Der ehemalige Berufsmilitär und IT-Spezialist Michael Hollister hat sich in kurzer Zeit als einer der besten geopolitischen Analysten im deutschen Sprachraum etabliert. In seinen Analysen auf Substack beschreibt er immer wieder die tieferliegenden gemeinsamen Ursachen der wilden Ereignisse, die uns täglich um die Ohren fliegen. Vor kurzem hat er in einer mehrteiligen Serie die Transformation der europäischen Wirtschaft unter die Lupe genommen.
Die kriegswirtschaftliche Transformation der EU hat direkte Auswirkungen auf die Neutralität. Je weiter die Integration der Schweiz in die sicherheitspolitische Strategie der EU fortschreitet, desto mehr werden wir Teil einer auf Krieg ausgerichteten Struktur und desto grösser die Wahrscheinlichkeit, direkt in Kriegshandlungen eingebunden zu werden.
Nur eine Verankerung der immerwährenden Neutralität in der Verfassung schützt die Schweiz vor den enormen Kosten der Militarisierung Europas und der Gefahr, in Kriegshandlungen verwickelt zu werden. Es reicht dabei nicht, bei der Abstimmung (voraussichtlich Ende September) Ja zur Neutralitätsinitiative zu sagen. Man sollte unbedingt noch ein paar weitere Unterstützer an die Urne bringen.
Michael Hollisters ausführliche und mit ausgezeichneten Quellen versehene Analyse zeichnet das Bild einer grundlegenden wirtschafts- und sicherheitspolitischen Neuausrichtung Europas. Im Zentrum stehen die European Defence Industrial Strategy (EDIS) und das European Defence Industry Programme (EDIP). Damit reagiert die Europäische Union nicht nur auf geopolitische Bedrohungen, sondern organisiert aktiv den Übergang zu einer dauerhaften Kriegswirtschaft.
Ausgangspunkt ist eine wirtschaftliche Krise: Industrielle Kernsektoren in Europa schrumpfen oder wandern ab, während staatliche Ausgaben für Soziales und Infrastruktur unter Druck geraten. In diesem Umfeld gewinnt die Rüstungsindustrie an Bedeutung. Sie bietet – so die Argumentation – stabile, staatlich garantierte Nachfrage und wird damit zum Ersatz für schwächelnde zivile Wachstumsmotoren.
EDIS und EDIP sind zentrale Instrumente dieser Transformation. Ziel sei der Aufbau einer eigenständigen europäischen Verteidigungsindustrie mit stärker integrierten Lieferketten und reduzierter Abhängigkeit von externen Partnern wie den USA. Die politische Rhetorik spricht von einer «Rückkehr intensiver Kriegsführung». EDIP ist der institutionelle Rahmen, um nationale Rüstungsindustrien enger zu verzahnen und Produktionskapazitäten europaweit auszubauen.
Ein wesentlicher Aspekt ist die Finanzierung: Neben vergleichsweise kleinen direkten Programmmitteln beschreibt Hollister die Mechanik des 150-Milliarden-Euro-Kreditprogrammes für Rüstungskäufe, mit dem Kredite ausserhalb des normalen Haushaltes und damit ohne demokratische Kontrolle an die Mitgliedsländer vergeben werden. Profiteure sind vor allem grosse Rüstungskonzerne und Finanzinstitute, während zivile Sektoren und soziale Ausgaben unter Druck geraten.
Parallel dazu beschreibt Hollister konkrete industrielle Umstellungen. Unternehmen aus der Automobil-, Zuliefer-, Chemie- und Logistikbranche werden zunehmend in militärische Produktionsketten eingebunden. Es geht hier nicht um Einzelfälle, sondern um systematische und politische Steuerung.
Die europäische Aufrüstung ist Teil einer globalen Arbeitsteilung: Europa soll Russland strategisch binden, während sich die USA auf China konzentrieren. Die angestrebte «Unabhängigkeit» Europas von den USA erscheint demnach weniger als echte Autonomie denn als funktionale Ergänzung innerhalb westlicher Machtpolitik.
Besonders kritisch bewertet Hollister die langfristige Dynamik einer solchen Kriegswirtschaft. Da Rüstungsproduktion auf kontinuierliche Nachfrage angewiesen ist, entsteht ein struktureller Anreiz zur Aufrechterhaltung oder sogar Ausweitung von Konflikten. Dies führt zu einem sich selbst verstärkenden Kreislauf, in dem wirtschaftliche Stabilität zunehmend von militärischer Aktivität abhängt, die – man muss es unterstreichen – nichts zum Wohlstand beiträgt, die Sparguthaben der Bürger weginflationiert und die Gefahr von Zerstörungen aller Art massiv erhöht.
Hollister konstatiert einen eklatanten Mangel an politischem und gesellschaftlichem Widerstand. Die Komplexität der Programme, dominante sicherheitspolitische Narrative und eine geschwächte Zivilgesellschaft würden eine breite öffentliche Debatte erschweren.
Fazit: Die EU-Rüstungsprogramme sind Teil eines umfassenden Paradigmenwechsel: weg von einer primär zivilen, marktwirtschaftlich Wirtschaftsordnung zu einer strukturell militarisierten Ökonomie mit weitreichenden politischen, sozialen und geopolitischen Konsequenzen.
Die Schweiz schleicht sich ohne demokratische Kontrolle in diese Militärstrukturen ein. Ein zentrales Papier dazu ist die «Sicherheitspolitische Strategie der Schweiz 2026» vom 12. Dezember 2025 (hier Vernehmlassung der Bewegung für Neutralität dazu). Das Papier listet 40 Massnahmen, die zum Teil Verfassungsgrundsätze relativieren und die alle sofort umgesetzt werden, obwohl für die kommende Wintersession eine Parlamentsdebatte dazu angesetzt ist.
Um die Kritik an dieser Militarisierung im Keim zu ersticken, wurde im vergangenen November das «Grundlagenpapier Informationsraum» erarbeitet. Es verwendet reichlich Nato-Terminologie und beschreibt im Wesentlichen, wie die kognitive Kriegsführung in der Schweiz geführt wird. Das Dokument enthält seitenweise Listen mit Massnahmen, neuen Einheiten, Strukturen der internationalen Zusammenarbeit, Kontrollmechanismen usw. – alles eingeschwärzt.
Wir dürfen nicht wissen, wie der Staat einen kognitiven Krieg gegen uns, den Souverän führt.
Das sind sehr bedenkliche Entwicklungen. Und wer sich, wie die Bewegung «mass-voll» oder Teile der SVP auf die EU-Verträge einschiesst, über die wir erst in ein oder zwei Jahren abstimmen, ist blind für das Wesentliche, das jetzt stattfindet: Wenn die Schweiz ihre Sicherheit der EU übergibt, wird sie erpressbar. Sobald wir militärisch abhängig sind von der EU, ist die wirtschaftliche, aussenpolitische und soziale Integration in den Moloch von Brüssel die unvermeidliche Konsequenz.
Für die Schweiz ist die Wiederherstellung der immerwährenden, bewaffneten Neutralität eine existenzielle Frage. Denn wer sich militärisch unterordnet, wird auch in anderen Politikbereichen nicht mehr viel zu sagen haben.