Aus dem Podcast «5 Minuten» von Nicolas Lindt.

Alte Tür im Dorf Valendas (GR) / © Nicolas Lindt

Ich habe immer gedacht, ich sei altmodisch. Denn ich habe gern alte Häuser, und das beginnt schon beim Gartentor. Früher war ein Gartentor noch ein richtig schönes Gartentor, ein kunstvolles Gartentor, die Türklinke war eine schöne Türklinke, die Zimmerdecke war eine schöne, mit Stuckaturen verzierte Decke, die Möbel waren kunstvoll gestaltete Möbel, Möbel mit einer Geschichte, mit einem Gesicht. In einem alten Haus gab es nicht nur eckige, sondern auch runde Formen, und der Schreiner, der die Formen bearbeitete, war ein Kunstschreiner, der Schlosser, der die Türschlösser machte, ein Kunstschlosser, und alles, was sie machten, machten sie einmal, und alles war früher ein Unikat.

Heute könnte man es sich gar nicht mehr leisten, einen Tisch beim Schreiner in Auftrag zu geben. Wir kaufen den Tisch bei IKEA, deshalb sieht der Tisch aus wie 1000 andere Tische, und das Türschloss sieht aus wie 1000 andere Türschlösser. Heute haben die Möbel nichts Kunstvolles mehr, nichts Verspieltes, nichts Individuelles, und das ist so gewollt. Die moderne Welt will keine Schnörkel mehr, keine Verzierungen, weil das unnötig ist. Heute muss ein Türschloss eigentlich nur funktionieren, und das gilt auch für alle anderen Gegenstände, es gilt für fast alle Dinge: Sie müssen hauptsächlich praktisch sein.

Diese Tendenz hat einen Namen. Die Architekten und die Designer, die das alles entwerfen und planen, sie nennen sie Minimalismus, und sie meinen damit die Reduktion auf das Wesentliche. Sie machen daraus sogar eine Kunst, die Kunst der Zweckmässigkeit. Minimalistische Kunst.

Ich bedaure diese Entwicklung, aber ich dachte, ich bin eben altmodisch, ich bin nicht modern. Ich dachte es bis vor wenigen Tagen, als «20 Minuten» ein  Tiktok-Video wiedergab, das bereits über 8 Millionen Menschen gesehen haben. Eine junge, asiatisch wirkende Frau stellt in diesem Video eine Türklinke von gestern neben eine Türklinke von heute, und sie fragt: «Was ist der Unterschied zwischen den beiden Bildern? Beides sind Türklinken, aber die Türklinke von früher hat eine ästhetische Komponente, die über das Funktionelle hinausgeht. Sie hat eine Identität.»

«Mit dem minimalistischen Trend», fährt sie fort, «wird alles hässlicher. Und das tut uns nicht gut. Denn die Verhässlichung unserer Umgebung hat einen Einfluss auf unser psychisches Wohlbefinden.» Das sagt diese junge Frau. Sie sagt: Etwas, das nur zweckmässig ist, nur funktionell, ist im Grunde hässlich. Es widerspricht unserem natürlichen Schönheitsempfinden, und es tut uns nicht gut. Unser Gemüt bekommt keine Nahrung.

Das kann die Zeitung so natürlich nicht stehenlassen, denn «20 Minuten» ist eine moderne Zeitung, die an die Macht der Experten glaubt und nicht an Menschen, die von einem Gemüt sprechen. Deshalb fragt die Zeitung einen Architekten, was er von diesem Tiktok-Video hält.

Es gebe halt Leute, erklärt uns der Architekt, die lieber das Verschnörkelte haben. Doch der Trend geht heute eindeutig zum Minimalistischen, denn das Minimalistische verbraucht weniger Ressourcen, und das ist heute mit dem Klimawandel entscheidend, dass möglichst wenig Energie verbraucht werden muss, dass wir möglichst schonend mit den Ressourcen umgehen. Dass die Dinge so funktionell sind wie möglich.

Der Architekt argumentiert mit dem Klimawandel, und wer kann schon dagegen sein, alles zu tun, und den Klimawandel zu stoppen? Auch in diesem Fall wird der Klimaschutz zum absoluten Totschläger-Argument. Da müssen alle anderen Argumente schweigen. Da darf es nicht mehr um Schönheit gehen, um Verzierungen oder Schnörkel, da muss alles so reduziert, so funktionalistisch, so wenig verschwenderisch, so sparsam wie möglich sein. Und «20 Minuten» doppelt nach mit der Schlussfolgerung: Auch bei uns in der Schweiz werden wir uns wohl an den Minimalismus gewöhnen müssen.

Ich aber will mich daran nicht gewöhnen. Ich finde, gerade heute brauchen wir wieder mehr schöne Türklinken, mehr schöne Möbel, mehr runde statt eckige Formen. Wir brauchen in allen Dingen wieder mehr Anmut und mehr Harmonie, mehr Wärme, mehr Frohsinnn, weil wir im Klimawandel sonst nur erfrieren, seelisch erfrieren, weil wir verhungern im Minimalismus, seelisch verhungern. Und es beruhigt mich zu wissen, dass ich mit meinem Empfinden nicht ganz allein bin, sondern dass die junge asiatische Frau dasselbe Empfinden hat und mit ihr offensichtlich viele Millionen andere junge TikTok-Nutzer genauso. Vielleicht bin ich doch nicht so sehr von gestern. Vielleicht wird das Gestern zum Morgen, und das Heute wird niemand vermissen, weil es nichts wert war.

Dieser Text erschien im Podcast «5 Minuten» von Nicolas Lindt - Gedanken, Beobachtungen, Geschichten - täglich von Montag bis Freitag auf Spotify, iTunes oder auf der Website des Autors www.dieluftpost.ch

 

 

 

 

 

Über

Nicolas Lindt

Submitted by admin on Di, 11/17/2020 - 00:36
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Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Nicolas Lindt: Die Ungehorsamen – Erzählung aus dem Lockdown, 202 Seiten, lindtbooks 2021, erhältlich in jeder Buchhandlung, im Online-Buchversand und im Buchshop der Zürcher Oberland Medien. Falls ein signiertes Exemplar gewünscht ist, hier bestellen.

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Nicolas Lindt publiziert den täglichen Podcast «5 Minuten» – von Montag bis Freitag ein paar Minuten Gedanken, Beobachtungen, Geschichten. Zu finden ist er neben Facebook auch auf Spotify, iTunes und natürlich auf der «Luftpost»-Website von Nicolas Lindt.

Kommentare

Nicolas Lindt : Bin ich altmodisch ?

von Manfred Cuny
  Danke für diese kleine traurige, erheiternde, vielsagende Betrachtung !