Die Fragestellung verrät die Ziele der Umfrage: Es geht nicht darum, die friedenssichernden Aspekte der Neutralität abzufragen, die Diplomatie oder das Potenzial einer Schweiz der guten Dienste, sondern die Löcher aufzureissen, die das Fehlen einer verfassungsmässigen Verankerung der Neutralität bietet. (Umfragebericht hier, Fragen und Resultate in der Übersicht weiter unten)
So wird nicht danach gefragt, ob die Schweiz ihre Neutralität nutzen sollte, um als Vermittlerin im Krieg in der Ukraine aktiv zu werden – das hätte nämlich überwiegende Zustimmung erzielt.
Es wird vielmehr gefragt, ob die Schweiz Munition für die Drohnenabwehr zur Selbstverteidigung in die Ukraine schicken soll. 56 Prozent sind dafür, nicht wissend, dass dies auch ein Bruch des Neutralitätsrechts darstellt, wie es im Haager Abkommen von 1907 kodifiziert wurde.
Mit solchen Umfragetricks kann man sogar eine Mehrheit von 58 Prozent für einen Nato-Beitritt gewinnen, «wenn die Bedrohung zunimmt». Die Bedrohung durch Russland wird in den Medien seit Jahren aufgeblasen, obwohl Russland nicht in der Lage ist, die viel grössere Nato oder die EU anzugreifen und auch keine Geheimdienstinformationen zu einer entsprechenden Absicht vorliegen.
Übrigens: Es sind die Multimilliardäre, die als grösstes Sicherheitsrisiko wahrgenommen werden. Das sehen 74 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer gemäss einer repräsentativen Umfrage vom Mai 2025 im Auftrag der SRG so.
Aus dieser diffusen Bedrohungslage wird dann die Geschichte von einer «pragmatischen» Neutralität entwickelt. Aber diese Auslegung ist politisch nicht neutral, sondern folgt der Agenda von denen, die schon seit Beginn des Ukrainekriegs die Flexibilisierung der Neutralität vorantreiben, sehr zur Freude der Rüstungsindustrie.
Der Begriff «pragmatisch» ist ein rhetorisches Schmiermittel: Wer will schon unpragmatisch erscheinen? Es wird zwar erwähnt, dass die Mehrheit weiterhin an der Neutralität festhalten will, aber nicht als politisches Prinzip der Friedenssicherung, sondern eher als Religion und vor allem als Ausgangspunkt für ihre schrittweise Aushöhlung.
Daraus wird der Eindruck hergestellt, dass Neutralität heute nur noch ein emotionales Lippenbekenntnis ist, während die Realpolitik in die entgegengesetzte Richtung geht.
Die Umfrage und ihre Darstellung in den Medien will die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung lenken: Neutralität ja, aber bitte so, dass sie das Waffengeschäft nicht stört, die teure Einbindung in die Verteidigungsstrukturen der Nato und der EU nicht behindert und ja nicht als Maxime zur Friedenssicherung erscheint.
Interessant ist auch der Auftraggeber der Umfrage, eine Chatgruppe von Kumpels aus der Jugendzeit, die sich über die Ukraine-Politik der Schweiz ärgerte. Sie ist bereits im Dezember mit einer Umfrage zur Neutralitätsinitiative bekannt geworden.
Kopf der Gruppe «NeutRealität» ist der Grünliberale Adrian Wiedmer, bis vor zwei Jahren Chef des Fairtrade-Unternehmens Gebana. Mit dabei der Rechtsanwalt Raffael Büchi, der in Thalwil eine Firma führt, die sich auf das Marketing für Anwaltskanzleien spezialisiert hat sowie der Kinderarzt Pascal Mayer aus Küblis.
Die Neutralität hört für Wiedmer auf, «wenn sie eine Religion statt ein Mittel zum Zweck ist und wenn mit ihr die Sicherheit abnimmt statt zunimmt», wie er auf der Website des Vereins schreibt. So klingt Opportunismus heute. Neutralität als Religion für die Ahnungslosen.
«Das haben wir nicht gewollt», wird Adrian Wiedmer wohl sagen, wenn die Schweiz durch ihre Nato-Einbindung in einen Krieg verwickelt werden sollte. «Aber ich habe es betrieben» wäre die ehrliche Antwort.
«Krieg ist ein Drecksgeschäft» schrieb General Smedley D. Butler, der damals höchstdekorierte Soldat der US Geschichte 1935 in seinem Bestseller über die wirtschaftlichen Hintergründe der Kriege, in denen er kämpfte.
Man sollte also die Frage von Krieg, Frieden und Neutralität besser nicht den Geschäftsleuten – und schon gar nicht den Bankern – überlassen.
Sotomo / Bevölkerungsbefragung: «Wie die Schweiz ihre Neutralität sieht, bewertet und auslegen will». Januar 2026
Sotomo / Bevölkerungsbefragung: «Volksinitiative ‚Wahrung der schweizerischen Neutralität (Neutralitäts- initiative)’». November 2025
SRF: Die Bevölkerung will eine pragmatische Neutralität. 21.1.2026


Kommentare
smirt
Also wenn die drei genannten eine Umfrage machen und dem SRF verkaufen können, dann sollten wir das wohl auch können?! Und da könnte dann ja genau diese Frage "Wollen wir die Neutralität für Friedensgesprächen nutzen" vorkommen.
Wäre nicht so schwierig oder?