Die Erde ist ein Ort der Sünde und der Fehlbarkeit und der Mensch ein unperfektes Wesen, das entweder von einem Retter befreit werden muss oder wieder verschwinden soll, um nicht noch mehr Unheil anzurichten. Dieses etwas überspitzte Menschen- und Weltbild hat dazu geführt, dass wir uns heute an der Schwelle zu einem weiteren, alles vernichtendem Krieg befinden. Dem gegenüber steht eine Haltung, in der der Mensch erneut Verbindung zur Erde aufnimmt – seiner Mutter – und sich als Teil eines lebendigen Ganzen versteht.
Während die monotheistischen Religionen auf der Alleinherrschaft eines männlichen Gottes basieren, wird mit der Wiederbelebung gnostischen Wissens eine andere Geschichte erzählt als die eines eifersüchtigen Vaters. «Not in his image» ist der Titel des Buches des Mythologen John Lamb Lash, der Mythen nicht nur historisch interpretiert, sondern als lebendige Orientierung für das eigene Leben sieht.
Für ihn ist Gnosis keine Religion, die auf der Übernahme von Dogmen, institutionellen Autoritäten und Heilsversprechen basiert, sondern eine Form unmittelbarer Erkenntnis, ein Wissen, das durch eigene Erfahrung, Intuition und geistige Wahrnehmung entsteht.
Der wichtigste Bestandteil seiner Gnosis-Interpretation ist der Mythos der Sophia. Ihr Name bedeutet Weisheit. Für Lash ist Weisheit keine abstrakte göttliche Eigenschaft, sondern ein kosmisches Bewusstsein, das durch eine besondere Emanation mit der Erde verbunden ist. In dieser Vorstellung ist die Erde nicht tote Materie, sondern ein lebendiger, intelligenter Ausdruck der höchsten weiblichen Gottheit Sophia.
Entfremdet
In Lashs Interpretation des Sophia-Mythos muss der Mensch nicht gerettet werden. Er muss sich erinnern. Kein äusserer Erlöser muss eingreifen. Die Befreiung geschieht nicht durch blinden Glauben, sondern durch Erkenntnis. Ort der Erkenntnis ist die Erde selbst.
Lash erinnert an die Übergänge von einer naturverbundenen Weisheitstradition, die die Erde als heilig betrachtete, zu einer Kultur des Dogmas und der religiösen Autorität. Er vergleicht die Zerstörung vorchristlicher europäischer Kulturen mit der Vernichtung indigener Kulturen in Amerika. Beide hatten eine enge Beziehung zur Natur und wurden von herrschaftsorientierten religiösen und politischen Systemen verdrängt.
Mit der Institutionalisierung des Christentums verbreitete sich eine Ideologie, die religiöse Überzeugung mit politischer Macht verband. Diese Theologie basiert auf der Vorstellung, dass eine bestimmte Religion allein die Wahrheit besitzt und andere Menschen bekehren oder bestrafen darf, und wird dadurch gerechtfertigt, dass sie angeblich der Rettung anderer dient.
Das messianische Denken, wonach die Welt grundsätzlich verdorben sei und einen Retter brauche, der als besonderer Auserwählter kommen wird, bevor die Geschichte mit einem endgültigen Gericht oder einer Erlösung endet, bringt die Menschen dazu, gegenwärtiges Leid im Namen einer zukünftigen perfekten Welt zu rechtfertigen und zu legitimieren. Vor allem aber entfernt die Sehnsucht nach dem Erlöser die Menschen von ihrer eigenen Verantwortung und entfremdet sie von ihrer unmittelbaren Realität.
Sophia trifft Gaia
Spirituelle Entwicklung bedeutet, die eigene Rolle innerhalb des gesamten Ökosystems zu verstehen. Im Sophia-Mythos sieht Lash eine Repräsentation dafür, dass die Erde nicht vom Göttlichen getrennt ist, sondern Ausdruck einer kosmischen Weisheit. Das Universum ist keine einmalig geschaffene Maschine, sondern ein ständig sich entwickelnder Prozess von Entstehung, Wechselwirkung und Bewusstsein.
Sophia ist eine zugleich irdische und kosmische Intelligenz, die tief mit der Evolution des Lebens auf der Erde verbunden ist. Der Mensch steht in einer besonderen Beziehung zu ihr, weil er fähig ist, seine eigene kosmische Herkunft zu erkennen. Hierfür braucht es keinen Vermittler, kein Patriarchat, das die weiblichen göttlichen Prinzipien marginalisiert und verdrängt.
Für Lash ist das Patriarchat nicht nur ein soziales Problem, sondern auch eine spirituelle Weltanschauung, die die Natur beherrschen will, Frauen unterordnet und ermordet, Wissen monopolisiert und institutionelle Autorität über individuelle Erfahrung stellt. Er spricht sich für eine Wiederentdeckung weiblicher und naturverbundener Spiritualität aus und sieht die Überwindung des Patriarchats als Voraussetzung für eine erneuerte Beziehung zur Erde, die auf gegenseitigem Respekt, Naturverbundenheit, persönlicher Verantwortung und direkter Erkenntnis basiert.
Kosmische Reise
Ein Weg, das zu erreichen, ist die Imagination. Es handelt sich nicht um blosse Fantasie, sondern die schöpferische Fähigkeit des Bewusstseins, das den Menschen mit der Intelligenz des Lebens verbindet, durch die er neue Wirklichkeiten erkennen und gestalten kann. Durch die Verbindung zwischen Individuum und Menschheit sind wir nicht nur ein isoliertes Ego, sondern Teil eines grösseren evolutionären Zusammenhangs. So bekommen wir eine neue Identität, nicht nur «Ich als Individuum», sondern «Ich als Teil der Menschheit und des Lebensnetzes».
Durch die Wiederbelebung des göttlich Weiblichen wird Denken wieder zyklisch statt linear, verbunden statt hierarchisch, lebensbejahend statt kontrollierend, naturbezogen statt transzendent. So wird Gnosis mit einer Tiefenökologie verbunden, die eine spirituelle Haltung fordert, die nicht nur Umweltschutz, sondern eine tiefe Verbundenheit mit allen Lebensformen beinhaltet.
Ehrfurcht vor der Natur, direkte spirituelle Erfahrung, Freude am Leben, Verantwortung gegenüber anderen Arten, Ablehnung dogmatischer Autorität und die Anerkennung der Erde als heilig – das ist die sophianische Lebensform. Mit ihr kann die kosmische Reise des Menschen weitergehen, die Entwicklung des Ichs, das sich aus der Einheit löst, um dann, mit Erfahrung und Erkenntnis erfüllt, wieder in sie zurückzukehren.
Zu diesem Thema lesen Sie auf Zeitpunkt, auch von Kerstin Chavent: Sophias Entscheidung