Es darf wieder geplaudert werden! In Basel soll mit einem niederschwelligen Projekt Menschen geholfen werden, die sich einsam fühlen.

© Plauderkasse

Ein Drittel aller Schweizerinnen und Schweizer fühlt sich regelmässig einsam – dies ergab eine Umfrage des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan. «Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert, und es ist schwieriger geworden, im Alltag soziale Kontakte zu pflegen», sagt Stefanie Näf, Geschäftsleiterin des Vereins Gsünder Basel. «Fast alle laufen mit Kopfhörern herum, im ÖV oder am Bahnhof kann man sich kaum mehr ungezwungen mit jemandem unterhalten. Doch der Mensch und sein Bedürfnis nach zwischenmenschlichem Austausch ist gleich geblieben.»

Es gibt zwar eine ganze Reihe von Angeboten für Menschen, die von Einsamkeit betroffen sind. Doch meist muss aktiv die Initiative ergriffen werden, was für viele eine Hemmschwelle ist – auch weil das Thema mit Schamgefühlen verbunden ist. «Eine Person, die sich einsam fühlt, wird wahrgenommen als jemand, der keine Freunde hat und nicht geliebt wird», sagt Näf. «Doch das stimmt nicht, es ist eher ein gesellschaftliches Phänomen, das im Übrigen nicht nur ältere Menschen betrifft, sondern alle Altersgruppen.»

Gsünder Basel will nicht nur für dieses Thema sensibilisieren, sondern auch niederschwellige Angebote für Betroffene schaffen. So entstand – in Zusammenarbeit mit der Christoph-Merian-Stiftung, dem Gesundheitsdepartement Basel-Stadt, der Genossenschaft Migros Basel und der TopPharm Apotheke Gellert – das Projekt «Plauderkasse Basel». Das Konzept ist simpel: Statt möglichst schnell durchgeschleust zu werden oder den Self-Checkout zu benutzen, darf man sich beim Einkauf an der Kasse etwas Zeit nehmen, um zu plaudern. Was auf dem Land vielerorts noch normal sein mag, ist in der Stadt undenkbar: Alles muss so schnell wie möglich gehen, und Gespräche halten einen nur unnötig auf.

An den Plauderkassen in der Migros Gundelitor und der TopPharm Apotheke Gellert dagegen darf wieder geplaudert werden. Dafür stehen in bestimmten Zeitfenstern Freiwillige zur Verfügung. Auch für längere Gespräche bei einem Kaffee oder Spaziergang, wenn dies gewünscht ist.

Inspiration für die Plauderkasse war ein ähnliches Projekt aus Holland, das genau wie in Basel klein angefangen hat und heute bereits über 300 Standorte verfügt. Davon träumt auch Stefanie Näf: «Es wäre unser grosser Wunsch, dass auch in anderen Kantonen Plauderkassen zu Stande kommen. Wir sind diesbezüglich bereits im Gespräch mit verschiedenen Institutionen.»

Die Auswertung des sechsmonatigen Pilotprojekts sowie die Feedbacks zu den beiden Plauderkassen waren durchwegs positiv. «Viele stehen an der Plauderkasse an, weil sie neugierig sind – und lassen sich dann teilweise auch auf längere Gespräche ein. Wir hören oft, dass jemand danach mit einem Lächeln aus dem Laden geht und der Austausch ihm den Tag versüsst hat.»

Sowohl die Migros als auch die Apotheke waren so begeistert vom Projekt, dass sie in der Nähe der Kassen eine Sitzecke mit Kaffee eingerichtet haben, um die Gespräche fortzuführen. Nun ist zu hoffen, dass sich mehr Projektpartner finden, um überall in der Schweiz das Plaudern wieder in den Alltag einzubauen.

Wir ziehen den Hut vor den Initianten der Plauderkasse, die ein grosses soziales Problem auf ganz pragmatische und wirkungsvolle Weise angehen.

www.plauderkasse.ch

Es werden laufend Freiwillige gesucht – bei Interesse melden Sie sich bei [email protected]

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Öffnungszeiten der Basler Plauderkassen

TopPharm Apotheke Gellert:

Mittwoch,14.30 Uhr bis 17.30 Uhr

Migros Filiale Gundelitor:

Dienstag, 09.00 Uhr bis 11.00 Uhr
Donnerstag,15.00 Uhr bis 17.00 Uhr