Im Château de Morges am Genfersee hat Jacques Baud, Oberst im Generalstab a. D. und ehemaliger Mitarbeiter des Nachrichtendienstes, eine Ausstellung über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg konzipiert, die den Blick auf diese Zeit grundlegend verändert.
Mit dem Bergier-Bericht von 2002 wurde die Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg neben der Flüchtlingsfrage vor allem auf wirtschaftliche und finanzielle Aspekte verengt. Geopolitische Zusammenhänge wurden wenig beachtet und die Gefahr deutscher Angriffe auf die Schweiz massiv unterschätzt. Das zeigt die Ausstellung «top secret», die anhand von Dokumenten die Angriffspläne der deutschen Wehrmacht für die Jahre 1940, 1943 und 1945 detailliert belegt. Dokumentiert sind sie auch im 230 Seiten umfassenden Begleitband zur Ausstellung.¹
Die Ausstellung mit rund 500 bisher unveröffentlichten Dokumenten und Objekten geht auch der Frage nach, warum Deutschland die Schweiz angreifen wollte. Zu Kriegsbeginn hatte die Schweiz ihre Neutralität erklärt, die mit der Wahl General Guisans, eines ausgesprochenen Gegners der Nazis, bekräftigt wurde.
Da die Armee auf die Verteidigung des gesamten Landes nur unzureichend vorbereitet war, beschloss Guisan, den Schwerpunkt auf das Réduit National mit den Alpentransversalen zu legen, damit diese nicht in Feindeshand fielen. Zudem wurde der ursprünglich nur mit sechs Offizieren besetzte Nachrichtendienst auf breiter Basis zur Abteilung für Nachrichtendienst und Sicherheit ausgebaut.
Als neutrales, von den Achsenmächten umzingeltes Land wurde die Schweiz für die Alliierten zu einem wichtigen Standort für verdeckte Stützpunkte. Von der Schweiz aus unterstützten sie die Widerstandsbewegungen gegen das Deutsche Reich mit Waffen, falschen Papieren, Sende- und Empfangsgeräten, Landkarten und vielem mehr, wie die Ausstellung in grosser Breite zeigt.
Damit wurde die Schweiz immer stärker zu einer geheimen Drehscheibe der Nachrichtendienste der USA, Grossbritanniens und der Sowjetunion sowie des französischen und polnischen Widerstands. Dies blieb auch der deutschen Abwehr nicht verborgen, die ihrerseits im Geheimen in der Schweiz ihren Interessen nachging. Diese Aktivitäten waren einer der wichtigsten Gründe für die deutschen Kriegspläne gegen die Schweiz.
Offiziell war die Schweiz neutral. Inoffiziell waren die Behörden über die Arbeit der alliierten Nachrichtendienste informiert oder arbeiteten teilweise mit ihnen zusammen. Jacques Baud weist darauf hin, dass General Guisan in dieser schwierigen Lage die Neutralität so anwandte, dass die Unabhängigkeit der Schweiz gewahrt werden konnte.
Ähnlich äusserte sich Winston Churchill in einer Rede vom 3. Dezember 1944: «Von allen neutralen Ländern hat die Schweiz den grössten Anspruch auf Anerkennung. Sie war die einzige internationale Kraft, die uns mit den schändlich gespaltenen Nationen verband. Welche Bedeutung kann es schon haben, ob sie uns die gewünschten Handelsvorteile gewährt hat oder ob sie den Deutschen zu viele davon eingeräumt hat, um selbst zu überleben?» Und weiter: «Es war ein demokratisches Land, das sich inmitten der Berge für die Freiheit einsetzte und letztendlich – trotz des Krieges – weitgehend auf unserer Seite stand.»
Die Ausstellung «top secret» im Château de Morges dauert noch bis zum 20. Dezember 2026. Vor Ort steht eine deutsche Übersetzung zur Verfügung.
Öffnungszeiten ab Oktober: Mittwoch bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.
TOP SECRET – Espionnage et résistance en Suisse et en Europe 1939 - 1945. Château de Morges, 14.11.2025 – 20.12.2026
Begleitband von Jacques Baud:
«GUERRE DE L’OMBRE – La Suisse au cœur de la résistance en Europe 1939–1945», Bière 2025, ISBN 978-2-88985-028-0.