Chapeau! – für den Zuhör-Kiosk

«Es gibt einen riesigen Bedarf an Zwischenmenschlichkeit», so das Fazit von Christoph Busch, der seit 2018 einen Zuhör-Kiosk an einer Hamburger U-Bahn-Haltestelle betreibt. In einer Zeit, in der viele das Gefühl haben, dass ihnen niemand mehr zuhört, ist dieses Projekt Gold Wert. Inzwischen sind es 15 Freiwillige, die an der Emilienstrasse Zuhör-Dienst leisten – und das Projekt hat bereits Nachahmer in anderen Städten gefunden.

© Dina Pechurin / Unsplash

Vor drei Jahren mietete der deutsche Drehbuchautor Christoph Busch aus einem Impuls heraus einen leerstehenden Kiosk in einer Hamburger U-Bahn-Haltestelle. Gedacht war der acht Quadratmeter grosse Raum eigentlich als Schreibklause – wobei er das genaue Gegenteil eines einsamen Refugiums darstellt. Mitten auf dem Bahnsteig, wo täglich tausende von Menschen vorbeigehen und in den Kiosk hineinschauen, der praktisch nur aus Fenstern besteht. Doch genau so war das gedacht: Busch wollte sich durch das geschäftige Treiben für neue Drehbücher oder Hörspiele inspirieren lassen. «Eigentlich wollte ich hier Geschichten sammeln, um sie aufzuschreiben», schreibt Busch in der deutschen Tageszeitung Die Welt. «Aber die Menschen kamen nicht, um Geschichten zu erzählen, sondern ganze Leben.»

Der inzwischen 76-Jährige freute sich über die Begegnungen und den Austausch, doch schon nach Kurzem merkte er: Hier würde er nicht schreiben können. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie bitter nötig viele Menschen einen Ort wie diesen haben. «Heute hört einem ja keiner mehr zu», sagten sie – und schon war die Idee des Zuhör-Kiosks geboren. Busch hängte ein Schild auf mit einem grossen Ohr und dem Text: «Ich höre Ihnen zu. Jetzt gleich. Oder ein anderes Mal.»

Er reagiere unvoreingenommen, wie ein alter Freund. Aber wie ein fremder Freund, den man nicht wiedersehen müsse. Diese Kombination aus Anonymität und Vertrautheit ist genau das, was viele brauchen. So kommt es immer wieder vor, dass im Zuhör-Kiosk Geschichten zum allerersten Mal erzählt werden. «Anfangs wurde ich ständig gefragt, sind Sie Pastor oder Psychologe? Und ich sagte, nein, ich bin Drehbuchautor und auf der Suche nach Geschichten.» Tatsächlich schreibt Busch inzwischen an einem Buchmanuskript, in welchem er verschiedene der Geschichten aus dem Zuhör-Kiosk verarbeitet. Natürlich nur in den Fällen, in denen die Erzählerinnen und Erzähler zugestimmt haben.

«Es gibt einen riesigen Bedarf an Zwischenmenschlichkeit.»

In der Regel sind es eher traurige, manchmal sogar tragische Geschichten, die Busch sich anhört. Oft sind es ältere Menschen, die das Gespräch suchen, doch längst nicht nur. «Es gibt ganz allgemein einen riesigen Bedarf an Zwischenmenschlichkeit.» Bei besonders schwerwiegenden Fällen rät er den Menschen, psychologische Unterstützung in Betracht zu ziehen.

Nach zwei Jahren wurde der Wunsch grösser, sich ab und zu zurückziehen zu können, denn inzwischen sass Busch bis zu sechs Stunden täglich im Kiosk. Doch anstatt das Projekt abzubrechen, hat er es ausgeweitet: Er hat andere Zuhörerinnen und Zuhörer dazugeholt, und inzwischen sind es fünfzehn Freiwillige, die sich die «Sprechstunden» tageweise aufteilen. Busch selber hat jetzt wieder mehr Zeit zum Schreiben – man darf gespannt sein.

Wir ziehen den Hut vor Christoph Busch, dessen Zuhör-Kiosk ein echtes Bedürfnis der Zeit trifft. Inzwischen sind auch an anderen Orten ähnliche Projekte entstanden – denn eigentlich braucht es dafür gar nicht viel. Vielleicht dient dies als Inspiration, um auch in der Schweiz einen Zuhör-Kiosk zu gründen.  

Mehr zum Zuhör-Kiosk im Hörbeitrag des Deutschlandfunks

Kontakt: www.zuhör-kiosk.de