Warum es (dringend) ein bedingungsloses Grundeinkommen braucht

Die kapitalistische Arbeits- und Leistungsgesellschaft hat keine Alternative als die gerechte Verteilung

(Foto: Ruben Bagues / unsplash.com)

In mehr oder weniger allen Ländern der Welt mit Ausnahme von Bhutan steht die Mehrung des materiellen Wohlstandes zuoberst auf der politischen Prioritätenliste. Die steuerlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen werden meist so gestaltet, dass Investoren gerne Fabriken bauen und möglichst viele Arbeitsplätze schaffen. Im globalen Wettbewerb kämpft jedes Land um einen möglichst hohen Anteil an der globalen Wertschöpfung. In der perfekten Welt der Ökonomen und Politiker herrschen in einer erfolgreichen Volkswirtschaft Vollbeschäftigung und konstantes BIP-Wachstum. Industrialisierte Länder verstehen sich als Arbeits- und Leistungsgesellschaften, in denen kein Platz ist für Mässigung und Müssiggang.

Fünf Probleme werden dabei weitgehend ausgeblendet bzw. marginalisiert:

  1. Marktsättigung
  2. Übernutzung der natürlichen Ressourcen
  3. Externe Kosten und Effekte (Umweltzerstörung, Artensterben, Klimawandel)
  4. Zunehmende Verlagerung von Wertschöpfung an vernetzte und smarte Maschinen
  5. Ungerechte Verteilung des Wohlstandes

Konzentrieren wir uns im Folgenden mal nur auf das erste Problem. Eine logische Folge des steigenden globalen Wohlstandes sind Sättigungserscheinungen. Mit zunehmendem Wohlstand nimmt die Nachfrage nach Gütern ab. Irgendwann sind die Haushalte luxuriös genug ausgestattet. Auch Freizeitaktivitäten können mangels Freizeit nicht beliebig ausgebaut werden.

Gesättigte Märkte sind der blanke Horror in Arbeits- und Leistungsgesellschaften. Wachsende Bruttoinlandprodukte und schwächelnde Nachfrage passen nicht zusammen. Der Angebotsüberhang führt in freien Märkten zur Entwertung der Produkte (Deflation) und der Arbeit (wachsender Niedriglohnsektor, unsichere Jobs). Als Reaktion darauf werden Investitionen und Konsum durch exzessive Kreditvergabe angeheizt. Die Verschuldung wird immer billiger. Doch führt sie auch zum gewünschten produktiven Einsatz des Kapitals? Danach sieht es nicht aus.

Niemand investiert in Fabriken in Märkten mit Überkapazitäten. Stattdessen wird das überschüssige Kapital für Aktienrückkäufe, Akquisitionen, Spekulationen und Assets eingesetzt. Was zu etlichen Vermögensblasen führt, die zuverlässig in Krisen enden. Ein weiterer Effekt ist die von Marx vorhergesagte Akkumulation des Kapitals.

Die Verschuldung und Vemögenskonzentration sind mittlerweile so weit fortgeschritten, dass nur noch eine einzige Massnahme den Systemkollaps verhindern kann: die notgedrungen zur Konjunkturpolitik umfunktionierte Geldpolitik der Zentralbanken. Mit ihren Gelddruckmaschinen halten sie eine Zombie-Wirtschaft in Gang mit dem noblen Ziel, Massenarbeitslosigkeit abzuwenden. Ob diese Strategie langfristig funktionieren kann, ist höchst fraglich.

Wer glaubt, dass Arbeits- und Leistungsgesellschaften in einem Umfeld gesättigter Märkte reüssieren können, hat womöglich die Realität aus den Augen verloren. Wenn nicht einmal billige Kredite und raffinierte Werbestrategien zu entscheidend mehr Investitionen und Konsum führen, bleibt diesen Gesellschaften im Grunde nichts anderes übrig, als sich neu zu definieren – selbst wenn für die meisten Ökonomen und Politiker eine Alternative zur Leistungsgesellschaft unvorstellbar ist.

Mit der Einschulung begibt sich der Mensch in ein Hamsterrad und setzt dann seine ganze Lebensenergie in die Beschleunigung.

Wir sollten uns unter den gegebenen Umständen eine Frage stellen: Was ist unter Wohlstand zu verstehen, und welchen Preis wollen wir dafür bezahlen? Die programmierte Antwort lautet: Wohlstand ist eine fette Zahl auf dem Bankkonto, und der Preis dafür ist Fleiss und Sparsamkeit. Was bedeutet eigentlich Leben in der Leistungsgesellschaft? Es sieht überspitzt formuliert so aus: Mit der Einschulung begibt sich der Mensch in ein Hamsterrad und setzt dann seine ganze Lebensenergie in die Beschleunigung. Mit 65 darf er den Käfig verlassen und das Restleben geniessen, in der Hoffnung, dass die angesparten Mittel bis zu seinem Ableben für eine angenehme Existenz reichen.

Hat Wohlstand tatsächlich den kümmerlichen Sinn, die besten Jahre seines Lebens als Hochleistungshamster in einem Laufrad zu verbringen, eingesperrt in einem Käfig namens Wirtschaftswachstum? Wohlstand ist mehr als eine Zahl. Hamster werden nicht für Käfige und Laufräder geboren, sondern für ein Leben in Freiheit. Dasselbe trifft auf Menschen zu. Wohlstand ist ein Lebensgefühl.

Die moderne Arbeits- und Leistungsgesellschaft kann sich nur noch legitimieren, wenn sie fundamentale Fakten negiert:

  • Wohlstand ist mehr als eine Zahl.
  • Überproduktion ist Ressourcenverschwendung.
  • Überkonsum ist Geldverschwendung.
  • Vollbeschäftigung ist Leistungs- und Lebensverschwendung.
  • Verschwendung ist Mangel an Ethik und Intelligenz.

Es ist wohl zutreffender, die Arbeits- und Leistungsgesellschaft als Verschwendungsgesellschaft zu bezeichnen.

Die Weltbevölkerung war noch nie so reich wie heute. Wir könnten uns entspannen und dazu übergehen, den Reichtum gerechter zu verteilen und die sinnlose und destruktive Verschwendung von Ressourcen, Geld und Leben zu beenden. Nachdem wir den Kapitalismus und die Hochtechnologien globalisiert haben, wäre als Nächstes die Vernunft zu globalisieren. Der entscheidende Schritt dazu ist die Neutralisierung des systemischen Leistungsdrucks, der dem Kapitalismus innewohnt.

Wer es mit der Freiheit und der Selbstverantwortung ernst meint, überlässt die Entscheidung, wann und wie Leistung erbracht wird, jedem einzelnen Menschen. Die ökonomische Basis für ein selbstbestimmtes Leben kann nur die bedingungslose Existenzsicherung sein. Wer eine Leistung erbringen will, ist frei. Wer eine Leistung gegen seinen Willen erbringen muss, nicht.

Wir sind durch maschinengestützte Leistung zu Verschwendungsgesellschaften geworden und haben nebenbei die Biosphäre havariert. Wenn wir künftigen Generationen einen bewohnbaren Planeten hinterlassen wollen, müssen wir uns dringend Richtung Nachhaltigkeit reformieren und transformieren. Dieser Prozess muss schnell gehen. Je länger wir am Modell der Verschwendungsgesellschaft festhalten, desto wahrscheinlicher werden wir mehr Gewaltexzesse und ökologische Katastrophen erleben. «Folgen Sie dieser Strasse bis zum Ende» ist keine brauchbare Ansage aus dem Navigationssystem, wenn sich die gesamte Weltbevölkerung auf einen Abgrund zubewegt. «Bitte wenden» macht in so einem Fall mehr Sinn.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen entkoppelt Existenz von Marktleistung. Es gibt den Menschen die Sicherheit, auch ohne Erwerbsarbeit existieren zu können. Der entscheidende Nutzen: Die Sicherheit nimmt Druck aus dem System. Sie garantiert den sozialen Frieden im disruptiven Zeitalter der vierten industriellen Revolution und der künstlichen Intelligenz. Sie unterstützt eine unblutige soziale und ökonomische Transformation unter hohem Zeitdruck.

Menschen, die einander vertrauen, sind kooperativer, erfolgreicher und glücklicher.

Die Transformation der Verschwendungsgesellschaft zur umweltverträglichen Genussgesellschaft ist vielleicht die grösste Herausforderung der Menschheit. Die Chancen, dass diese historische Transformation gelingt, stehen besser, wenn sich die Menschen in der Gesellschaft aufgehoben und respektiert fühlen. Wer von der Gesellschaft ein bedingungsloses Grundeinkommen erhält, macht die Erfahrung, dass die Gesellschaft ihm vertraut. Menschen, die einander vertrauen, sind kooperativer, erfolgreicher und glücklicher. Vertrauen erzeugt ein Klima des Goodwills. Wer will nicht in einer Gesellschaft leben, in der man sich grundsätzlich mit Wohlwollen begegnet?

Das bedingungslose Grundeinkommen sollte als sozialer Fortschritt begrüsst werden. Warum? Präsident John F. Kennedy sagte: «Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country.» In Zukunft könnte die Regierung sagen: «Die Gesellschaft tut etwas für dich. Was willst du für die Gesellschaft tun?» Die Beziehung zwischen Gemeinwesen und Individuum ist engagierter und verbindlicher, wenn das Versprechen der Solidarität eingelöst wird.
Davon profitieren alle.

Wie lösen wir die eingangs erwähnten Probleme 2 bis 5? Es ist offensichtlich, dass Verschwendungsgesellschaften diese Probleme verschärfen. Eine Genussgesellschaft tut genau das Gegenteil, denn sie ehrt und schützt das, was ihr Genuss bereitet: Natur und Gemeinschaft.

Die Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens kann durch Finanztransaktionssteuern und die Substituierung von Sozialleistungen ermöglicht werden. Zudem können die Zentralbanken ein Bürgergeld ausgeben und im Gegenzug ihre QE-Programme zur Finanzierung von Staats- und Unternehmensanleihen einstellen.

Selbstverständlich schliesst die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens die klassische Erwerbsarbeit nicht aus. Es steht auch jedem Bürger frei, auf das Angebot zu verzichten.

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Guido Biland ist Freigeist und Texter. www.alphatext.com