Von Esoterikern und blinden Schafen

Die Debatte rund um die Covid-Massnahmen wird immer aufgebrachter und aggressiver. Beim Stichwort «Impfung» schrillen die Alarmglocken so laut, dass man einander nicht mehr zuhört, und oft wird in Sekundenschnelle verurteilt und diskreditiert. Dabei könnte alles so einfach sein. Kolumne.

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Vor ein ein paar Wochen habe ich auf Facebook eine Karikatur gepostet, welches Alain Berset mit einer Impfspritze in der Hand auf einer 50-Franken-Note abgebildet zeigt. Eine Reaktion auf seinen Vorschlag, Gutscheine an Leute zu verteilen, die andere vom Impfen überzeugen. Eine Massnahme, die ich als unangebracht betrachte – vor allem auch, weil sie die Entzweiung von Freundschaften, Familien oder Ehen befeuern dürfte, die sowieso schon bedauerliche Realität ist.

Habe ich mit dem Teilen dieses Memes behauptet, dass ich von einer Impfung abrate? Dass ich alle Menschen, die sich impfen lassen, für Verirrte und Verwirrte halte? Nein. Genau dies wurde mir aber von einer Politikerin vorgeworfen, die ich flüchtig kenne und die mich inzwischen auf Facebook gelöscht hat. Es sei verantwortungslos, dass ich mich als Influencerin – danke dafür! – öffentlich gegen das Impfen aussprechen würde, schrieb sie. Das habe ich jedoch nie getan. Ich halte es für wünschenswert, dass sich alle impfen lassen können, die das möchten. Dass dies auf Grund der ungerechten weltweiten Verteilung der Impfstoffe nicht der Fall ist, ist ein anderes Thema.

Weiter hiess es in der E-Mail, bei den Massnahmen des Bundesrates könne keine Rede von Impfzwang sein. Es gehe lediglich darum, die Nicht-Impfwilligen aufzuklären. Soll das heissen, dass alle, die sich nicht impfen lassen möchten, dumm oder ignorant sind? Die Sachlange einfach noch nicht begriffen haben oder aus Prinzip auf stur schalten? Solche Aussagen erwecken den Eindruck, dass viele gar nicht in Betracht ziehen, dass es auch sinnvolle und zu respektierende Gründe gegen eine Impfung geben kann.

Das Problem, meinte besagte Politikerin weiter, sei die mangelnde Information der Leute. Diejenigen, die sich gegen eine Impfung entschieden, würden dies auf Grund von Esoterik und Fake News tun – die Impfbefürworterinnen und -befürworter jedoch auf Grund von wissenschaftlichen Fakten. Diese Haltung – die leider viele teilen – finde ich anmassend und überheblich. Genauso wie die Einstellung von Impfgegnerinnen und Impfgegnern, die überzeugt sind, dass sie die einzigen Erleuchteten sind. Die einzigen, die nicht wie blinde Schafe einem Hirten hinterher rennen.

Dass ich mich nicht impfen lassen möchte, ist nichts Neues und hat nichts mit Covid zu tun. Ich habe mich schon vor fünfzehn Jahren mit einer Ärztin gestritten, die mir um jeden Preis eine Impfung gegen Röteln aufschwatzen wollte. Insgesamt greife ich nur selten auf schulmedizinische Mittel zurück. Medikamente nehme ich nur im Notfall, und bevor ich einen Arzt aufsuche, probiere ich, mich mit Hausmitteln, Globuli oder Heilpflanzen zu kurieren. Macht mich dies zur abgedrifteten Esoterikern oder zur Ignorantin, die ihre Entscheidungen auf Grund von Fake News trifft? Oder habe ich das Recht, selbst zu entscheiden, welche Substanzen ich einnehme? Ich würde meinen: durchaus. Vor allem wenn ich nicht versuche, andere davon zu überzeugen, dass dies das einzig Richtige ist.

Mein Freund hat sich nicht nur impfen lassen, sondern hat sich letztes Jahr sogar als Freiwilliger für die Testphase von Sinopharm zur Verfügung gestellt. Wir haben also vollkommen gegenteilige Meinungen, was dieses Thema betrifft. Hat dies unsere Beziehung in irgend einer Weise negativ beeinflusst? Haben wir uns gestritten, weil jeder den anderen überzeugen wollte, seine Einstellung zu ändern? Hat einer von uns das Gefühl, der andere sei verblendet und habe die Sachlage einfach noch nicht begriffen? Nein. Wir haben insgesamt etwa fünf Minuten lang über das Thema gesprochen. Und das einzige, was wir uns zu sagen hatten, war: «Ich respektiere deine Entscheidung, und ich unterstütze dich darin.» Ernsthaft, Leute, das kann doch nicht so schwer sein.

Über

Nicole Maron

Submitted by christoph on Mo, 04/19/2021 - 17:25

Nicole Maron (*1980) aus Zürich ist Journalistin und Buchautorin. Seit 2017 lebt und arbeitet sie in Bolivien und Peru. Ihre Schwerpunkte sind umwelt- und sozialpolitische Themen wie Flucht und Migration, globale Gerechtigkeit, Konzernverantwortung und Menschenrechte. 

Von Nicole Maron ist zuletzt erschienen: «Daphne und die Sonne – eine uralte Geschichte von Liebe und Tod. Kollektiv Pacha, 2019. 108 Seiten, Fr. 11.90 (inkl. Porto) / E-Book Fr. 3.–. ISBN: 978-3-750-42491-3