Der Krieg der Zukunft findet nicht nur zu Land, zu Wasser, in der Luft, im Weltraum und im Internet statt. Sein sechster Schauplatz ist der Mensch. Der Propagandaforscher Jonas Tögel, Autor des Bestsellers «Kognitive Kriegsführung» stellte diesen Befund ins Zentrum seines ausverkauften Vortrags im Zürcher Kulturpark.
Tögel, Amerikanist und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Regensburg, beschäftigt sich seit Jahren mit «kognitiver Kriegsführung». Gemeint ist die gezielte Beeinflussung von Wahrnehmung, Denken und Verhalten – nicht nur beim Gegner, sondern zunehmend auch in der eigenen Bevölkerung.
Neu ist das Prinzip nicht. Edward Bernays, Neffe Sigmund Freuds und Pionier moderner Propaganda, erklärte die gezielte Manipulation der Massen zum festen Bestandteil demokratischer Gesellschaften. 1917 half die amerikanische Creel-Kommission, eine kriegsskeptische Bevölkerung für den Eintritt in den Ersten Weltkrieg zu gewinnen. Wenige Wochen zuvor war Woodrow Wilson noch als Friedenspräsident vereidigt worden.
Tögels Punkt: Nicht die Waffen entscheiden zuerst über einen Krieg, sondern die Narrative. Wer die Begriffe setzt, prägt die Wirklichkeit. Getötete Zivilisten werden zu «Kollateralschäden», Aufrüstung zur Friedenssicherung, Krieg zur Verteidigung der Demokratie.
Mit Digitalisierung und künstlicher Intelligenz erreicht diese Technik eine neue Stufe. Botschaften können auf einzelne Menschen zugeschnitten, Videos künstlich erzeugt und persönliche Daten für psychologische Profile genutzt werden. Propaganda wird individuell.
Damit stellt sich auch für die Schweiz eine heikle Frage. Das Verteidigungsdepartement beschäftigt sich im «Grundlagenpapier Inforaum» mit Einflussnahme im Informationsraum. Grosse Teile des Dokuments bleiben jedoch geschwärzt. Gerade dort, wo es um die Beeinflussung von Wahrnehmung geht, wäre Transparenz besonders nötig.
Tögel blieb dennoch nicht bei der Warnung stehen. Wer Propagandatechniken erkennt, wird weniger leicht von ihnen beherrscht. Sein Gegenmittel ist unspektakulär und gerade deshalb stark: weniger digitale Dauerbeschallung, mehr reale Beziehungen, eigene Netzwerke, kleine konkrete Schritte.
Die wichtigste Verteidigung gegen kognitive Kriegsführung beginnt nicht im Pentagon und nicht im VBS, sondern im eigenen Kopf. Freiheit ist nicht nur ein politisches Recht. Sie ist auch die Fähigkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Organisiert wurde der Abend von der Bewegung für Neutralität (bene) und dem Verein Dreigliederung.
Jonas Tögel neustes Buch: Kriegsspiele – wie NATO und EU die Zerstörung Europas simulieren. Westend Verlag, 2025. 112 S. € 15.–.