Vertrauen Sie Ihrem Kind

Unsere Autorin ist Lehrerin. In einem fiktiven Brief beschreibt sie, was sie den Eltern ihrer künftigen Schüler und Schülerinnen mitteilen würde. Die Samstagskolumne

Lehren Sie Ihr Kind sanft wie eine Katze auf allen vier Pfoten zu landen. Bild: Nils Jacobi/shutterstocks

Lieber Vater, liebe Mutter,

Ich bin die künftige Lehrerin Ihres Kindes. Und ich weiss jetzt schon, dass Sie mich anrufen werden, nicht einverstanden sein werden mit meinen Tests und Beurteilungen. Oder von mir verlangen werden, dass ich Partei ergreifen soll für Ihr Kind, wenn es sich mit anderen streitet.

Ich möchte Sie mit diesem Brief höflich bitten, dies zu unterlassen. Nicht, weil ich finde, ich sei unfehlbar und nicht nur, weil Sie mir mit Ihren Interventionen das Unterrichten unnötig erschweren. Das wirklich Tragische ist, dass Sie mit Ihren Einmischungen Ihrem Kind vermitteln, ja ihm regelrecht vorgaukeln, Sie könnten die Realität für es beliebig zurechthämmern. 

Für Ihr Kind mag das auf den ersten Blick verheissungsvoll und bequem sein. Es bekommt den Eindruck, dass es dieser Person am Lehrerpult nicht schutzlos ausgeliefert ist, sondern sich eine höhere Instanz in Form seiner Eltern stets für es einsetzen wird. 

Nur nehmen Sie Ihrem Kind damit die Möglichkeit weg, sich für sich selbst einzusetzen. Unmöglich, dies von einem Zehjährigen zu erwarten, denken Sie? Da unterschätzen Sie Ihr Kind und auch das Lehrpersonal. Kleine Winke, ein Gesichtsausdruck, eine schüchterne Frage, eine Anschuldigung reichen, um das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer zu verändern. 

Und diese Fähigkeit, Beziehung zu gestalten, ist ausschlaggebend für die weitere Zukunft Ihres Kindes, was immer es später machen wird.

Wenn Sie sich dagegen einmischen, vermitteln Sie Ihrem Kind, es könne sich nicht für sich selber einsetzen.

Es kann diese wichtige Fähigkeit nicht ausprägen und sich darin als wirkungsmächtig erleben 

Lassen Sie Ihr Kind los! Vertrauen Sie mir als Lehrerin! Vertrauen Sie den Wachstums- und Widerstandskräften Ihres Kindes. Lassen Sie Ihr Kind ziehen! Mit Kameraden. Am Nachmittag. Durch Felder und Wälder.

Lassen Sie es selber, ohne von Ihnen chauffiert oder begleitet zu werden, nach Hause spazieren.

Langsam oder schnell. Im Gespräch mit anderen. Auch wenn es manchmal Streit, ja Ihr Kind manchmal in zumeist harmlose Raufereien verwickelt wird.

Bitte packen Sie Ihr Kind nicht in Watte ein. Bitte lernen Sie nicht mit Ihrem Kind. Lassen Sie es seine Hausaufgaben selber machen. Lassen Sie es für seinen Lernerfolg Verantwortung übernehmen. Ich habe schon oft Kinder scheitern sehen an höheren Schulstufen, deren Eltern Ihrem Kind mit forciertem Lernen an der Primarschule zum scheinbaren Erfolg geführt haben.

Das Gras wächst nicht schneller, wenn Sie daran ziehen. 

Bitte vertrauen Sie Ihrem Kind. Es wird, auch wenn es bei uns nicht Bestnoten erzielt, seinen Weg schaffen. Intrinsische Motivation ist das höhere Gut als gute Noten. Also vermitteln Sie Freude an der Schule, am Lernen, aber übernehmen Sie nicht das Lernen für Ihr Kind. 

Lauschen Sie Ihrem Kind, zeigen Sie Verständnis für seine Sorgen, aber rufen Sie nicht sofort bei der Lehrerin oder der Polizei an, wenn Ihr Kind darüber klagt, dass ihm Unrecht geschehen sei. Lehren Sie es stattdessen, dass es verschiedene Perspektiven auf das Leben gibt. Dass eine schlechte Note nicht das Aus seiner schulischen Karriere bedeutet, sondern ein Hinweis ist, dass es mehr lernen sollte. Oder weniger Wert auf seinen Erfolg legen darf.

Ich als Lehrerin gestalte ein Stück Realität. Ich bin Realität. Ich unterrichte Ihr Kind, ich teste Ihr Kind. Ich bestimme, wie es sich in Konfliktsituationen in der Klasse verhalten und in welchem Ton es mit mir und den anderen im Klassenraum sprechen darf. 

Ja, ich bin eine Realität. Ich bin nicht unfehlbar. Vielleicht würde sich Ihr Kind bei einer anderen Lehrerin günstiger entwickeln. Vielleicht. Aber ich bin nicht die einzige Lehrerin Ihres Kindes. Vor mir haben es andere gebildet und beurteilt, nach mir werden es viele andere auch tun. Aus diesem Mix von schulischen Einflüssen wird Ihr Kind einen Teil seiner Identität ausbilden. 

Gestalten Sie nicht die Realität für Ihr Kind um, sondern lehren Sie es, mit Rückschlägen und Bosheiten der anderen Kinder umzugehen. Trösten Sie es, zeigen Sie auf, wie es mit Verlusten von Freundschaften umgehen kann. Lassen Sie sich ein bisschen erzählen, was es in der Schule macht. Fragen Sie es, was ihm Freude bereitet.

Aber behandeln Sie die Schule als seine Privatsache. Vermitteln Sie Ihrem Kind die Gewissheit, dass es die Schule und die Konflikte mit anderen bewältigen kann. 

Lassen Sie Ihr Kind spüren, dass Sie an es glauben. 

Und erziehen Sie Ihr Kind. Halten Sie sich dabei an die Werte des gesitteten Umgangs: Also unterbinden Sie Schimpfworte Ihnen und anderen gegenüber. Aber seien Sie gewiss, dass Ihr Kind selber Schimpfworte benutzen und ebenso solche einstecken wird. Das gehört zum Erwachsenwerden, verschiedene Rollen und verschiedene gesellschaftliche Situationen unterscheiden zu lernen: Wo darf ich mir Schnoddrigkeiten erlauben, wo muss ich absolut höflich und freundlich sein?

Sie bilden Ihr Kind, damit es gesellschaftsfähig ist, damit es in einem Kollektiv bestehen kann. 

Sie können das Leben Ihres Kindes nicht leben. Schneller als Sie denken, sind Sie nur noch Zuschauer am Spielrand. Es wird mit Sicherheit mehr als einmal gefoult werden, aber im Normalfall wird Ihr Kind aufstehen und weiterrennen. Der Täter wird mit einer gelben Karte bestraft, aber nicht immer, weil der Schiedsrichter nicht überall seine Augen haben kann. 

Ihr Kind und Sie selbst können sich ärgern über den Schiedsrichter, aber Ihr Kind wird weiterspielen wollen. Weil es intuitiv weiss, dass es absolute Gerechtigkeit nicht gibt. Und Sie müssen sie für Ihr Kind auch nicht herstellen. Denn zum Aufwachsen braucht Ihr Kind nicht absolute Gerechtigkeit, sondern die Gewissheit, dass es sich selbst regulieren kann, dass es selbstwirksam ist, dass sich Einsatz lohnt und dass es guttut, in einem Kollektiv aufgehoben zu sein.

Verhindern Sie nicht die Stürze Ihres Kindes, sondern lehren Sie es, sanft wie eine Katze auf allen vier Pfoten zu landen. Wie das geht? Indem Sie es früh lehren, seinem eigenen Körper zu vertrauen, indem es kriecht, geht, läuft, springt, Fahrrad und Trottinett fährt. Indem Sie es zulassen, von immer weiter oben in den weichen Sand zu springen. Indem Sie mit Freude und Zuversicht Ihrem Kind bei seinen Entdeckungstouren zuschauen. Es wird spüren, dass Sie ihm vertrauen und seine Grenzen ohne Ihr Zutun, langsam, seinen eigenen Fähigkeiten entsprechend, erweitern. 

Kurz gesagt: Vertrauen Sie Ihrem Kind, dem Leben und seiner neuen Lehrerin. 


Hören Sie zu dem Thema den Podcast:

Podcast: Spielen statt Büffeln - so geht lernen!