Aus dem Podcast «Fünf Minuten» von Nicolas Lindt.

«Die Elite vertritt den Zeitgeist»: Schulleitung der Kantonsschule Graubünden. / © www.gr.ch

Ich habe immer geglaubt, dass auf dem Land und insbesondere in den Bergen die Uhren noch anders, das heisst etwas langsamer ticken. Ich habe immer geglaubt, dass der Zeitgeist im Berggebiet etwas mehr Zeit benötigt, bis er in die Köpfe der Menschen dringt. Ich habe immer geglaubt, dass die Topographie der ewigen Felsen und Gipfel einen Einfluss auf die Mentalität hat, auf das berglerische Gemüt, dass die Menschen da oben nicht sofort alles glauben und übernehmen, was durch die Verteilkanäle der städtischen Besserwisser bis in die Seitentäler und auf die Maiensässe getragen wird. Ich habe immer geglaubt, dass sich die Bergbewohner ihren gesunden, wettergegerbten Menschenverstand nicht so ohne weiteres ausreden lassen.

Ich erlebe natürlich immer wieder von neuem, dass auch die Bergler beeinflussbar und verführbar sind. Und ich weiss auch, dass die Bewohner der Berge heutzutage auf tausend Arten, privat und beruflich, verbunden sind mit dem Unterland. Reines unverdorbenes Berglerblut fliesst durch keine Bergbauernadern mehr, die urbanen Viren sind überall, und das muss wohl so sein.

Trotzdem glaube ich immer noch, dass der Mainstream vor der Kraft der Berge zurückschreckt – weil er weiss, dass ihn die Bergbewohner zwar konsumieren, ihm aber ihre Herzen verweigern.

Doch mein unerschütterliches Vertrauen in den aufrechten Gang des alpinen Volkes wird soeben wieder ernsthaft geprüft. Die Internetseite «Insideparadeplatz» nämlich berichtet, dass das Bündner Gymnasium in Chur von seinen Schülern einen gendergerechten Sprachgebrauch fordert.

«Eine diskriminierungsfreie Sprache», wird der Rektor zitiert, «gilt generell an unserer Schule. Im mündlichen und im schriftlichen Ausdruck.» Auch in der Matura-Arbeit müsse die männliche und die weibliche Bezeichnung verwendet werden. Die Regelung gelte schon seit drei Jahren. Heute wird sie bestimmt noch strenger gehandhabt. Sonst würde der Rektor anders reden.

Verwendet also ein höherer Schüler im Aufsatz nur die männliche Form, dann tut er dies, weil er mit der männlichen Form nicht den Mann meint, sondern den Menschen, und weil dies seine Einstellung ist. Doch automatisch kommt dann der Rotstift zum Einsatz. Denn es gibt auch in Chur nicht nur Rechtschreibfehler. Auch eine andere Einstellung ist ein Fehler, und ein Fehler muss korrigiert werden. Will der Schüler seine Einstellung nicht verbessern, wird er mit einer schlechteren Note bestraft. Und welcher Kantonsschüler möchte schon eine schlechte Note bekommen, wenn er sie doch mit etwas Gehorsam vermeiden kann? Welcher strebsame Gymnasiast möchte schon seine Matura gefährden?

Nicht nur an den höheren Bildungsstätten im Unterland – auch am Gymnasium in Chur gehört die Gendersprache zum Pflichtstoff: Das habe ich nicht erwartet. Mein Glaube an die Berge und ihre Menschen hätte es nicht für möglich gehalten, dass auch die Stadt zu Füssen des stolzen Calandamassivs dem staatlich geförderten Ungeist ihren Tribut zollt.

Aber es ist so. Warum ist es so? Weil die Schulleiter eines Gymnasiums Akademiker sind. Und weil Akademiker nicht dasselbe sind wie das Volk, in dessen Kanton die Kantonsschule steht. Rektoren und Prorektoren gehören einer Elite an. Sie mögen sogar waschechte Bündner sein, doch ihre Wurzeln sind vernachlässigbar. Was zählt, ist ihre berufliche Laufbahn. Sie ermöglicht es ihnen, heute eine Schule in Chur zu leiten und morgen ein Gymnasium in Wohlen. Oder in Stans. Oder ein Seminar an der PH in Zürich.

Die pädagogische Elite des Landes – ebenso wie jede andere staatlich besoldete Oberschicht – ist ortsunabhängig. Herkunftsbefreit. Sie vertritt dieselben Maximen, dieselbe Moral, dasselbe System in der Stadt, auf dem Land, in den Bergen. Die Elite vertritt den Zeitgeist. Sie setzt ihn durch. Die Schulleiter haben die Kompetenz, die neue Wahrheit an ihrer Schule in die Tat umzusetzen. Unabhängig vom Ort dieser Schule. Unabhängig von der Bevölkerung, in deren Kanton diese Schule steht. Und weil die Schulleiter und die ihnen untergeordneten Lehrer, pädagogisch betrachtet, Experten sind, lässt man sie frei gewähren. Weil sie das richtige Wissen besitzen.

Deshalb wird auch in Chur, am Eingangstor zu den Alpen, das korrekte Denken geübt. Denn die Elite von heute muss garantieren, dass die Elite von morgen auch in Graubünden richtig schreibt, richtig spricht, richtig urteilt.

Doch es bleibt wie immer ein Trost. Denn was auch immer geschieht – die Berge weichen nicht von der Stelle. Das wissen die Menschen im Bündnerland. Die Berge sind ihnen vertraut. Sie leben mit ihnen. Sie leben mit ihren Felsen und ihrem Schnee, ihren Türmen und ihren Tälern, ihren stotzigen Hängen und ihren Tannen, ihren Lawinen und ihrem Steinschlag – und immer wieder werden sie spüren: Die Berge sind stärker. Die Berge wissen es besser.

Über

Nicolas Lindt

Submitted by admin on Di, 11/17/2020 - 00:36

 

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Soeben erschienen: «Heiraten im Namen der Liebe» - Hochzeit, freie Trauung und Taufe: 121 Fragen und Antworten - Ein Ratgeber und ein Buch über die Liebe - 412 Seiten, gebunden - Erhältlich in jeder Buchhandlung auf Bestellung oder online bei Ex LibrisOrell Füssli oder auch Amazon - Informationen zum Buch

Weitere Bücher von Nicolas Lindt

Der Podcast «Fünf Minuten» von Nicolas Lindt ist neu auch als App erhältlich. Darin enthalten sind alle 350 bisherigen Folgen – und jeden Tag werden es mehr. Fünf Minuten tägliche Inspiration für alle, die Geschichten und Gedankenanstösse lieben. Alle zwei Wochen ein aktueller Beitrag zum Zeitgeschehen. Mit Humor und einer Prise Spiritualität.

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Kommentare

Gabriel

von Mystic-G
Die Churer sind doch keine Bergler.  Chur liegt gerade mal 150m höher als das grosse Moos im Berner Seeland.  Also sind die Stadtchurer genauso Unterländer wie die Stadtberner und Stadtthuner.  Nur weil der Bergfuss noch ein paar Kilometer näher liegt und die Spitzen der umliegenden Berge paar hundert Meter höher sind, ist der Städter im Tal am Bergfuss noch kein Bergler.