Satish Kumar wird 90 Jahre alt: Der unbekannte Friedenspilger mit einer Botschaft für unsere Zeit

Vom Jain-Mönch zum Umweltphilosophen: Warum der Gandhianer auch im deutschsprachigen Raum mehr Beachtung verdient.
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Es war vor einigen Jahren, da wurde mir ein Buch angeboten: »No Destination« von einem Satish Kumar. Satish Kumar, nie gehört, wer soll das sein?

In diesem Buch berichtet Satish Kumar von seiner Pilgerfahrt, die er zu Fuss über 8.000 Meilen von Gandhis Grab über Moskau, Paris und London nach Washington unternommen hat, um in Zeiten atomarer Hochrüstung für den Frieden zu demonstrieren. Inspiriert wurde er von Betrand Russell, der als 90jähriger für den Frieden ins Gefängnis ging.

Nun wird Satish Kumar am 9. August diesen Jahres selbst 90 und kann auf sein ganzes Lebens als eine Pilgerfahrt für den Frieden, die unabdingbar den Frieden mit der Natur einschliesst, zurückblicken.

Je länger ich mich mit dem Lebenswerk von Satish Kumar beschäftigte, desto unverständlicher wurde mir, warum ich ihn bis dahin nicht gekannt hatte und warum er in den deutschsprachigen Ländern auch sonst gänzlich unbekannt war.

Ein Mensch mit diesen Lebensstationen: Mit 9 Jahren wurde er Jain-Mönch, mit 18 schloss er sich einem gandhianischen Ashram an, mit 20 begleitet er den Gandhi-Schüler Vinoba Bhave bei seinen gewaltlosen Aktionen für die Landlosen, mit 26 brach er (ohne Geld!) zu seiner zweieinhalbjährigen Pilgerfahrt auf.

Später begegnete er in London seiner heutigen Lebensgefährtin June Mitchell, und ihretwegen blieb er in England. Aber nicht nur: Entscheidend war auch die Begegnung mit E. F. Schumacher («Small Is Beautiful»), der ihn überzeugte, dass Europa einen Gandhianer brauche.

So gründete er das Schumacher-College, wo von 1991 bis 2024 die renommiertesten Vordenker eines ganzheitlich-ökologischen Weltverständnisses unterrichteten, unter anderem Vandana Shiva und Fritjof Capra. Zugleich war er Herausgeber der führenden Umweltzeitschrift «Resurgence».

Dieser kurze Abriss seiner Lebensstationen wird Satish Kumars Denken und Wirken natürlich in keiner Weise gerecht. Beides steht in einem fundamentalen Gegensatz zu unseren geläufigen Narrativen von Wachstum und Fortschritt und des absoluten Vorrangs des Menschen. So fand ich in ihm einen geistigen Weggefährten, der voll und ganz meinem verlegerischen Anliegen entsprach, ja, es grundlegend untermauerte.

«Wir müssen erkennen, dass die Natur bewusst und intelligent ist. Die Natur ist lebendig. Die Erde ist ein lebendiger Organismus. Sie ist Gaia, Anima Mundi. Meere, Wälder und Tiere sind unsere Vorfahren. Alle Arten, Menschen und andere, entstammen einer einzigen Quelle des Lebens. Wir alle haben denselben Ursprung.» (Satish Kumar)

Dieses Zitat fasst sehr gut zusammen, worum es nicht nur Satish Kumar geht, sondern auch, was die Grundhaltung ist, die wir als Menschen wiedergewinnen müssen, wenn wir als Spezies überleben wollen.

Inzwischen sind in meinem Verlag drei Bücher von Satish Kumar erschienen (hier), und es gibt drei weitere mit jeweils einem Beitrag von ihm. Welches Buch nun soll ich an dieser Stelle besonders empfehlen?

Ich denke, das zuletzt erschienene «Boden, Seele und Gesellschaft» ist so etwas wie sein Vermächtnis. Er schreibt: 
«Wenn du die Welt mit wohlwollenden Augen betrachtest, erwidert die Welt dies mit Wohlwollen. […] Der Boden ist die Quelle allen Lebens, buchstäblich und im übertragenen Sinne. […] Wenn mein äusserer Köper der Boden ist, dann ist mein inneres Wesen die Seele. […] Indem ich mich um den Boden kümmere, bin ich Teil der Erdgemeinschaft, und indem ich mich um die Gesellschaft kümmere, bin ich Teil der menschlichen Gesellschaft.»

In diesem Buch fliessen alle Quellen seiner Inspiration zusammen: der Buddha, Mahatma Gandhi, Rabindranath Tagore, E. F. Schumacher und die Erde selbst.


Andreas Lentz ist Gründer und Leiter des Neue-Erde-Verlags.

 

Satish Kumar: Boden, Seele und Gesellschaft – ein neuer Dreiklang für unsere Zeit. €18.–
 

 

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