Verknüpfen wir zuerst zwei Fäden, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: systemisches Unrecht und zivilisatorische Psychose. Wie ich oft betone: Soziale Arten, die sich in Hierarchien organisieren – also Primaten, einschliesslich des Menschen – besitzen einen angeborenen Sinn für Gerechtigkeit. Dieses Merkmal ist unverzichtbar für den Erhalt sozialer Stabilität und wurde deshalb evolutionär begünstigt.
Diese Sensibilität gilt sowohl für einzelne Ungerechtigkeiten als auch für strukturelles Unrecht. Bleibt eine individuelle Ungerechtigkeit ohne Konsequenz, wird die soziale Ordnung ausgehöhlt. Deshalb schufen frühe Zivilisationen Rechts- und Beschwerdesysteme mit Bürokratien zur Ordnung und Durchsetzung der Rechte und Pflichten jeder gesellschaftlichen Klasse.
Wenn diese Mechanismen jedoch zu leeren Worthülsen verkommen, ist das Unrecht systemisch: Nicht mehr nur Einzelne, sondern alle werden ungerecht behandelt und ausgebeutet – in krassem Widerspruch zu den Werten und Regeln, die das System offiziell zu vertreten vorgibt.
Gibt es eine externe Reichtumsquelle, die ausgeplündert werden kann, hat die Führungsschicht den Luxus, ausbeuterisch und unterdrückerisch zu werden, denn sie schöpft ihren Wohlstand nicht aus dem eigenen Volk.
Der Weg von einer Gesellschaft systemischer Gerechtigkeit hin zu einer Gesellschaft systemischen Unrechts ist folgender:
Stellen wir uns eine aufstrebende Nation vor: eine Gesellschaft mit hohem sozialem Vertrauen und starkem Zusammenhalt, getragen von einer pflichtbewussten Führung, Aufstiegsmöglichkeiten und einem System, das alle Klassen an denselben Regeln verpflichtete.
Eine solche Struktur ist das unverzichtbare Fundament einer funktionierenden Gesellschaft und Wirtschaft. Denn wenn die Bevölkerung durch ein ungerechtes System verarmt, reagiert sie mit Flucht aus dem System (Rückzug oder Auswanderung), mit Widerstand gegen Ausbeutung oder mit offenem Aufstand gegen den Status quo.
Entwickelt sich eine Nation zu einem expansiven Imperium, kann die Führung die Gerechtigkeit über Bord werfen – denn sie kann Reichtum durch Eroberung oder Ausbeutung neuer Ressourcen abschöpfen. Die Bürokratie wird mit der Kriegsbeute korrumpiert und ruhig gestellt, und im Zuge der imperialen Expansion hat das System genügend Mittel, um die Bürgerklasse mit Brot und Spielen – oder modernen Äquivalenten – zu betäuben.
Mit anderen Worten: Systemisches Unrecht wird geduldet, solange die wichtigsten gesellschaftlichen Klassen das Gefühl haben, voranzukommen. Das Römische Reich ist ein Paradebeispiel dieser Dynamik, aber es gibt viele andere.
Solange genug externer Reichtum hereinfliesst, damit die Menschen glauben, sie kämen voran, wird der soziale Verfall als «Preis des Fortschritts» akzeptiert. Denn wer braucht schon Gerechtigkeit, wenn er einen Platz im gezinkten Kasino hat?
Doch dieses Gefüge ist von Grund auf instabil – wirtschaftlich wie sozial: Externe Quellen von Reichtums und Ressourcen erschöpfen sich, und die Profite verteilen sich asymmetrisch: Die Reichsten an der Spitze häufen weiter Vermögen an, die Bürokraten werden ausgequetscht, und die unteren Klassen werden nun besteuert, um den Rückgang der externen Ausbeutung zu finanzieren.
Das systemische Unrecht, das man noch toleriert hatte, wird unerträglich, sobald die Mehrheit nicht mehr vorankommt. Das stellt die Führungsklasse, die den Löwenanteil des Reichtums einstreicht, vor ein Problem:
Wie überzeugt man die Massen, erstens, dass sie noch vorankommen – obwohl sie sichtlich zurückfallen? Und zweitens, wie verschleiert man das systemische Unrecht, also das gezinkte Kasino, das die Vielen ausblutet, um die Wenigen zu bereichern?
Die «Lösung» der Führungsklasse ist die zivilisatorische Psychose: Der Gründungsmythos des Staates – so begeisternd, so erhaben – wird mit aller Kraft propagiert, auch wenn dieser Mythos (Überfluss, Demokratie usw.) längst nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat.
Diese wachsende Kluft erzeugt eine zivilisatorische Psychose: Die Massen werden in einen Zustand der Verleugnung getrieben, der ihre Angst vor der Erkenntnis vorübergehend beschwichtigt – die Erkenntnis nämlich, dass sie nicht mehr vorankommen und alle Leitern des sozialen Aufstiegs morsch und zusammengebrochen sind.
Diese Selbsttäuschung gibt der Verleugnung eine oberflächlich plausible, ja geradezu inspirierende Form: Rom ist ewig – also müssen wir nichts tun, ausser auf eine automatische Rückkehr zur Grösse zu warten. KI wird uns alle reich machen. Der technologische Fortschritt ist unaufhaltsam und löst alle Probleme von selbst. Und so weiter.
Wir glauben inbrünstig an diese Wahnvorstellungen, weil die Alternative zu schmerzhaft ist. Das System ist bis ins Mark verfault: Alles ist Fassade, die als Echtheit getarnt wird. Wir kommen nicht nur nicht mehr voran – es gibt auch keine Wege mehr nach oben, ausser dem Glücksspiel, dem Verkauf unseres Blutes oder der wahnhaften Hoffnung, einer der wenigen frisch gebackenen Tech-Millionäre zu werden.
Aber: Die Verleugnung führt schliesslich zur Wut – ein explosiver Zustand mit ungewissem Ausgang –, die dann in Verhandeln übergeht («Bitte lass die Börse wieder steigen, damit ich ohne Verluste aussteigen kann»), das in Depression mündet («Alles ist verloren») und am Schluss zur Akzeptanz führen kann («Na gut – Zeit, neu anzufangen»).
Sowohl die Verleugnung als auch die zivilisatorische Psychose sind von Natur aus instabil, weil sie sich selbst auflösen. Die Verleugnung wird in Wut umschlagen – ob wir das wollen oder nicht.
Nachdem wir die Reservoirs einer stabilen Gesellschaft geleert haben, ist die Ersatzform des «Reichtums» eine wahnhafte Kredit-und-Vermögenswert-Blase, die eine Illusion von Wohlstand erzeugt. Da die oberen zehn Prozent – Manager, Unternehmer, Freiberufler –, die die Führungsschicht zur Verwaltung des Imperiums braucht, neunzig Prozent dieser aufgeblähten Vermögenswerte besitzen, ist das Aufpumpen einer solchen Blase ein schmerzloser Weg, dieser Klasse die Illusion zu verkaufen, sie käme noch voran.
Bis die Blase platzt. Und alle Blasen platzen, auch wenn wir darauf bestehen, dass es gar keine Blasen sind.
Blasen, die sich als «Reichtum» verkleiden, sind eine Erscheinungsform zivilisatorischer Psychose. Deshalb sind auch diese Vermögensblasen instabil und selbstzerstörerisch: Sie implodieren nicht durch äussere Einflüsse, sondern als zwingende Konsequenz ihrer inneren Struktur.
Sobald der Übergang des Systems zum gezinkten Kasino nicht mehr zu leugnen ist, bricht die Verleugnung in sich zusammen und wird von Wut abgelöst. Die Antworten auf systemisches Unrecht sind inneres Aussteigen, Dienst nach Vorschrift, Gleichgültigkeit als Protest, Rückzug – und schliesslich handfeste Revolte, wenn sich zeigt, dass Gerechtigkeit nur noch Propaganda ist.
Der Preis für den Glauben an diese Propaganda wird höher sein, als irgendjemand für möglich gehalten hat.