Wie Menschenrechte menschlich werden

Laut ihrer Definition gelten die Menschenrechte universell, doch in der Praxis wird dies nicht immer umgesetzt. Das wird sich nicht ändern, so lange wir das Thema rein rational betrachten. Wir müssen lernen, die Menschlichkeit von unseren Köpfen in Herz, Bauch und Hände sickern zu lassen. Kolumne anlässlich des gestrigen Tags der Menschenrechte.

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Den ersten direkten Kontakt mit Menschrechten hatte ich während meiner Arbeit im Asylwesen. Ein junger Eritreer fragte mich: «Frau Laura. Es gibt doch Menschenrechte. Sie besagen, dass alle Menschen arbeiten und zur Schule gehen dürfen. Also sollte ich doch arbeiten dürfen?» Ich war baff und ging mit dieser Frage zu meinem Vorgesetzten. Er antwortete: «Das stimmt eigentlich schon, aber solange der Eritreer noch kein Asyl erhalten hat, kommen die Menschenrechte nicht zum Zuge.» Gleichermassen baff war ich von dieser Antwort. Es blieb mir nichts anderes übrig, als dem jungen Mann diese Nachricht zu überbringen. Was für eine Aufgabe!

Das war vor drei Jahren. Seither fragte ich mich, ob Menschenrechte wirklich menschlich sind. Eine Art Antwort erhielt ich in meinem Masterstudium in Friedenswissenschaften: Es gibt einen Unterschied, ob Rechte nur rational verstanden und angewendet werden, oder ob sie ganzheitlich erfahren und unmittelbar gelebt werden.

Früher waren Menschenrechte für mich ein Gedankenkonstrukt, mit dem ich wenig anfangen konnte. Sie kamen von der UNO und sollten auf alle Menschen zutreffen. Damit war ich zwar einverstanden, betroffen hatten sie mich allerdings wenig. Sie waren einfach zu weit weg von meinen persönlichen Erfahrungen. Ich wage zu behaupten, dass es vielen anderen Menschen ähnlich geht. Ansonsten würden doch nicht bis heute auf der ganzen Welt die unmenschlichsten Dinge passieren – mit Menschen!

Wenn wir Menschenrechtsverletzungen ein Ende setzen wollen, dann müssen wir lernen, Menschenrechte konsequent zu leben. In unserem Alltag, in unserem Denken und Handeln sowie in unserer alltäglichen Lebensweise. Wir müssen die Menschenrechte tief in unseren Körpern verankern. Sie müssen sozusagen vom Kopf in unsere Körper sickern. Denn solange sie nicht in uns und unserer unmittelbaren Lebenswelt angekommen sind, können sie instrumentalisiert und verdreht werden. Wir müssen den französischen Philosophen René Descartes (1596–1650) neu begreifen. Statt «Ich denke, also bin ich» müssen wir sagen: «Ich fühle, also bin ich». Nur so wird aus leeren Worten und Gesetzen gelebte Realität. Nur so werden Menschrechte menschlich.

In ihrer jetzigen verschriftlichen Form können uns Menschenrechte eine Stütze sein. Sie können uns daran erinnern, was menschliches Handeln wirklich bedeutet: Dass wir nämlich nicht nur einen Kopf, sondern auch ein Herz, einen Bauch und Hände haben. Durch sie wirken wir. Erst dann, wenn wir uns vergewissert haben, dass jeder Mensch ein Mensch ist, können wir diese Stütze beiseitelegen. Konkret heisst das zum Beispiel, dass jeder Mensch – ohne Ausnahme, auch nicht im Asylwesen – arbeiten und zur Schule gehen darf, und dass Menschenrechte demzufolge wirklich universell gelten. Schliesslich entspricht dies auch ihrer offiziellen Definition von 1948.

Davon habe ich kürzlich einem Bekannten erzählt. Er zitierte Churchill: «Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz, wer mit 40 immer noch einer ist, der hat kein Hirn». Er erklärte, dass er zwar im Herzen mit mir einig, diese Haltung jedoch rational und politisch nicht umsetzbar sei. Ich erwiderte: «Genau das ist das Problem unserer Gesellschaft: Dass wir beim rein politisch-rationalen «Recht-fertigen» unser Herz vergessen haben.»

 

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Laura C

 

 

 

 

 

 

Laura Condrau schloss nach einem Studium in Soziologie im Januar 2021 den Masterstudiengang in transrationaler Friedensforschung an der Universität Innsbruck ab. Sie ist Programmkoordinatorin bei einer NPO, unterrichtet Kundalini-Yoga und ist Co-Präsidentin des «Global Ecovillage Network Suisse».

www.lauracondrau.ch