Was trägt mich im Leben wirklich? Eine Frage, die in schweren Zeiten nicht nur für Einzelne elementar ist. Was trägt uns, wenn uns unsere Orientierung im Leben fehlt oder schwindet und das Gespenst der Ohnmacht und Sinnlosigkeit sich unser zu bemächtigen beginnt? Uwe Böschemeyer kannte die existenziellen Ur-Ängste aus eigener Erfahrung und aus den Gesprächen mit seinen zahlreichen Klienten. Der nachdenkliche Theologe und Psychotherapeut fragte immer wieder nach dem, was die «Welt im Innersten zusammenhält». Die Frage nach Gott war für ihn die bedeutendste menschliche Frage. Und als Therapeut wurde ihm immer bewusster: «Seelenerkenntnis ist Gotterkenntnis und Gotterkenntnis ist Seelenerkenntnis.»
Prof. Uwe Böschemeyer ist am 14. Mai 2026, am Himmelfahrtstag, mit 86 Jahren in Salzburg verstorben. Der Psychotherapeut und Theologe war ein persönlicher Schüler Viktor Frankls und wurde von ihm zur Lehre und Praxis autorisiert. 1982 gründete Uwe Böschemeyer das erste deutsche Institut für Existenzanalyse und Logotherapie in Hamburg. 2007 wurde er in die österreichische Psychotherapeutenliste aufgenommen. Er leitete dann ab 2012 in Salzburg ein weiteres Institut und lebte dort auch mit seiner Frau. 2016 erhielt er auf Veranlassung Wiens die Ehrenprofessur durch das Department für Existenzielle Psychotherapie und Logotherapie der Universität Moskau. Uwe Böschemeyer schrieb über 50 Bücher, hielt Vorträge und trat auch in zahlreichen Rundfunk- und Fernsehsendungen auf. Sein letztes Buch ist auch als ein Vermächtnis und eine Essenz jahrzehntelanger Seelenarbeit zu verstehen: «Und wenn Gott wäre ... Über Sinn, Zweifel und das Wagnis, sich auf die Suche nach Gott einzulassen». Er hat es für die Menschen geschrieben, die «nicht an Gott glauben, aber ihn vermissen» (Julian Barnes, geb. 1946, britischer Schriftsteller) und neu nach ihm fragen wollen.
Verkümmerung unserer Wahrnehmung der Transzendenz
«Ich habe inzwischen die Überzeugung gewonnen, dass das Kernproblem unserer Zeit zum einem im Primat der Rationalität und zum anderen im Mangel an Beziehung zur Transzendenz liegt», schreibt er. Obwohl das Überweltliche und Jenseitige sich dem Verstand entzieht, wir es nicht messen und begreifen können, bedeutet das nicht, dass es keinen Einfluss auf unser Leben und unsere Welt hat. «Wenn ein Mensch die Fülle des Lebens sucht, dann findet er sie nur, wenn er sie in der Immanenz und der Transzendenz sucht.» Wenn wir nur an das Diesseits glauben, verarmt unsere Existenz. Wir wissen nicht mehr, was wir fühlen, was wir wollen und was wir tun. Wir verlieren den Blick für die Ganzheit des Lebens, wenn wir unter die «Transzendenz-Verweigerer» gehen.
Die Nähe Gottes fühlen
Uwe Böschemeyer beschreibt im Buch, wie er an einem frühen Morgen selbst die Nähe Gottes wahrnimmt, wie ihn Gottes Liebe durchströmt und alles Störende und Belastende sich auflöst. Für ihn geht es nicht darum, Gott zu denken, sondern ihn zu fühlen. Er erlebte einen freundlichen Gott, der ihm oftmals im Leben geholfen hat, z.B. als er in der Schulzeit stotterte. Er ist durch seinen Glauben freier geworden. «Wenn ein Mensch Gott fühlt, erlebt er sich abhängig wie sonst nie im Leben und doch zugleich geborgen und frei wie sonst nie.» Und wenn der gläubige Mensch Gott fühlt, beginnt er, sich selbst und das Leben in einem anderen Licht zu sehen. Ihm gehen Zusammenhänge auf, die er zuvor nie begreifen konnte.
Alle grossen Dinge im Leben setzen Vertrauen voraus
Böschemeyer meint mit «Gott», dass in, über und unter unserem Leben eine souveräne, zugleich gütige und keineswegs unpersönliche Macht herrscht, eine Macht, die im Kern Person ist, also kein Prinzip und keine Idee, die unser aller Leben hält und lenkt und wärmt, auch wenn wir von ihr nichts zu wissen meinen. «Ich meine mit Gott ein DU, eine alles übergreifende und durchdringende gütige lebendige Wirklichkeit, die nur eines von uns erwartet: Vertrauen.» Vertrauen etwa darauf, dass ich immer mehr bin als das, was auf mir lastet. Dass ich die Zuversicht habe, «dass die Vögel des Lichtes immer wiederkehren.» Dass ich alles Bedrängende und alle Sorge in seine Hände legen kann. Wer das Glück hat, eine solche Beziehung zu Gott zu entwickeln, wer durch ihn das Gefühl bekommt, alles sei letztlich gut, kann relativ gelassen und frei leben.
Der feine Humor des Autors blitzt in seinem letzten Buch immer wieder durch die Zeilen. Auch ein Zitat des Sozialistenführers August Bebel findet Erwähnung: «Es gibt natürlich keinen Gott», sagte Bebel einmal, «doch wenn es einen gibt, dann sind wir die Lackierten.»
Wertimaginationen als bewusster Weg in die geistig unbewusste Welt
Uwe Böschemeyer war durch sein einzigartiges Arbeiten mit der Wertimagination bekannt und hat vielen Klienten mit diesem von ihm ausgebauten Verfahren geholfen. Er stellte in seiner Ordination immer wieder fest, dass Klienten, unabhängig davon ob religös oder nicht, aus der Tiefe Bilder aus der christlichen Tradition erschienen. Jesus Christus etwa spielte oft eine Rolle. Und zu diesen Bildern entstanden jeweils die gleichen tiefen und überwältigenden Gefühle. Jesus wird von allen als ungewöhnliche, äusserst liebevolle Kraft wahrgenommen, die alle üblichen Vorstellungen und Kategorien sprengt.
So stellte eine Semiarteilnehmerin ihre Imagination folgendermassen vor: Sie ist mit zwei Lebenskünstlern unterwegs, Wertgestalten, die die heitere Lebensbejahung symbolisieren. Sie balanciert mit ihnen auf einem Seil unter freiem Himmel. Unter ihnen ist die Weltkugel zu erkennen mit allen Erdteilen, einmal unter harmonischen Vorzeichen und später von der leidvollen Seite mit Krieg und Hungersnöten. Dann steigt sie mit ihren beiden Begleitern eine Leiter hinunter und kommt zu einer Plattform unterhalb der Erdkugel. «Da sehe ich zwei grosse geöffnete Hände, in deren Mitte Wundmale (vom Kreuz Christi) erkennbar sind. Diese Hände halten und umschliessen die Erdkugel. Aus diesen Händen fliesst pulsierend ein goldener Strom, der sich wie ein feines Netzwerk über die ganze Erdkugel verteilt und sie durchströmt.»
Das Herz hat seine Gründe
Für den weithin geschätzten Psychotherapeuten und Autor Uwe Böschemeyer war klar, dass die Welt mitsamt ihren natürlichen Tatsachen und Notwendigkeiten nicht abgeschlossen ist, dass das Leben nicht an der Grenze des Sicht- und Messbaren endet. Und er zitiert den christlichen Philosophen Blaise Pascal: «Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt ... Das Herz ist es, das Gott empfindet, und nicht der Verstand. Darin besteht der Glaube». Und der Autor erwähnt als Glücksfall auch das Leben in Wahrhaftigkeit, das einem oft Ärger und Unverständnis einbringen könne. Aber ein Mensch, der Wahrhaftigkeit anstrebe, strahle Stärke aus, seine Identität sei spürbar, weil er eins mit sich ist. Und so schloss Uwe Böschemeyer sich mit seinem Mut zur Individuation der Nachfolge Jesu an, der uns sagte «die Wahrheit wird euch frei machen.» Auch für sein eigenes Streben galt: «Aufrichtig, klar, kühn, verlässlich – und voller Liebe zur Erde und zum Himmel.»
Das aktuelle Buch von Uwe Böschemeyer: «Und wenn Gott wäre ... Über Sinn, Zweifel und das Wagnis sich auf die Suche nach Gott einzulassen» (ISBN 978-3-7022-4356-2) ist am 30. April 2026 im Tyrolia Verlag erschienen, hat 128 Seiten und kostet in der Hardcover-Version 20 Euro.