Das wichtigste geopolitische Ereignis der letzten Monate

Opec+ drosselt die Erdölproduktion gegen den ausdrücklichen Willen der USA

(Foto: Matryx /pixabay.com)

Prolog

Papiergeld muss, damit sich Vertrauen entwickelt, für etwas stehen. Traditionell ist dies Gold. Mit der Konzeption der finanziellen Nachkriegsordnung von 1944 in Bretton Woods verpflichteten sich die USA, ihre Währung zum Kurs von 35 Dollar pro Unze gegen Gold einzutauschen. Die ganze Welt wusste: Der Dollar ist so gut wie Gold – solange die USA ihr Versprechen halten konnten.

Mit dem teuren Vietnamkrieg mehrten sich allerdings die Zweifel an der Golddeckung der USA. Die Franzosen schickten sogar ein Kriegsschiff nach Fort Know, um Dollars in Gold zu tauschen. Im August 1971 musste Nixon die Goldkonvertibilität des Dollars beenden und die amerikanische Währung sank kontinuierlich in ihrem Wert.

Für die USA war dies eine mittlere Katastrophe, da sie die Waren jetzt teurer importieren mussten und ihre Rechnungen nicht mehr einfach mit frisch gedruckten Dollars bezahlen konnten.

Die rettende Idee kam vom damaligen Aussenminister Kissinger, der mit den Saudis und der OPEC vereinbarte, dass Erdöl nur in Dollar gehandelt wurde. Im Gegenzug erhielten die Saudis Waffen und die Möglichkeit, die vielen Dollars, die sie jetzt erhielten, in US-Staatspapieren anzulegen.

Anstatt durch Gold war der Dollar jetzt gewissermassen mit Erdöl gedeckt. Die ganze Welt brauchte Erdöl und damit auch Dollars. Dies erlaubte den USA, ihre enormen Haushalts- und Handelsbilanzdefizite weiterhin mit frisch gedruckten Dollars zu decken, die vom Rest der Welt noch so gerne in Reserve genommen wurden, denn Erdöl braucht man immer.

Das System ist insofern nicht nachhaltig, als die Förderländer gezwungen wurden, ihr wertvolles Produkt gegen eine Währung zu verkaufen, die aufgrund der wachsenden Schulden der USA immer wertloser wurde. Es musste deshalb mit zunehmender Gewalt gestützt werden.

Die USA bestraften alle Länder, die gegen die Regeln verstiessen mit Sanktionen oder Krieg. Irak, Iran, Venezuela, Libyen, Syrien und Russland sind Beispiele dafür. Die Durchsetzung der Regeln wurde immer schwieriger, weil sich die Sanktions- und Militärmacht der USA als weniger durchschlagend entpuppte als befürchtet. Im Iran und in Syrien war sie nicht erfolgreich und mit Russland dürfte sie an eine absolute Grenze gestossen sein.

Der Entscheid der Opec+

Letzte Woche hat sich nun Historisches ereignet: Die Opec hat in der Formation «Opec+» – d.h. mit Russland – beschlossen, die Förderung zu reduzieren, gegen den erbitterten Widerstand der USA. Jede verfügbare Person im Weissen Haus soll sich Berichten zufolge dafür eingesetzt haben, diesen Entscheid zu verhindern oder zumindest auf die Zeit nach den Zwischenwahlen zu verschieben. Erfolglos, wie wir wissen.

Der Entscheid ist für Joe Biden und die Demokraten kurz- und langfristig höchst bedrohlich. Steigende Erdölpreise gefährden ihren Erfolg in den Zwischenwahlen vom 8. November. Der im Autoland USA politisch sensible Benzinpreis an den Tankstellen ist bereits gestiegen. Langfristig unterminiert der Entscheid die Position des Petrodollars. Denn ohne die bedingungslose Partnerschaft mit dem grössten Förderland Saudi-Arabien ist die US-Kontrolle der OPEC akut gefährdet.

Zudem dürfte es Russland sein, das vom Opec+-Entscheid am meisten profitiert. Denn Russland ist der Produktionsdrosselung nicht unterworfen – und wird von den Preissteigerungen am meisten profitieren.

Was ist geschehen? Wie kommt es, dass Saudi-Arabien die USA, seinen jahrzehntelangen Partner, im entscheidenden Moment desavouiert und mit Russland und seinem traditionellen Gegner, dem Iran, eine gemeinsame Politik verfolgt?

Die Abhängigkeit Saudi-Arabiens von den USA basiert zum Teil auf dem Konflikt mit dem Iran, dem nächstgrössten Förderland. Um in diesem Konflikt und dem Stellvertreterkrieg in Yemen zu bestehen, braucht Saudi-Arabien Waffen aus den USA.

Russland ist es vermutlich gelungen, die Feindschaft zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, zu temperieren und neue Perspektiven zu entwickeln.

Saudi-Arabien hat offenbar erkannt, dass seine wirtschaftlichen Aussichten besser sind, wenn es sich auf den riesigen Markt der BRICS-Staaten mit China und Indien als grössten Kunden und die geplante neue Welthandelswährung ausrichtet, als wenn es weiterhin auf die gefährliche Partnerschaft der USA und den zunehmend wertlosen Dollar setzt.

Nicht umsonst sagte Kissinger einmal: «Ein Feind der USA zu sein ist gefährlich, aber ein Freund zu sein ist tödlich.» (Kissinger sagte dies in Bezug auf den letzten Präsidenten Südvietnams, Nguyen Van Thieu, der, von den Amerikanern im Stich gelassen, gegenüber den Vietkong kapitulieren musste).

Zudem sind die amerikanischen Verteidigungssysteme offensichtlich nicht in der Lage, die saudische Infrastruktur zu schützen. Im März gelang es den von Iran unterstützten Huthi-Rebellen, ein grosses Erdöllager von Aramco in Dschidda mit Raketen in Brand zu setzen. Saudi-Arabien möchte nun die besseren russischen Luftabwehrsysteme übernehmen. Die gibt es natürlich nicht umsonst.

Wie wahr Kissingers Diktum ist, wird die EU demnächst in aller Härte erfahren. Als Antwort auf den Ölmangel in den USA wird nämlich bereits ein Exportverbot diskutiert. Hauptleidtragende wären die Staaten Europas, die seit Beginn des Kriegs in der Ukraine das meiste Erdöl aus den USA importierten. Zur Gaskrise kommt dann noch eine Ölkrise.

Fazit:

Der Entscheid der Opec+ist

  • ein Schlag ins Gesicht von Joe Biden, der in den Zwischenwahlen seine Kontrolle über den Kongress verlieren könnte
  • ein Signal für den bevorstehenden Verlust des Dollars als Erdölwährung und als Leitwährung des Planeten Erde
  • eine markante Stärkung von Russland als verbindende Kraft in einer multipolaren Welt
  • eine symbolstarke Schwächung der westlichen Industriestaaten, ihre Wirtschaft vor der drohenden Deindustrialisierung zu bewahren.

Angesichts der schwierigen Lage der USA und ihrer Verbündeten werden verrückte, schwer einzuordnende Ereignisse in nächster Zeit zunehmen. Verzweiflung fördert irrationales Verhalten. Wenn die Pipelines nicht halten, sollten wenigstens unsere Nerven noch funktionieren.


Weitere Details in einem interessanten Video von viereinhalb Minuten von Michael Shellenberger.

Kommentare

Fort Knox

von Schwarzbub
Anschauliche und treffende Analyse! Vielen Dank. "Die Franzosen schickten sogar ein Kriegsschiff nach Fort Know, um Dollars in Gold zu tauschen." Fort Knox liegt 700 Meilen vom nächsten Seehafen entfernt im Bundesstaat Kentucky. Schon deswegen konnte das "Kriegsschiff" das den Franzosen gehörende Gold nicht nach Hause bringen. Doch die Demarche von Staatspräsident Charles de Gaulle hat an den Tag gebracht, dass die Golddeckung nicht vorhanden war, was schliesslich das amerikanische Lügengebäude der Golddeckung zum Einsturz gebracht hat.