Der Preis für Silber hat sich in den letzten zwölf Monaten mehr als verdreifacht. Wenn man dem Edelmetallexperten Egon von Greyerz aus Zürich glaubt, dann ist das nicht einfach ein Boom, sondern der Anfang vom Ende der Papiergeldära.
Der Markt wird von vier Kräften getrieben, der industriellen Nachfrage, dem Bedürfnis nach Werterhaltung in Zeiten der Geldentwertung, der Spekulation und von strategischen Massnahmen. China hat auf den 1. Januar eine scharfe Exportbeschränkung eingeführt.
Um die etwas komplexe Geschichte zu verstehen, muss man zuerst wissen, wie marktfähiges Silber überhaupt entsteht. Nur ein kleiner Teil, knapp 30 Prozent, wird in Silberminen abgebaut. Mexiko produziert 6600 Tonnen, gefolgt von China mit 3300 und Peru mit 3100 Tonnen.
Rund 70 bis 80 Prozent des Silbers entsteht gewissermassen als Nebenprodukt beim Abbau von Blei, Zink, Kupfer und Gold. Bei der Raffination von Silber – ein aufwändiger Prozess – ist China führend. Die Schätzungen zur chinesischen Kapazität liegenzwischen 35 bis 50 Prozent. Nicht nur bei den seltenen Erden, auch beim Silber hält China eine strategische Position, die nicht so schnell und nicht so einfach zu knacken ist.
Der Anteil der Industrie bei der Silbernachfrage beträgt 55 bis 60 Prozent. Vor hundert Jahren waren es rund 10 Prozent – der grösste Teil des Silbers wurde zur Wertaufbewahrung genutzt. Heute steigt der industrielle Bedarf enorm, getrieben durch die Photovoltaik, die Elektronikbranche, die Rüstung und die Medizin. Silber ist einer der besten Leiter – und antibakteriell.
Der zweite wichtige Treiber ist das Bedürfnis der Werterhaltung. Je schlechter die Prognosen für den Dollar sind und je leichter Dollar-Guthaben eingefroren werden können, desto grösser ist der Drang, sein Geld in realen Werten anzulegen, vor allem in einen wie Silber mit einer wachsenden industriellen Nachfrage.
Die steigenden Preise mobilisieren natürlich die Spekulanten, was die Preise zusätzlich nach oben treibt. Ihr Anteil ist schwer einzuschätzen, zumal auch die Aktienbörsen 2025 gute Gewinne ermöglichten.
Der vierte Treiber geht auf die Auseinandersetzung zwischen China und den USA zurück, letztlich einem Konflikt zwischen der Finanz- und der Realwirtschaft. Während die USA finanzielle Waffen wie Zölle und Sanktionen anwenden, setzt China auf die Kontrolle strategischer Ressourcen.
Bei den seltenen Erden haben sich die USA und China im letzten Oktober geeinigt. Das Stillhalteabkommen läuft bis Mitte November, eine Woche nach den Midterm-Wahlen in den USA. Zufall? Beim Silber hat China auf den 1. Januar eine Exportkontrolle eingeführt, bestehend aus einer Lizenzpflicht und die Beschränkung auf grössere Unternehmen, insgesamt 44. Das führt zu Engpässen in der Lieferung und einem Preisdruck nach oben.
Silber wird an Börsen gehandelt, entweder mit Zertifikaten – sog. Papiersilber – oder physisch. Es gibt historisch gesehen weit mehr Silberzertifikate als physisches Silber. Das war bis vor kurzem kein gravierendes Problem, als Spekulanten ständig Papiersilber hin- und herschieben und nicht physisches Silber.
Es gibt keine genauen Zahlen über das Verhältnis zwischen physischem Silber und Zertifikaten. Aber die Experten und Händler sind der festen Überzeugung, dass der Anteil des Papiersilbers in letzter Zeit markant gestiegen ist. Im März 2023 betrug das Verhältnis zwischen Silberkontrakten und physischem Silber 354 : 1, sagt beispielsweise Wikipedia.
Der wichtigste Handelsplatz für Silber ist der New York Commodities Exchange (COMEX). Die Liefermonate für physisches Silber sind dort die Monate März, Mai, Juli, September und Dezember. Wer in der übrigen Zeit eine physische Lieferung will, zahlt einen Aufpreis.
Im Januar verlangte eine aussergewöhnlich hohe Zahl von Händlern trotz Aufpreis physische Lieferung, sagt Nicolas Ward, Direktor von Gold Bullion Partners in London in einem Videogespräch mit dem Finanzjournalisten Clive Thompson. Gemäss Ward tritt vor allem China als grosser Käufer auf. Er erwartet für den März grössere Lieferschwierigkeiten, wenn nicht Schlimmeres. Er spricht sogar von einem «Unglück, das nur darauf wartet, zu passieren».
Das heraufziehende Gewitter wurde in den letzten Tagen durch unzählige KI-Posts und Videos zusätzlich befeuert. Chinesische Avatare prophezeiten den Untergang zuerst der UBS, dann von JPMorgan jeweils begründet mit dem Auftauchen neuer Dokumente, die aber nicht existierten.
Der Preisunterschied zwischen physischem Silber und einem Zertifikat ist normalerweise nicht gross, ist in den letzten Monaten aber deutlich gestiegen. Das zeigt sich an der Preisentwicklung zwischen dem COMEX, wo das Papiersilber dominiert und der Börse in Shanghai, wo es vor allem um den industriellen Bedarf geht. Anfangs 2025 lag der Preisunterschied bei 2 Dollar pro Unze, bis in diesem Januar ist er bis auf 8 Dollar gestiegen.
Was ist von der ganzen Entwicklung zu halten: Egon von Greyerz fasst seine Sicht wie folgt zusammen:
«Wir nähern uns jetzt dem Ende der Papiergeldära und gehen zu echtem Geld und echten Vermögenswerten übergehen. Das bedeutet, dass die Menschen physische Produkte, physisches Gold, physisches Silber und physische Vermögenswerte im Allgemeinen halten wollen und Papiervermögen dramatisch an Wert verlieren werden. …
Die Zerstörung von Papiervermögen befindet sich derzeit auf einem in der Geschichte beispiellosen Niveau. Denn die Geldschöpfung und die Kreditvergabe waren beispiellos. Länder werden pleitegehen, ebenso Banken in Amerika und in Europa. Ob das nun am Immobilienmarkt liegt, an den Firmen oder daran, dass die Menschen ihre Kredite nicht zurückzahlen können, spielt keine Rolle.
Regierungen und Zentralbanken werden unbegrenzte Mengen an Geld drucken, und deshalb wird der Wert des Dollars, des Euros oder des Pfunds zusammenbrechen.»
«Es gibt kein Mittel, den finalen Zusammenbruch eines Booms zu verhindern, der auf der Kreditausweitung beruht», schrieb der grosse Ökonom Ludwig von Mises in «Human Action: A Treatise on Economics» 1949. «Die Alternative ist nur, ob die Krise früher durch eine freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion eintritt oder später als finale und totale Katastrophe des betreffenden Währungssystems.»
Ich glaube, dieser Moment ist jetzt gekommen. Vor allem ist der Moment gekommen, zu handeln, nicht erst in sechs Monaten, wenn vielleicht Panik ausbricht. Sein eigenes Vermögen zu sichern, ist das eine. Das muss man auf jeden Fall tun.
Langfristig wichtiger wird es aber sein, ein alternatives System aufzubauen,mit dem die Menschen die Früchte ihrer Arbeit und ihres Erfindungsreichtums mit anderen teilen können, ohne Banken und andere Intermediäre, die nichts anders im Sinn haben, als mit Zins, Zwang und künstlicher Verknappung Leistung abzuschöpfen, zu der sie nicht beigetragen haben.