Pro und Kontra Schweizerdeutsch – eine Replik auf Nicolas Lindts Beitrag von gestern

Sollen Schweizer mit uns Deutschen Schriftdeutsch oder Schweizerdeutsch sprechen? Ab wann sollen wir Deutsche, die wir uns – aus was für Gründen auch immer – in der Schweiz aufhalten, Schweizerdeutsch lernen? Regionale Sprachen zu zerstören, das ist ein imperiales Machtmittel aller Zeiten – deshalb ja, wichtig! Sprecht Schweizerdeutsch mit uns, liebe Schweizer! Nur – wollt ihr das überhaupt?

© Bildnachweis: rocketspring

Ich bin in meinem Leben sehr oft in der Schweiz gewesen – nein, nicht nur des Geldes wegen. Um Freunde zu besuchen, Vorträge zu halten, wegen gemeinsamer Projekte oder einfach wegen der Schönheit des Landes. Und jetzt bin ich in einem Redaktionsteam mit lauter Schweizern – ich finde da keine grossen Unterschiede zu deutschen Teams. Und obwohl ich – jeweils mit etwas Wiedereingewöhnungszeit – eigentlich ganz gut Schweizerdeutsch oder jedenfalls Zürich- und Baseldeutsch verstehe, bestehen die Freunde und Kollegen meistens darauf, in meiner Anwesenheit Hochdeutsch zu sprechen. Ich fand das bisher vor allem sympathisch. 

Wir wechseln in Deutschland ja normalerweise auch ins Englische, wenn wir Amerikaner, Australier oder Engländer zu Gast haben. Es ist einerseits höflich. Andererseits aber auch praktisch. Denn wir haben keine Lust, so langsam zu sprechen und immer alles zu wiederholen, weil der andere sich eben doch in seinen Sprachkenntnissen überschätzt hat. Und last not least wollen wir zeigen, dass wir up to date und weltgewandt sind und locker mal ins Englische wechseln können. (Aber wie oft meine englischen Freunde, die seit vielen Jahren in Deutschland leben und fast perfekt deutsch sprechen, einem englisch radebrechenden Deutschen gegenüber Geduld aufbringen müssen!)

Wie auch immer, die von Nicolas aufgeworfene Diskussion und vor allem sein leiser Unterton – à là: Deutsche sind ja doch schneller als wir, es werden immer mehr von ihnen kommen – bringt eine lang vergessene Erinnerung hoch. Als Studentin arbeitete ich drei Monate lang in einem Skilokal in Klosters. Wir waren 16 Servicekräfte, 14 davon Schweizer und 2 Deutsche. Ich sprach fast kein Wort Schweizerdeutsch und war ausserdem zu schüchtern, um auch nur Grüezi zu sagen. Für die Gäste war das ok, die meisten stammten ohnehin aus Deutschland. Jeden Morgen, wenn wir Serviermädchen die Kartoffeln für das Rösti schälten, warfen die anderen ihre Scherze hin und her, schäkerten, flirteten, beschwerten sich – ultraschnell und auf Schweizerdeutsch. Wenn sie sich einmal an mich wandten, verzerrten sich die Münder, Stimmen und Gesichter, man sprach laut und langsam und stelzte eine formelle Bemerkung zusammen. Das Lachen und Flirten war weg, denn es wurde offiziell. Ich verstand: Sie gehören zusammen, denn sie sind die Schweizer. Ich bin Gastarbeiter. Dazu noch deutsch, und das ist mega-uncool. Viele von den Kolleginnen rieben uns täglich das deutsche Uncool-Sein unter die Nase. So erfuhr ich, die Schweizer sind in jedem erdenklichen Feld besser: Sie können besser Ski fahren, sind schneller und ordentlicher bei der Arbeit, sind sportlicher, demokratischer, reicher, heimatverbundener, weltgewandter, sprechen mehr Sprachen, haben besseres Essen und sind ausserdem keine Nazis. Wir Deutschen hingegen sind plump, unhöflich, arrogant, weltfremd, oberflächlich, ungeschickt und ausserdem allesamt verkappte Nazis. Ja, vielem konnte ich durchaus zustimmen. Ich war ja auch – eigentlich – begeistert von der Schweiz. Aber warum verwenden sie soviel Zeit, uns zu zeigen, wie minderwertig wir sind?

«Ganz einfach: Weil ihr gross seid und wir sind klein. Das ist alles.»

Nach zwei Wochen war ich erschöpft und froh, dass mich ein Freund in den Bergen besuchte, auch ein Schweizer. Ich fragte ihn, warum es so schwierig war, mit den anderen zusammenzusein. Wir waren alle um die 20, hätten doch viel Spass haben können. 

Er fragte zurück: «Du verstehst es wirklich nicht, oder?» 

«Was denn?» 

«Es liegt doch auf der Hand. Wir fühlen euch gegenüber minderwertig.» 

«Was? Ihr macht doch wirklich so vieles besser als wir.» 

«Genau. Weil wir unbedingt besser sein wollen, ja müssen.»

«Aber warum ist euch das so wichtig?» 

«Ganz einfach: Weil ihr gross seid und wir sind klein. Das ist alles. Wir fühlen uns als kleines Land bedroht und müssen das kompensieren, indem wir euch im Einzelnen überlegen sind.»

Das musste ich erstmal verdauen. Kann ich etwas dafür, dass ich in einem grösseren Land lebe? Ist das jetzt sowas wie ein Wettpinkeln? Da hab ich keine Lust zu.

Also – hier mein Entschluss: Ich nehme einige Stunden Privatunterricht in Schweizerdeutsch. Freiwillige Lehrer vor! Und meine Bitte an alle anderen: Seid milde, habt Geduld, sprecht etwas langsamer mit mir.

 

06. Oktober 2022
von:

Über

Christa Dregger

Submitted by cld on Sa, 09/17/2022 - 12:37

Christa Dregger-Barthels (auch unter dem Namen Leila Dregger bekannt). Ich bin Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Ich lebte fast 40 Jahren in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Meine Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist.

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