Es kann doch kein vernünftiger Mensch mehr an Himmelfahrt oder Jungfrauengeburt glauben, an eine dröhnende Gottesstimme über dem Sinai, heilige Schriften oder den letzten aller Propheten.
Doch schütten wir damit nicht das Kind mit dem Bade aus? Könnten wir behalten, was uns auch heute noch an Jesus, Buddha, Krishna und Rumi lockt, und weglassen, was die Religionen draus gemacht haben? Wäre das für uns irdisch Zerstrittene, Sinn Suchende ein Anker, um nicht ganz zu verzweifeln?
Ich nenne es Transzendenz. Vom lateinischen transcendere, deutsch überschreiten, über etwas hinausgehen. Weitergehen. Oder indisch: das Rad der Wiederkehr verlassen.
Mein Lieblingszitat hierzu ist von Albert Einstein: «Sie können ein Problem niemals auf der Ebene lösen, auf der es entstanden ist.» Dieser durch und durch säkulare Mensch begnügte sich damit, im Falle von Konflikten und Problemen einfach einen Wechsel der Ebene zu empfehlen, von der aus das Problem oder der Konflikt neu betrachtet werden kann. Wenn auch dort wieder Probleme entstehen sollten, dann eben weiter, immer weiter: transcendere.
«Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte», sagte dieser humorvolle, weise Mensch, «so ist es eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.» Sich wundern und staunen! Das ist auch meine Haltung gegenüber dem Wunder, dass wir existieren.

Der Beitrag stammt aus unserem aktuellen Heft: Licht und Schatten - Das Böse erkennen, das Gute tun.
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Darüber hinaus
Was Schamanen die Anderswelt nennen, Jesus das Reich Gottes, Buddha Nirvana und Yogis Samadhi, das gibt es wirklich. Wer je überschwänglich glücklich war, unhaltbar verliebt, von Schönheit überwältigt, mit oder ohne Hilfe von Zauberpilzen oder LSD – wir alle wissen, dass es das gibt. Transzendenz ist keine Illusion. Man braucht dafür kein Nahtoderlebnis, kein Ritual und keine Segnung von dazu Berufenen, solche Erlebnisse kann jeder haben und sogar jederzeit. Auch wenn der Zugang dazu normalerweise blockiert ist, weil die weltlichen Autoritäten angstfreie, aus sich selbst schöpfende, unbezwingbare Menschen nicht mögen.
In den folgenden drei Bereichen brauchen wir eine solche säkulare Spiritualität ganz besonders.
1. Bei politischen Grenzen
Die von politischen Mächten meist durch Kriege gebildeten Grenzen auf der Landkarte unseres Globus sind willkürliche Abgrenzungen. Sehr oft werden sie den dort lebenden Menschen nicht gerecht. Sie neu und menschengemäss zu ziehen, braucht Transzendenz: das Überschreiten des Problems auf der Ebene, auf der es entstanden ist. Beispiele gefällig? Alle aktuellen und bisherigen Kriege. Von der höheren Ebene aus konnten (z.B. im Elsass) und könnten (z.B. in der Ostukraine) die Grenzen gewaltfrei neu gezogen werden.
2. In der psychosomatischen Heilung
Naturwissenschaftliche Medizin und Pharmazie können einiges leisten. Hut ab davor! Bei den grassierenden Depressionen jedoch sind sie hilflos. Oft auch bei Phobien, PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung), Süchten, Sinnkrisen und Suizidabsicht. Auch da braucht es Transzendenz, ein über die Routinen und Hamsterräder Hinausgehen, ein Verlassen des jeweiligen Bhavacakra (Rad der Wiederkehr).
3. Bei sonstigen Konflikten & Feindbildern
Bei allen Konflikten gilt ein Richtig und Falsch, wir und die anderen, Freund und Freund, Faust und Mephisto, Gott und Satan. Einstein hierzu: Bitte die Ebene verlassen, auf der das entstanden ist! Scheidungsanwälte wissen, wovon ich spreche. Auch alle Mediatoren, GfK-Trainierte (Gewaltfreie Kommunikation), Schattenarbeiter und systemisch trainierte Konfiktlöser. Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann, sagte Francis Picabia. Der Mensch hat Geist, damit er die Ebene wechseln kann.
Lösungen
Mensch, erkenne dich selbst, die Forderung am Eingang zum Apollotempel von Delphi: so säkular! Vipassana, die buddhistische Einsichts-Meditation, es gab sie schon vor dem Buddhismus: so säkular! Rilkes Weltinnenraum: «Die Vögel fliegen durch mich durch, und in mir wächst ein Baum»: so säkular!
Wenn wir doch nur das Othering verstehen würden, das die Probleme und Konflikte erst erschafft! Wie wir die anderen erst zu anderen machen durch den psychischen Aufwand der Separation. Obwohl wir doch sind wie sie, und sie wie wir. Obwohl doch «nichts Menschliches uns fremd» ist.
Wenn ich etwas nach aussen projiziere, sei es einen schwarzen Schatten auf einen Feind oder einen goldenen Schatten auf ein von mir verehrtes Idol, enteigne ich damit mich selbst. Säkulare Spiritualität ist die Rücknahme von solchen Otherings, sie macht uns ganz.
Komisch, oder?
Ich behaupte nicht, dass das alles in der Praxis so einfach ist, wie es für mich war, es hier aufzuschreiben. Vielleicht ist es zu einfach, um es «so einfach» hinnehmen zu können. Die hier angepriesene Leichtigkeit scheint manchmal unendlich schwer zu erreichen. Die conditio humana, das menschliche Prekariat, erscheint uns oft als Tragödie. Von einer anderen Ebene aus – danke, Einstein! –, sieht es allerdings aus wie eine Komödie.
Streberhaftes Überspringen
Den Verkündern einer spiritulatio präcox, einer verfrühten Erleuchtung, sage ich: Gemach, Freunde! Das spirituelle Überspringen, das bypassing, wie es John Welwood so gut beschrieb, führt nicht zur Reife. Anstatt uns das irdische Jammertal überspringen zu lassen, meidet es wichtige Entwicklungsschritte im Bereich des Emotionalen und Sozialen. Wir sind zwar alle schon jetzt Buddhas und Kinder Gottes, heilig und unbescholten, aber auch als solche noch unterwegs auf einer Heldenreise von hier nach dort, auf der jeder Schritt der erste ist und der Weg das Ziel.
Diesseits des grossen Ozeans
Den Strebern nach dem heiligen Ganzen, die sich nichts anderes wünschen, als dass der Tropfen in den Ozean fallen möge, sage ich deshalb: Ehrt den Gegenpol des grenzenlosen Ganzen, eure kleine Heimat, euer sich entwickelndes Ich, die Individuation! Auch das Ganze wird ja zunächst mal als solches betrachtet – von einem Subjekt aus, von dir. Vom nicht mehr urteilenden Zeugen aus. Die komplette Verschmelzung kommt noch rechtzeitig von allein, spätestens mit dem Ende deiner aktuellen Identifikation mit was auch immer.
Stirb und Werde
Deshalb preise ich auch die Beheimatung in einem weltlichen Standpunkt, an dem wir greifbar sind; für mich ist das zum Beispiel der Pazifismus. Auch wer Solches leugnet, ist beheimatet in einer Kultur; meist gehören dazu Muttersprache, Ernährungs- und Bindungsform, die man als Kind erlebt hat. Erwachsen werden bedeutet Nestflucht. Sie impliziert die Fähigkeit, über den Tellerrand und Kirchturmhorizont, die Bubble der Herkunft hinausschauen zu können. In der buddhistischen Initiation heisst das Pabbajja – Hinausgehen in die Heimatlosigkeit. Im Hinduismus Dwija, die zweite Geburt. In der Heldenreise nach Campbell/Rebillot ist es das laufende Wiedergeborenwerden. Das, was Goethe in seinem Gedicht Selige Sehnsucht so nannte: «Dieses Stirb und werde / eh du dies nicht hast / bist du nur ein trüber Gast / auf der dunklen Erde.»