Aus dem Tagebuch eines Liedermachers

Der Jahreswechsel liegt hinter uns. Die Nachwehen aus der Silvesternacht sind verflogen. Voller Elan und Zuversicht wollte ich in das neue Jahr starten. Es kam anders. Gedanken aus der Isolation. «Aus dem Tagebuch eines Liedermachers» erscheint wiederkehrend.

© Mirjam Zurbrügg-Richner

Ganz ehrlich, den Jahresanfang habe ich mir ein bisschen anders vorgestellt. Wobei mir im Hinterkopf schon klar war, dass wohl auch ich eines Tages einen positiven Covid-Test erhalten werde.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich die letzten Stunden meiner Isolationsanordnung ab.

Ich habe die abgeschottete Zeit genutzt, um neue Lieder zu schreiben. In den letzten Tagen habe ich mir aber auch so einige Gedanken gemacht.

Wieso wird in dem ganzen Contact Tracing-Prozess nie darauf hingewiesen, wie man sich bei gewissen Symtomen zu verhalten hat? Sollte nicht alles daran gesetzt werden, dass Covid-19-Patienten und -Patientinnen möglichst rasch eine kompetente Beratung erhalten, um so eine Genesung von zu Hause aus zu ermöglichen und damit einem möglichen Spitaleintritt entgegenzuwirken?

Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich von meiner Familie bestens versorgt werde. Auch ein Telefonat mit meinem Hausarzt hat Klarheit gebracht. Aber ganz viele Menschen sind mit dieser Diagnose erst einmal ganz auf sich alleine gestellt. Sie haben Angst und machen sich sorgen.

Störend und sicher nicht gesundheitsfördernd ist für mich das Verbot, die Wohnung zu verlassen. Je nach persönlichem Wohlbefinden täte nach ein paar Tagen in der Isolation ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft sicher jedem gut!

Angst vor dem Virus hatte ich seit Beginn der Pandemie eigentlich nie. Es war mehr eine Art gesunder Respekt. Mir war nicht bekannt, dass ich einer Risikogruppe angehöre. Dasselbe gilt für den grössten Teil meines Umfeldes. Aber hey, auch ich bin nicht mehr der Jüngste, bewege mich langsam auf die Fünfzig zu und habe das eine oder andere Kilo zu viel auf den Rippen. Was jedoch mein Körpergewicht betrifft: Selber schuld, wenn das gute alte Klapperrad gegen ein E-Bike umgetauscht wird und die Joggingeinheiten kürzer werden...

Aber trotz allem, ja, ich bin dankbar und froh, dass es mir den Umständen entsprechend gut geht und ich «nur» die üblichen weitverbreiteten Begleiterscheinungen, die wohl die meisten meiner an Covid-19 erkrankten Mitmenschen betreffen, spüre. Gott sei Dank!

Omikron ist zwar hoch ansteckend. Aber viele Menschen, die sich jetzt infizieren haben einen milden Verlauf. Die Situation in den Spitälern ist angespannt, aber nicht dramatisch. Aber – und dies ist kaum eine Schlagzeile wert, die Jugendpsychiatrien müssen jetzt triagieren! Wartezeiten von bis zu einem Jahr sind an der Tagesordnung.

Ein Zitat der Stiftung «Pro Mente Sana»: Ein schnelles Erkennen und Reagieren bei psychischen Schwierigkeiten ist wichtig. Denn je länger man wartet, desto schlimmer werden Probleme.

Meine Isolation neigt sich dem Ende zu. Ein schmaler Streifen macht sich am Horizont breit. Man könnte diesen Streifen auch Freiheit nennen. Die einen erhalten diese sogenannte Freiheit, weil sie Antikörper aufweisen. Die anderen, weil sie geimpft und geboostert sind, oder so wie ich, weil sie genesen sind.

Doch wie wertvoll und echt ist wohl diese zertifizierte Freiheit?

Nur die Gesunden gehen leer aus. Verkehrte Welt, oder?

 

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Boris Bittel (49) lebt mit seiner Familie in der Region Bern. Der gelernte Innendekorateur arbeitet hauptberuflich als Immobilienbewirtschafter. Während den wärmeren Jahreszeiten ist der Musiker oft mit seiner Frau im selbstausgebauten Van unterweges. Im Gepäck immer mit dabei: die Gitarre und Notizmaterial.

www.borisbittel.ch