zu wenig auf die nachweisbaren Risiken der Digitalisierung geschaut. Sein Appell: «Wir müssen die Bildung der Kinder schützen – vor einer Überdigitalisierung, die mehr schadet als nützt.» Zierer plädiert für einen bewussten, zurückhaltenden Umgang mit digitalen Medien, um die natürliche Entwicklung von Kindern nicht zu gefährden.