Die «Initiative für eine sichere Ernährung» sucht den Schulterschluss mit den Schweizer Landwirten. In einem neu veröffentlichten Brief warnt das Initiativkomitee vor einer gefährlichen Abhängigkeit der Schweiz von Lebensmittelimporten und ruft die Bauernschaft dazu auf, die Volksinitiative zu unterstützen.

Im Zentrum der Argumentation steht die Versorgungssicherheit. Der heutige Selbstversorgungsgrad der Schweiz liege nur noch bei 42 Prozent, schreiben die Verfasser. Im Krisenfall könne dies dramatische Folgen haben. Zur Untermauerung zitiert der Brief Bundesrat Guy Parmelin mit der Aussage, die Schweiz habe «jeden zweiten Tag nichts zu essen», wenn es an den Grenzen zu Problemen komme.
Die Initiative beruft sich auf den Verfassungsauftrag zur Landesversorgung sowie auf den Sachplan Fruchtfolgeflächen (FFF). Diese verlangten, dass die Schweiz im Krisenfall ihre Bevölkerung innerhalb eines Jahres aus eigener Produktion ernähren könne. Genau diese Fähigkeit sei heute nicht mehr gewährleistet, kritisiert das Komitee. Bundesrat und Parlament würden ihrer Verantwortung nicht gerecht.
Die Initianten schlagen deshalb einen verbindlichen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent vor. Dies solle den Bauern mehr Produktions- und Absatzsicherheit verschaffen. Gleichzeitig verspricht die Vorlage neue Marktchancen, insbesondere beim Anbau pflanzlicher Lebensmittel, die heute zu grossen Teilen importiert würden. Unterstützt werden soll der Umbau laut Brief durch Direktzahlungen, Grenzschutz und Investitionshilfen.
Auffällig ist der sicherheitspolitische Ton des Schreibens. Die Landwirtschaft wird nicht primär als Wirtschaftszweig dargestellt, sondern als strategische Grundlage staatlicher Krisenvorsorge. Damit reiht sich die Initiative in eine breitere Debatte über Neutralität, Resilienz und nationale Versorgungssicherheit ein, die seit Pandemie, Ukrainekrieg und geopolitischen Spannungen an Bedeutung gewonnen hat.
Ob die Initiative in der Bauernschaft auf breite Unterstützung stösst, dürfte auch davon abhängen, wie glaubwürdig ihre wirtschaftlichen Versprechen erscheinen. Klar ist jedoch: Die Frage der Ernährungssicherheit wird zunehmend zu einer politischen Grundsatzfrage über die künftige Ausrichtung der Schweiz.
Die Ernährungsinitiative will die Biodiversität, die Bodenfruchtbarkeit sichern und das Trinkwasser schützen. Die Trinkwasserinitiative mit ähnlichen Forderungen wurde nach einem beispiellosen Abstimmungskampf im Juni 2021 deutlich abgelehnt, nachdem sie in den Umfragen lange Zeit geführt hatte.
Ihre umstrittenste Forderung war die Beschränkung der Direktzahlungen an Landwirtschaftsbetriebe, die ohne synthetische Pestizide arbeiteten. Diese Forderung ist in der Ernährungsinitiative nicht mehr enthalten. Dafür fordert die Initiative einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent. Das dürfte die einheimische Landwirtschaft stärken.
Ein definitiver Abstimmungstermin ist offiziell noch nicht festgelegt. Mehrere Quellen gehen aber davon aus, dass über die Ernährungsinitiative im Herbst 2026 abgestimmt wird – wahrscheinlich am 27. September oder am 29. November 2026. Das Parlament hat die Initiative im März 2026 ohne Gegenvorschlag abgelehnt.