Aus dem Podcast «Fünf Minuten» von Nicolas Lindt.

Niemand muss eine Sardine sein, der keine Sardine sein will. / © Monicore, Pixabay

Vor ein paar Tagen verliess ein Eurocity um 20:59 Uhr den Zürcher HB in Richtung Basel. Doch bereits kurz nach Baden war Endstation. Zwei Stunden stand der Zug an der Bahnstation Mägenwil. Keiner der vielen Gestrandeten wusste, was los war, erzählte ein Fahrgast einer Zeitung. Alle standen draussen an der einsamen Bahnstation verloren herum, weil es im Innern zu heiss war. Erst um 23 Uhr konnte die Fahrt fortgesetzt werden. Wer von Basel aus aber weiterfahren wollte ins Ausland, zog es vor, nach Zürich zurückzukehren, denn in Basel wäre um Mitternacht Schluss gewesen.

Dasselbe erlebte einige Wochen vorher eine andere Passagierin. Ihr Eurocity erreichte zwar Basel, aber dort blieb er stehen. Da der Strom im Zug ausfiel – und damit auch das Licht und das Kühlsystem –, mussten die Passagiere ab 21:00 Uhr draussen auf dem nächtlichen Perron warten, bis sie um 23:00 Uhr wenigstens wieder zurück in den Zug durften. Alles in allem jedoch blieben Reisende, deren Reiseziel Deutschland war, bis zu acht Stunden in Basel hängen. Denn der früheste Zug nach Berlin beispielsweise verliess den Bahnhof erst morgens um  fünf Uhr. Die Informationen für die Weiterreise musste man sich selber beschaffen.

Vor einer Woche sass ein Fahrgast im Intercity, von Bern kommend, unterwegs in die Ostschweiz. Doch in Zürich war ebenfalls Endstation, weil der Bahnverkehr ab 18:00 Uhr am Bahnhof Winterthur Grüze wegen eines Polizeieinsatzes total unterbrochen war. Der Passagier, wie hunderte andere Passagiere, musste in Zürich drei Stunden warten, bis er die Reise in Richtung Winterthur fortsetzen konnte.

Vor ein paar Tagen, während der abendlichen Stosszeit, fing eine Lokomotive Feuer am Bahnhof in Zürich-Altstetten. Mehrere Stunden konnten die Züge den Bahnhof nicht mehr durchqueren. Auch für die S-Bahnen war kein Durchkommen mehr. In Basel und Bern fuhren die Intercity-Züge nach Zürich schon gar nicht mehr ab, so dass die Passagiere mehrere Stunden abwarten mussten, bis die Störung in Altstetten endlich behoben war.

Das sind nur einige wenige aktuelle Beispiele. Beispiele für grössere Störungen in unserem Bahnnetz. Regelmässige Bahnbenützer könnten die Liste problemlos ergänzen. Was will ich damit sagen? Ich will damit nicht sagen, der Bahnverkehr müsste störungsfrei sein. Störungen gibt es, sie gehören zum Leben, und sie gehören zum Schienenverkehr wie zu jeder Form von Verkehr. Störungen gab es schon früher, als der Bahnverkehr noch nicht maschinengesteuert war.

Weil aber immer mehr Menschen in der Schweiz leben, benutzen immer mehr Menschen die Bahn. Und weil immer mehr Menschen die Bahn benutzen, muss der Bahnverkehr immer dichter werden. Und weil der Bahnverkehr immer dichter wird, nimmt auch die Zahl der Störungen zu. Weil aber immer mehr Menschen hier leben, sind von den Störungen immer mehr Menschen betroffen. Sobald eine Bahnstation auf einer Hauptverkehrsstrecke ausfällt, kommen Tausende von Pendlern und Bahnbenützern zu spät zur Arbeit, zu spät nach Hause, zu spät zum Flugzeug, zu spät in die Ferien, zu spät an ihr Date, zu spät an ihre Familienfeier, zu spät vielleicht sogar an ein Sterbebett.

Nicht zu reden von den unzähligen, unnützen Stunden, die ein Pendler mit Warten an zugigen Bahnstationen oder mit Warten in Zügen verbringen muss, deren Klimaanlage ausfiel – ohne zu wissen, wann das Warten ein Ende hat. Das Gefühl des Ausgeliefertseins ist kein gutes Gefühl, auch wenn es bloss ein paar Stunden dauert. Denn es bedeutet Abhängigkeit. Abhängigkeit von der Entscheidung anderer. Abhängigkeit von einem System, dem man sich gutgläubig anvertraut hat. Dem man sich nicht mehr entziehen kann. Dessen Goodwill man ausweglos unterworfen ist. Fahren die Züge dann doch endlich wieder, muss man erleichtert sein. Dann muss man geradezu dankbar sein. Dem System muss man dankbar sein. Weil es uns doch noch geholfen, unsere Bitten doch noch erhört hat.

Ein Volk, das sich in Züge hineinpferchen lässt, die bereits überfüllt sind, und ohne Widerspruch an den Bahnhöfen ausharrt, weil sich die Störungen häufen – ein solches Volk trainiert das Gehorchen. Es gewöhnt sich an die tägliche Unterwerfung. Deshalb wird der öffentliche Verkehr so gefördert. Nicht nur aus ökologischen Gründen. Sondern weil er uns abhängig macht. Weil er uns willenlos macht. Deshalb wird der Privatverkehr so verteufelt. Nicht aus ökologischen Gründen. Sondern weil Autofahrer nicht abhängig sind. Weil sie selber entscheiden.

Im Auto bin ich nicht ausgeliefert. Ich kann selber entscheiden, ob ich zur falschen Zeit auf der Gotthardautobahn unterwegs sein will. Ich kann selber entscheiden, eine andere Route zu wählen oder erst nachts zu fahren. Und wenn ich als Pendler am Morgen in einen Stau gerate, dann ärgert mich das, aber wenigstens sitze ich nicht in einer öffentlichen Sardinenbüchse, sondern in meinen privaten vier Wänden. Und habe ich ausnahmsweise einmal eine Panne, muss ich nicht warten, bis das System mich gnädig erlöst. Ich rufe die Pannenhilfe. Meinem Auto Sorge zu tragen, ist meine Entscheidung. Meine Verantwortung.

Autofahren bedeutet Freiheit. So ist es noch immer. Keine Freiheit im höheren Sinn, aber doch ein Stück Autonomie, das man im Grunde nicht missen möchte. Mein Auto ist mein Eigenheim. Mein Tiny House. Im Auto kann ich mitnehmen, was ich will. Im Auto kann ich mitnehmen, wen ich will. Im Auto kann ich losfahren, wann ich will. Im Auto kann ich anhalten, wo ich will. Im Auto kann ich an Orte gelangen, die kein ÖV-Benützer jemals gesehen hat. Im Auto muss ich den Platz nicht teilen mit Menschen, die mir nicht angenehm sind. Im Auto kann ich Gespräche führen, die niemand mithören muss. Im Auto kann ich Musik hören, so laut ich sie hören will. Und ich kann das Lied mitsingen, so laut ich es mitsingen will.

Würden mehr Bahnbenützer das Auto nehmen, wäre der Stau auf den Strassen total. Der Verkehr würde zusammenbrechen. Aber niemand muss eine Sardine sein, der keine Sardine sein will. Jeder Benützer der Bahn hat dasselbe Recht wie der Autofahrer. Das Recht der freien Entscheidung. Viele Gründe, das wissen wir, sprechen gegen das Auto. Die Freiheit hat ihren Preis. Aber auch die Abhängigkeit hat ihren Preis. Deshalb stellt sich auch bei der Fortbewegung für jeden von uns die existentielle Frage: Wie wollen wir leben - in Abhängigkeit oder in Freiheit?

Über

Nicolas Lindt

Submitted by admin on Di, 11/17/2020 - 00:36

 

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Soeben erschienen: «Heiraten im Namen der Liebe» - Hochzeit, freie Trauung und Taufe: 121 Fragen und Antworten - Ein Ratgeber und ein Buch über die Liebe - 412 Seiten, gebunden - Erhältlich in jeder Buchhandlung auf Bestellung oder online bei Ex LibrisOrell Füssli oder auch Amazon - Informationen zum Buch

Weitere Bücher von Nicolas Lindt

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Kommentare

Freiheit oder Beziehung

von cld

Danke, Nicolas, für deine Sicht. Ich möchte aber einmal wieder eine andere Sichtweise hinzustellen: Denn ich liebe das Bahnfahren. 
Und das in Deutschland mit dem sprichwörtlichen deutschen Bahn-Chaos, und das nach zwei Jahren Maulkorb und Maskierzwang, und das obwohl es auf deutschen Autobahnen keine Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt... Aber Autobahnen mit ihrem grauen Einerlei sind das Langweiligste, was ich kenne - und ich bin noch gezwungen, die ganze Zeit "aufmerksam" zu sein. Was gibt es Öderes für den Geist! In der Bahn kann ich schlafen, stricken, lesen, in den Speisewagen gehen.
Autofahren ist für mich keine Freiheit, mein Freiheitswille empört sich bei diesem stundenlangen Eingesperrtsein in meiner Blechbüchse, (Heim? An mein Heim habe ich andere Ansprüche!) wo ich andere Menschen nur in ihren Blechbüchsen vorbeirauschen sehe. Jeder sein eigener Mini-König, der lärmend die Luft verpestet und sich in der Illusion der Unabhängigkeit sonnt - wo bleibt diese aber, wenn die Tankstelle oder der Pannenservice mal nicht zu erreichen ist? 
Beim Bahnfahren kommt man sich dagegen nahe - oft auch ungewollt nahe. Das ist herausfordernd. Da ist nicht jeder nett oder interessant oder riecht gut. Na und? Das sind Menschen, ich beobachte sie gern und finde das Mass an Kontakt, was da stimmt.
Ja, es nervt, was da an Verspätungen und Chaos abgeht - aber ich habe unglaublich Schönes und Spannendes erlebt, z.B. wenn Züge stehen blieben und man sich gegenseitig helfen durfte und Informationen, Getränke, Handreichungen teilte. Da gibt es eben nicht nur das System, es gibt auch noch Menschen, die darin agieren und ihre Entscheidungen treffen. 
Seitdem die Bahn nicht mehr so funktioniert wie früher - ich glaube, es hängt eher mit den Privatisierungen als mit der Mehrzahl an Einwohnern zusammen - ist es auch etwas abenteuerlicher geworden. Das nervt und könnte viel besser sein. Aber ich habe meine Gelassenheit damit gefunden - und bin voller Respekt dafür, dass wir so ein ausgebautes ÖV-System haben, das uns fast überall hinbringt. Gut, nicht an die entlegensten Naturstellen - aber die dürfen auch ein wenig geschützt bleiben vor zu viel Mensch.