Der Prozess ist Kafkas einflussreichstes Werk. Auf gespenstische und absurde Weise schildert Kafka, wie der Alltag von Josef K. durch den Einbruch einer fremden Macht vollkommen auf den Kopf gestellt wird. Kolumne.

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In Franz Kafkas berühmten Roman «Der Prozess» wird Josef K. verhaftet. Er kann sich nicht erklären, welches Verbrechen er begangen haben soll. Er erhält darüber auch keine Auskunft. Eine Begründung könnten die Beamten ihm nicht geben, weil sie ja lediglich auf der niedrigsten Stufe der Behörde stünden. Josef K. verlangt, dass sie sich bei ihm ausweisen und den Haftbefehl vorzeigen, was sie ablehnen. Ihre Behörde mache niemals Fehler. Ein Jahr seines Lebens verbringt Josef K. damit, vor Denunzianten zu fliehen, seltsame Richter und merkwürdige Anwälte aufzusuchen, bis er schliesslich ohnmächtig das Todesurteil erhält. 

Aus Groteske und Surrealismus kreierte Franz Kafka eine unheimliche Atmosphäre der Ohnmacht des Individuums, die als «kafkaesk» in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist. Kritiker feierten das Werk als Beispiel für die existenzialistische Not des modernen Menschen, der «schuldlos schuldig» ist und in einen Strudel unwirklich-irrationaler Ereignisse hineingezogen wird. Der Prozess ist Kafkas einflussreichstes Werk. Auf gespenstische und absurde Weise schildert Kafka, wie der Alltag von Josef K. durch den Einbruch einer fremden Macht vollkommen auf den Kopf gestellt wird. Obwohl er sich anfangs noch darüber lustig macht, nimmt der anrollende Prozess immer mehr die Aufmerksamkeit von K. in Anspruch. Er vernachlässigt seinen Beruf als Prokurist in einer Bank und schart Verbündete um sich, die ihm aber in seinem rätselhaften Prozess letztlich nicht nützlich sind. Einen Tag vor seinem 31. Geburtstag wird er von zwei Gesandten des Gerichts abgeholt und exekutiert. Mit «Der Prozess» gelingt Kafka eine famose Entlarvung der modernen Bürokratie.

Als ich kürzlich die Räumlichkeiten der Staatsanwaltschaft verliess, wo man mich zur Anhörung geladen hatte, erinnerte ich mich auf dem Weg in die Tiefgarage an meine damalige Prag-Reise und die dortige Bekanntschaft mit diesem Roman des berühmten Sohnes der tschechischen Hauptstadt. Weshalb? Fünf Mal in drei Monaten war meine kleine Café-Konditorei von einer Gruppe à vier maskierten, bewaffneten Männern in Uniformen heimgesucht worden. Sie sagten, sie seien Polizisten und müssten kontrollieren, ob ich meine Gäste auf deren Gesundheitsstatus prüfe. Die Sprecherin der Polizei liess sich in der lokalen Zeitung zitieren, dass sich Polizisten nicht ausweisen müssten. Die Uniform sei Ausweis genug. Das wiederum erinnerte mich an den Hauptmann von Köpenick. Der wurde durch seine spektakuläre Besetzung des Rathauses der Stadt Köpenick bei Berlin als Hauptmann von Köpenick bekannt, in das er am 16. Oktober 1906 als Hauptmann verkleidet mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten eindrang, den Bürgermeister verhaftete und die Stadtkasse raubte.

Zurück ins Café. Meine Gäste bräuchten also ein Zertifikat, welches ihre tadellose Gesundheit bescheinige. Ansonsten dürften sie auch nicht nur eine Minute in meinem Café sitzen (vor meinem Café hält viertelstündlich der Bus, in den sich ohne Schutzkonzept Dutzende Menschen ohne Zertifikat zwängten, um Schulter an Schulter sitzend und stehend in die 30 Minuten entfernte Stadt Zug zu fahren). Da die uniformierten Männer ihre Identität nicht auswiesen, keinen schriftlichen, von einem Vorgesetzten unterschriebenen Auftrag und auch keine gesetzliche Grundlage vorzeigen konnten, lehnte ich das abstruse Ansinnen einer Gesundheitskontrolle meiner Kundschaft vor dem Kuchenessen und Kaffeetrinken jeweils ab, worauf die uniformierten Männer mehrere Anzeigen gegen mich einreichten. Auf die dritte Anzeige - nachdem ich monatelang keinen Gast kontrolliert hatte oder gar weggewiesen hätte - bekam ich eine Busse zugeschickt, die ich umgehend retournierte.

Nach ungezählten weiteren Schreiben und dem ausnehmend freundlichen Gespräch bei der Staatsanwaltschaft wird demnächst die Einladung zum Gericht folgen. Und wie in Kafkas Roman weiss ich noch immer nicht, gegen welchen Gesetzesartikel ich verstossen habe. Abgesehen davon, dass ich bis heute keinen entsprechenden Gesetzesartikel zu lesen bekommen habe, der mich zur Kontrolle dieses obskuren Zertifikats verpflichte, verstiesse solches ohnehin gegen die unverhandelbaren Menschenrechte. Man stelle sich vor, ich würde einem fremdländisch, nicht abendländisch-christlich aussehenden Mann den Eintritt in mein Café verweigern, weil ich ihn verdächtige, Träger übertragbarer Krankheiten zu sein. Unvorstellbar! Oder nicht?

Besagtes Zertifikat bekäme man, wenn man getestet, genesen oder geimpft sei, hiess es allenthalben. Inzwischen ist es Allgemeinwissen, dass der dafür vorgesehene Test keine Infektionen nachweisen kann und weder für diagnostische Zwecke zugelassen, noch validiert oder standardisiert ist. Während des Zeitraums meiner Vergehen war man in Deutschland nach drei, in Österreich nach sechs und in der Schweiz nach neun Monaten genesen. Ist die Wissenschaft ein Bazar? Was die Impfung betrifft, wende man sich an die Pfizer-Vertreterin Janine Small, die bei einem Hearing vor dem EU-Parlament schmunzelnd einräumen musste, dass es zum Zeitpunkt der Zulassung des Covid-Vakzins keinerlei Nachweis gab, dass die mRNA-Therapie das Virus an seiner Verbreitung hinderte, noch dass es vorgängig getestet worden wäre. Dafür habe die Zeit gefehlt, es musste schnell gehen. Trotz dieses offensichtlich kriminellen, mehrjährigen Klamauks habe ich nicht die Wahrnehmung, dass wir eine schlimme Pandemie durchgemacht hätten. Dennoch gibt es ein hochgefährliches Virus, das sich exponentiell verbreitet hat. Es heisst: Angst. Wir haben aus uns eine jämmerlich verängstigte Gesellschaft machen lassen. Und wer in permanenter Angst ist, kann nicht denken.

Trotz dieser kafkaesken Posse wird «Der Prozess» gegen mich unbeirrt durchgezogen. Die Chancen sind intakt, dass mich der Richter nicht zum Tode verurteilt, aber das Urteil wurde längst von anderen Instanzen gesprochen: «Eine zynische, käufliche, demagogische Presse wird mit der Zeit ein Volk erzeugen, dass genauso niederträchtig ist, wie sie selbst.» Joseph Pulitzer (1847 – 1911), ungarisch-amerikanischer Journalist, Herausgeber und Zeitungsverleger. Er ist Stifter des nach ihm benannten Pulitzer-Preises.

Ob unsere eingeschüchterte Gesellschaft - die sich jeden August als stolze, freie und selbstbestimmte Eidgenossen gegenseitig auf die Schultern klopfen – dereinst den Mut und die Grösse aufbringen wird, von Medien, Medizin, Wissenschaft, Verwaltung, Intellektuellen und vor allem von den Politikern Aufklärung über die vergangenen drei Jahre einzufordern - und dann auch über diese Obrigkeit, statt nur über den kleinen Cafetier und Konditor zu richten? Kafka wäre pessimistisch. Dürrenmatt bestimmt genauso. Ich bin es nicht.

Über

Thomas Brändle

Submitted by admin2 on Do, 08/18/2022 - 14:51

Thomas Brändle lebt im zugerischen Ägerital, ist Familienvater, Bäcker-Konditor-Confiseur, gewerblicher Kleinunternehmer, www.cafe-braendle.ch, Autor (Mitglied ISSV, AdS, PEN), alt Kantonsrat, Mitinitiant der www.vollgeld-initiative.ch. In seinem Romanerstling «Das Geheimnis von Montreux» thematisierte er Kellers Prophezeiung durch den Protagonisten Marco Keller, Nationalrat und Nachfahre des Schriftstellers Gottfried Keller.

Die Bücher von Thomas Brändle.