Neutralität ist älter als ihr Name – und klarer, als viele meinen
Der Politikwissenschaftler Pascal Lottaz zeigt mit dem indischen Staatsphilosophen Kautilya und dem griechischen Historiker Thukydides: Neutralität ist Strategie, Machtfrage und Beziehung zugleich.
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Die Büsten von Thukydides und Kautilya in der Drastellung der KI.

Wer glaubt, die Neutralität sei eine europäische Erfindung des späten Mittelalters, muss einige Jahrtausende zurückblicken. Der Neutralitätsforscher Pascal Lottaz, Assistenzprofessor für politische Wissenschaften an der Universität Kyoto und Gründer von Neutrality Studies vergleicht in einem neuen Essay zwei der ältesten strategischen Texte der Menschheit: das indische Arthaśāstra des Staatsphilosophen Kautilya und Thukydides’ Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Seine überraschende These: «Neutralität ist viel älter als ihr Name»

Im alten Indien war Neutralität bereits hoch entwickelt. Der Staatsphilosoph Kautilya, im 4. Jahrhundert vor Christus tätig, behandelt sie nicht als moralische Tugend, sondern als Instrument vernünftiger Machtpolitik. Ein Herrscher wartet ab, hält sich aus einem Krieg heraus, beobachtet die Kräfteverhältnisse und bewahrt sich seine Handlungsfreiheit. Neutralität bedeutet nicht Passivität, sondern strategische Wachsamkeit. Sie spart Kräfte, vermindert Risiken und kann einem Staat sogar die Rolle des Vermittlers verschaffen.

Ganz anders die Perspektive bei Thukydides. Sein berühmter Dialog zwischen Athen und der neutralen Insel Melos zeigt die andere Seite der Medaille. Die Melier wollen weder Freund noch Feind Athens sein. Doch für die Grossmacht ist genau diese Unabhängigkeit unerträglich: Eine kleine Insel, die sich dem Imperium verweigert, könnte von anderen als Zeichen der Schwäche verstanden werden. Athen belagert Melos, tötet die Männer und verkauft Frauen und Kinder in die Sklaverei.

Damit stossen die beiden antiken Denker auf ein Problem, das heute wieder hochaktuell ist. Kautilya betrachtet Neutralität aus der Sicht des Neutralen: Entscheidend ist, ob sie seinen Interessen dient. Thukydides dagegen zeigt, dass Neutralität auch von den Kriegsparteien abhängt. Lottaz bringt es auf den Punkt: «Neutralität erscheint hier nicht als Haltung, sondern als Beziehung.» Ein Staat kann sich für neutral erklären – überleben wird diese Position aber nur, wenn die Mächtigen sie respektieren oder ihre Verletzung für zu teuer halten.

Besonders interessant ist Lottaz’ Korrektur des europäischen Geschichtsbildes. Während das klassische Griechisch nicht einmal ein eigenes Wort für Neutralität besass, verfügte das Sanskrit über mehrere präzise Begriffe dafür. Die Praxis ist also weit älter als das europäische Völkerrecht. «Wo immer politische Akteure in Konstellationen mit mehr als zwei Beteiligten miteinander konkurrieren, entstehen ganz natürlich dritte Positionen.», schreibt Lottaz. Neutralität entsteht demnach fast zwangsläufig, sobald mehr als zwei Mächte miteinander konkurrieren.

Und noch eine Lehre hält die Geschichte von Melos bereit. Wer Neutralität nicht respektiert, schafft sich zusätzliche Feinde. Athen wollte durch die Vernichtung der Insel Stärke demonstrieren. Doch die übrigen neutralen Staaten verstanden die Botschaft: Auch sie konnten die Nächsten sein. Später schlossen sie sich als attischer Seebund dem Krieg von Sparta gegen Athen an. 404 vor Christus war dessen Imperium Geschichte.

Neutralität ist damit weder moralische Pose noch bequemes Abseitsstehen. Sie verlangt Stärke, Klugheit und Beweglichkeit – und eine internationale Ordnung, die den Raum zwischen Freund und Feind überhaupt noch zulässt. «Das moderne Neutralitätsrecht ist im Kern der Versuch, diese zweite, fragile Seite des Konzepts zu stabilisieren.», schreibt Lottaz.

Vielleicht liegt darin der Kern des Rückblicks in die Antike: Wir verfügen heute über zweitausend Jahre mehr Erfahrung, über Völkerrecht und Haager Konventionen. Ob wir auch über mehr politische Weisheit verfügen als die Athener vor Melos, ist eine andere Frage.


Zum Originalaufsatz in Englisch mit allen Quellen:
Pascal Lottaz: Ancient Neutrality – A Comparative Analysis of the Neutrality Concept in Kautilya and Thucydides. 22.8.2026
 

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