Der erste Teil unseres Gespräches beginnt mit dem Thema Gesundheit - was bedeutet es, in einer kranken Welt gesund zu sein? Wie geben wir dem Körper sein Geburtsrecht zurück? Und was machen wir mit unserer Angst?
Aus dem Gespräch (Auszug)
Christa: Ilan, du bist bekannt geworden durch dein Buch Lieb und teuer, wo du Erfahrungen beschrieben hast mit Prostitution. Du bist dann aber viel weitergegangen in deinem Leben. Jetzt leitest du Menschen an dazu, ihrem Körper zu seinem Recht zu verhelfen und sich die Freiheit zu nehmen, nicht nur nett zu sein, sondern in die volle Präsenz zu gehen. Ist es das, was du unter Gesundheit bezeichnen würdest, voll präsent zu sein? Oder was ist Gesundheit für dich?
Ilan: Ja, ich finde das, du da ins Rennen schickst als Definition von Gesundheit, schon echt gut, voll präsent zu sein, keine Rücksicht zu nehmen auf die Umstände, sich zu dosieren, sondern mit allem im Vollkontakt zu sein, weil wir dann Gesundheit in einer Weise ausdehnen, dass wir dem Leben zugestehen, immer richtig zu sein. Immer so leben zu dürfen, wie es gerade lebt. Für mich entscheidet sich Gesundheit daran, wie radikal lebendig und wie radikal geschmeidig gehe ich mit dem, wie es jetzt gerade ist, in den Kontakt.
Das heißt, sobald wir diese kleinliche Gesundheit loslassen, kommt die kleinliche Gesundheit mit größerer Wahrscheinlichkeit als die Kirsche obendrauf auch noch dazu. Aber im ersten Schritt heilen wir unseren Begriff von Gesundheit, bevor wir unsere Krankheiten heilen. Im ersten Schritt machen wir Gesundheit zu etwas Alternativlosem und zu etwas, das uns als bewusste Wesen, uns als Lebendigkeitswesen etwas angeht und nicht als körperlich definiert durch was weiß ich, Herzratenvariabilität oder so.
Christa: Manchmal habe ich es immer als gesund empfunden, krank zu werden. Es gibt Situationen, wo ich es gesund finde von meinem Körper, dass er mit Krankheit reagiert auf eine Situation, zum Beispiel wie Stress oder Überforderung. Dass mein Körper nein sagt, ist supergesunde Reaktion. Jetzt leben wir aber in einer Welt, in einer Gesellschaft, die ich persönlich als nicht gesund empfinde, die ich sogar als tief krank empfinde. Wie können wir in einer kranken Gesellschaft gesund sein?
Ilan: Für mich ist mit den Dingen in den Vollkontakt zu gehen, zu erlauben, dass sie uns körperlich, ich könnte sagen, was ausmachen. Das heißt, wir schauen die Tagesschau und sehen alle Nachrichten, die wir lieber nicht sehen wollen würden. Und das Problem ist, wir sind entsetzt, aber bleiben sitzen. Was wäre, wir würden abends die Tagesschau sehen und bei jeder Katastrophenmeldung aufspringen und so lange schreien und uns schütteln und tanzen und weinen und trauern und boxen und kämpfen und empört sein und verängstigt und angewidert und schockiert, bis all dieser Stress durch unser Nervensystem durchgelaufen ist?
Das ist, mit den Dingen im Vollkontakt sein. Zu erlauben, dass wir nicht nur darüber reden, wie wir mit allem verbunden sind. Und dann laufen wir alle mit so einer Betroffenheitsdecke rum aus irgendwie Erschüttertheit und ach es wäre besser, wenn es anders wäre. Sondern wir erlauben den Dingen wie körperliche Stromschläge durch uns durchzufließen. Wenn wir das machen, sind wir mit der Wucht der Welt, wie sehr diese Welt brennt und wie sehr diese Welt leidet, wirklich im Vollkontakt.
Und wenn viele Millionen Menschen abends die Tagesschau sehen und sich schütteln würden in dem, was es wirklich mit ihnen macht, dann würden wir die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste Tagesschau positivere News zu vermelden hat, nach oben reißen. Weil wir letzten Endes in unseren Nervensystemen nicht nur die Welt spiegeln, sondern sie wirklich kreieren. Wenn wir in unserem Nervensystem im Vollkontakt dieses Trauma durch uns durchwaschen, dann kreieren wir, indem wir nicht mehr ausweichen vor dem, was uns Angst macht. Dann kreieren wir in einer Weise, die wir nicht mit dem Verstand erklären können oder noch nicht, eine andere Zukunft.
Sobald wir versuchen körperlich zu werden, fällt uns auf, wie sehr wir unser zurechtkommen, darauf gebaut haben, nicht im Körper zu sein. Graduelle Entkörperung ist das, was wir in dieser Welt als normal bezeichnen. Und wären wir nicht alle graduell entkörpert, dann könnten wir es gar nicht aushalten in einer Welt, die so krank ist wie diese, die so unglücklich ist wie diese. Unsere Zellen schreien vor Schmerz. Das können wir nur ertragen, indem wir uns abspalten. Andernfalls würden wir den ganzen Tag damit beschäftigt sein, zusammenzubrechen. In einer letzten Endes sehr heilsamen Weise. Heißt aber, wir kommen alle nicht mehr pünktlich zu unserem Bürojob. Das muss es uns wert sein.
Christa: Diese volle Präsenz ist, wie du das sagst und das ausstrahlst auch, ja fast ein politischer Akt. Im Moment scheint das System so übermächtig zu sein. Ich merke, wenn ich mich öffne, kommt erstmal Angst. Bevor die Wut kommt, kommt erst noch mal die Angst vor Krieg. Das geht ja wahrscheinlich sehr vielen Menschen auch so. Wie gehen wir durch die Angst auf eine gesunde Weise?
Ilan: Zuerst mal, es ist nicht nur fast politisch. Es ist das politischste, politisch explosivste und kraftvollste. Es ist das Eigentliche, was Politik immer sein wollte. Entweder wird Welt gestaltet von menschlichem Bewusstsein, welches sich selber fürchtet oder von menschlichem Bewusstsein, welches sich selber nicht mehr ausweicht. Beides ist verkörpert in Körpern, graduell in jedem von uns. Wir weichen uns aus und wir stellen uns uns selbst. Je mehr wir uns selbst nicht ausweichen, desto mehr schaltet sich diese innere Superkraft von voller Präsenz und Verkörperung frei. Und das wird die Welt verändern. Ein einziger Mensch, der wirklich wirklich in die Präsenz taucht, kann eine ganze Ära in einen neuen Geist tauchen. Also auf 2000 verballerte, korrupte Politiker ein volles Nervensystem, was nicht ausweicht. Das ist äquivalent.
Wir haben immer noch das Gift gefressen, wir seien Materie und das sind wir nicht. Das waren wir nie. Und in dem Sinne ist auch nicht die Frage, wie geht es unseren Körpern und unserer Seele, sondern die Frage, wie geht es unseren Körpern als Ausdruck und Gefäß, als Expansion der Seele. Das heißt, wir dürfen uns an jeder Stelle als eine immens kraftvolle Einheit betrachten, die letzten Endes nicht trennbar ist vom Ozean.
Und wie viel von dieser Angst, die du beschreibst, ist dann noch übrig? Die Alternative zu der Angst, die du beschreibst, Christa, ist ein Leben in Taubheit. Und wenn ich eine Sache fürchte für mich und den Rest der Menschheit, dann ist es taub geblieben zu sein, bis das Leben vorbei ist.
Ich will jeden Tag schlottern dürfen vor Todesangst, wenn ich dadurch auch nur einen Zentimeter meiner Wahrheit näher kommen darf. Ich will nicht geschont werden. Ich will nicht keine Angst haben müssen. Ich will die Wahrheit. Ich will sie mehr als alles andere. Hallo Leben, nimm mich beim Wort. So kann ich mit meiner Angst umgehen. In der Gemeinschaft mit anderen sich gemeinsam tragen, in der Würde und in dem Wissen den Wert dessen, wie viel es uns gekostet hat, diese Angst haben zu dürfen. Niemand nehme sie mir weg. Für diese Angst habe ich gekämpft. Diese Angst ist mein Triumph. Denn ich bin nicht so taub wie mein Vater. Ich sterbe mit offenen Augen. Das ist mein Recht.
Wir haben eine Kultur, in der wir gelernt haben, besser dazustehen, wenn wir nichts fürchten. Aber es ist eine Katastrophe, nichts zu fürchten. Denn wenn wir nichts fürchten, dann erleben wir nicht, wie sehr wir hängen an diesem Leben. Dann erleben wir nicht, wie sehr wir lieben.
Unsere Angst hat mehr Würde und Wert, auch im Sinne von Heilung, kollektiver Heilung, kollektiver Gesundheit als Furchtlosigkeit. Unsere Angst ist mutiger als unser Zurechtkommen.
Selbst unser Chaos, unser Scheitern ist wertvoller und ehrlicher als die Ordnung. An all diesen Stellen, an denen wir vor der Angst zurückweichen oder vor den Politikern zurückweichen oder oder hängen wir fest in dem, was wir eigentlich loslassen wollten, nämlich dieser Kultur geglaubt zu haben.
Ilan Stephani https://ilanstephani.com/de
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